Personalien

Gerüchte gegen die Langeweile

Während Vettel und Red Bull die Formel 1 dominieren, steht Mercedes-Technikchef Brawn vor dem Aus

Das Geschehen auf der Piste gibt nicht viel her. Sebastian Vettel dominiert seit dem großen Preis von Belgien das Geschehen. Vier Rennen, vier Siege des Red-Bull-Chauffeurs. Von seinen 115 Rennen hat der Blondschopf aus Heppenheim nun 34 gewonnen, bereits am kommenden Sonntag kann er mit einem Sieg in Suzuka/Japan den Titel holen, wenn Ferraris Nummer eins, Fernando Alonso nicht wenigstens Rang acht belegt. Die Formel 1 verströmt momentan das, was Gift für sie ist – Langeweile. Also richtet sich der Blick bei allen, außer bei Red Bull, in Richtung 2014. Der Umstieg auf Turbo-Motoren zwingt die Teams zu kompletten Neukonstruktionen, zwingt Reifenhersteller Pirelli zur Auflage verschiedener neuer Gummiwalzen.

Die derzeit am häufigsten gestellte Frage betrifft keinen Piloten, die Szene beschäftigt sich mit Ross Brawn. Der Mercedes-Teamchef soll dem Vernehmen nach zum Saisonende seine Hut nehmen. Der Brite, der mit Rekordchampion Michael Schumacher bei Benetton und Ferrari zwischen 1994 und 2004 sieben WM-Titel gewann, soll dann dem in dieser Saison verpflichteten Ex-McLaren-Designer Paddy Lowe Platz machen.

Brawn, 58, hatte die Machtübergabe an seinen acht Jahre jüngeren Landsmann bereits im Sommer vorsichtig angekündigt. Für 2013 sei die Befehls-Struktur bei Mercedes noch eindeutig. „Ich bin verantwortlich, Paddy arbeitet für mich.“ Aber: „Ab einem gewissen Zeitpunkt in der Zukunft wird sich das ändern. Wenn der Übergang kommt, wird es eine sanfte Übergabe geben.“ Gerüchte um einen nur bedingt freiwilligen Rückzug des einst respektvoll „Superhirn“ genannten Formel-1-Urgesteins hat es schon lange gegeben.

Entspannung beim Angeln

Dem passionierten Angler und Rosenzüchter gelang 2009 mit seinem eigenen Team BrawnGP der Gewinn des Fahrer- und des Team-Titels. Jenson Button holte in den ersten sieben Rennen sechs Siege. Die dann aufkommende Diskussion um die Zulässigkeit des Doppeldiffusors war das Ergebnis des bis dato letzten technischen Geniestreiches von Brawn. Er verkaufte 2010 sein Team an Mercedes. Doch seit dieser Saison überstrahlen Vettel und Red Bull alles. Vor allem Red-Bull-Konstrukteur Adrian Newey (wie Brawn Brite) hat ihm den Rang abgelaufen.

Derzeit werden bei Mercedes alle Trennungsmeldungen zum Thema Ross Brawn als Spekulation bezeichnet. Aufsichtsratchef Niki Lauda dementiert energisch. „Ich weiß nicht, wo diese Geschichte herkommt, sie stimmt nicht“, sagte der 64-jährige Österreicher. „Wir sind noch immer in Verhandlungen, am Stand der Dinge hat sich nichts geändert.“ Eine Entscheidung werde zudem „eindeutig nicht“ vor Ende der Saison fallen, „so ist es von vornherein abgemacht.“ Lauda weiter: „Bis dahin wird volle Pulle gearbeitet.“ Er wolle „in jedem Fall“ mit Brawn weitermachen, „es ist aber seine Entscheidung“, sagte Lauda. Brawn sei hoch motiviert. Nicht wenige behaupten: Für einen Wechsel zu Honda, die 2015 wieder in den Formel-1-Zirkus zurückkehren

Seit dem Formel-1-Comeback zur Saison 2010 steht der Brite an der Spitze der Silberpfeile, hat es aber nicht geschafft, Mercedes in die Weltelite zu führen. Und da gehört die Marke mit dem Stern nach eigenem Selbstverständnis einfach hin. Zwar sind die Renner des Weltkonzerns in dieser Saison deutlich schneller unterwegs als in den vergangenen Jahren, aber echte Gegner für Vettel sind Lewis Hamilton und Nico Rosberg nicht. Und zweite Plätze sind nun mal kein Äquivalent für einen Einsatz von etwa 300 Millionen Dollar in der laufenden Saison. Damit sich das so schnell wie möglich ändert, soll nun angeblich Lowe das Kommando übernehmen. Der Engländer war im Juni von McLaren zu Mercedes gewechselt und gilt seitdem als potenzieller Nachfolger Brawns. Zudem wäre der Wechsel ein weiterer Schritt bei der kompletten Umstrukturierung des Teams, die vor allem Lauda vorantreibt. Zunächst musste der langjährige Motorsportchef Norbert Haug gehen und wurde durch den Österreicher Christian Wolff ersetzt. Mit Brawn ginge ein weiteres Alpha-Tier von Bord.

Schließlich ist er bei Mercedes wegen der fehlenden ganz großen Erfolge in Form von WM-Titeln schon länger nicht mehr als unumstritten. Trotz enormer finanzieller Ressourcen waren die silbernen Renner unter der Leitung des Fans von Manchester United viel zu oft hinterhergefahren. Die Kritik wuchs. Als „Schumacher der Boxenmauer“ bezeichnet ihn keiner mehr.