Stürmer

„Ich bin fußballbekloppt“

Die Treffer von Pierre-Michel Lasogga wirbeln den HSV und Hertha durcheinander

Es gab viele, die per SMS gratulierten. Bei einem Anrufer ging der Held des Nachmittages dann ans Telefon. „Das war mein schönstes Geburtstagsgeschenk“, bedankte sich Luggi, der kleine Bruder beim großen Bruder. Pierre-Michel Lasogga (21), dreifacher Torschütze beim 5:0 des Hamburger SV in Nürnberg, hatte nach seinem zweiten Treffer sein Trikot gelupft. War zur nächsten TV-Kamera gelaufen und hatte auf den Spruch auf dem Shirt darunter gezeigt: „Happy Birthday, Luggi“. Er feierte seinen elften Geburtstag.

Auch von seinem Stammverein trafen Glückwünsche ein. „Ich habe Pierre gratuliert“, sagte Hertha-Manager Michael Preetz. Das habe er bereits bei den ersten Treffern des Stürmers (gegen Fürth und Frankfurt) so gemacht. „Pierre ist unser Junge“, sagte Preetz. Bekanntlich haben die Berliner den Torjäger bis Juni 2014 an den HSV verliehen. Im Anschluss hat Lasogga einen Vertrag in Berlin bis Juni 2015.

Für die Fans beider Verein geraten die eigenen Verantwortlichen nun in die Kritik. In Hamburg hagelt es im Internet Vorwürfe gegen Sportdirektor Oliver Kreuzer. Wie der HSV einen so guten Stürmer ohne eine Kaufoption ausleihen könne. Jetzt werde Lasogga beim HSV womöglich ein Star, etwaige Millionen Transfererlöse würde aber Hertha einstreichen. In Berlin werden Trainer Jos Luhukay und Manager Preetz gefragt, wieso der Bundesliga-Aufsteiger einen so treffsicheren Stürmer überhaupt abgibt, statt ihn selbst aufzustellen. Wie wechselhaft das Geschäft ist, zeige doch Adrian Ramos, Herthas etatmäßiger Angreifer hat seit fünf Partien keinen Treffer mehr erzielt.

Lasogga stellte sich am Montag nach dem Auslaufen einer größeren Journalisten-Runde. Er erzählte, dass er in Hamburg „wahnsinnig gut aufgenommen“ worden sei. Dass er in Nürnberg den ersten Hattrick seit seiner Jugend erzielt habe. Er habe den Spielball Ersatztorwart Sven Neuhaus zugesteckt. „Der kommt zu meiner Trophäensammlung.“ Fragen zur Nationalmannschaft, ob er nicht ein Kandidat für Bundestrainer Joachim Löw sei, bog er ab: „Ja, das ist ein Traum. Aber über die Nationalmannschaft brauchen wir nicht reden. Die Saison ist noch lang.“

Indirekter Vorwurf an Jos Luhukay

Beraterin und Mutter Kerstin Lasogga sagte über die Verfassung ihres Sohnes: „Das bedeutet Pierre alles. Er schwebt auf Wolke sieben, da muss man ihn fast runterholen.“ Natürlich sei der gelungenen Auftakt in Hamburg – fünf Tore in fünf Einsätzen – „eine Genugtuung für uns. Daran, dass Pierre so einschlägt, sieht man, dass er Qualitäten hat.“ In Berlin ist das Verhältnis des Familienunternehmens Lasogga zu Hertha und Preetz intakt, der Adressat dieses indirekten Vorwurfs ist Trainer Jos Luhukay.

Der hatte Lasogga, der aus einer siebenmonatigen Kreuzband-Verletzung zurückgekommen war, in der internen Stürmer-Hierarchie stets hinter Ramos und Sandro Wagner gesehen. Zudem setzt der Hertha-Coach auf ein System mit einem mitspielendem Stürmer. Beim HSV ist das Spiel ganz auf Lasogga ausgerichtet, der mit vielen Zuspielen gefüttert wird.

Deshalb hatte Herthas sportliche Leitung einem Leihgeschäft zugestimmt. „Bei uns hätte Pierre sehr wahrscheinlich nicht die Einsatzzeiten bekommen, die er nun in Hamburg hat“, sagte Preetz. Der Hauptstadt-Klub hat sich erhofft, dass der Stürmer an der Elbe einen Spielrhythmus bekommt, an sein altes Leistungsvermögen anschließen kann und Tore erzielt. „Ich freue mich sehr für Pierre“, sagte Preetz, „es war nicht zu erwarten, dass es so rasch gelingen würde.“ Es wäre „für alle Beteiligten das Beste, wenn Pierre dieses Niveau über die gesamte Saison halten kann.“

In Hamburg loben die Verantwortlichen Lasogga. „Pierre ist ein Kabinen-Spieler“, erklärte Sportdirektor Kreuzer. Es gäbe Profis, die zur Arbeit kommen, ihren Job machen und wieder nach Hause fahren. „Pierre ist einer, der in die Kabine kommt und erst mal alle anstrahlt. Er nimmt sich den nächsten Ball, jongliert ein wenig und hat für alle einen Spruch parat.“ Lasogga war etwas verlegen: „Ich dachte, ich wäre eher der zurückhaltende Typ. Aber es stimmt schon. Ich bin fußballbekloppt.“ Dieses Moment lieben die Fans.

Sehnsucht nach einem Fanliebling

In Berlin war Lasogga Publikumsdarling, in Hamburg ist er auf dem Sprung dorthin. Die Zuneigung der Anhänger ist nun kein Argument für einen Trainer, einen Spieler aufzustellen. Aber nach dem Abgang von Lasogga und den Fragezeichen, die sich bei Ronny stellen, verfügt Hertha derzeit über keinen echten Publikumsliebling. Auch wenn sich Trainer Luhukay mit dem sehr ordentlichen Saisonstart bestätigt fühlen darf – Hertha liegt überraschend auf Rang sechs – die Sehnsucht nach einer Identifikationsfigur unter den Anhängern bleibt. Was bleibt, ist die Frage, die überall gestellt wird – was wird im Sommer: Bleibt Lasogga in Hamburg? Kehrt er zu Hertha zurück? Oder wird er für viel Geld an einen anderen Verein verkauft?

Lasogga grinst. „Hört sich vielleicht komisch an. Aber ich blende dieses Thema komplett aus. Ich konzentriere mich auf das Hier und Jetzt.“ Hertha-Manager Preetz sagt: „Die Fakten sind klar: Ab Juli 2014 ist Pierre wieder unser Spieler. Deshalb gibt es keine Not, heute oder morgen etwas zu entscheiden.“

Mutter und Beraterin Lasogga formulierte die Zukunftsaussichten ihres Sohnes so: „Man darf das jetzt nicht zu hoch hängen. Im Winter kann man vielleicht sagen, was sein wird. Im Moment ist Pierre ausgeliehen. Und Fakt ist: Er hängt sehr an Berlin.“