Bundesliga

Erst pfui, dann hui

Hertha BSC trifft bei Hannover 96 auf das Team der zwei Gesichter und kennt das von sich selbst

Er ist schön schmal, der Grat zwischen Chaosklub und Team der Stunde. Zumindest in Berlin. Wenn Hertha BSC sein Spiel bei Hannover 96 heute (20.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) gewinnt, schiebt sich der Bundesligaaufsteiger am 8. Spieltag auf den Champions-League- Qualifikationsplatz vier vor. Dabei war gestern noch Krise. Aber „gestern“, das ist im Fußball ja so eine komische Kategorie. Was gestern noch alles ganz gruselig war, kann heute schon wieder tipptopp sein – und umgekehrt.

Zehn von 13 Toren nach der Pause

Mirko Slomka kennt das. Seit der Cheftrainer von Hannover 96 mit seiner Mannschaft am ersten Spieltag 2:0 gegen den VfL Wolfsburg gewann, gleicht kein Wochenende mehr dem vorigen. Auf den fulminanten Heimsieg folgte eine heftige 0:3-Klatsche in Mönchengladbach, dieser wiederum ein erneuter Heimerfolg gegen den Champions-League- Teilnehmer Schalke 04 (2:1) und so fort. Das macht die Niedersachsen derzeit zu einer Mannschaft mit zwei Gesichtern: Während vor eigenem Publikum jede der bisherigen vier Partien gewonnen wurde und bei einem weiteren Sieg gegen Hertha sogar ein neuer Heimrekord winkt, konnte in der Fremde nicht einmal ein einziges Tor erzielt werden. Drei Spiele, drei Pleiten. Dass die Gegner neben Gladbach dabei noch Bayern München (0:2) und Bayer Leverkusen (0:2) hießen, macht die Sache zwar erklärbarer, hindert Slomka aber nicht daran, vor der Begegnung gegen Hertha die Erwartungen zu drosseln: „Eine Spitzenmannschaft sind wir noch nicht, sonst würden wir das auswärts bestätigen“, sagte der 46-Jährige.

Zwei Gesichter kennt auch Jos Luhukay von seiner Mannschaft, auch wenn sie weniger grimassenhaft sind. Herthas Chefcoach bekommt sie nicht abwechselnd bei Heim- und Auswärtspartien zu sehen, sondern meist während eines einzigen Spiels: Nummer eins in der ersten Halbzeit, Nummer zwei nach der Pause. Die frappierend unterschiedlichsten Visagen zeigte Hertha am vergangenen Spieltag gegen Mainz 05: Da wurden die ansonsten so heimstarken Blau-Weißen im ersten Durchgang nahezu überrannt, wirkten ideenlos wie selten zuvor in dieser Saison und durften froh sein, nur mit 0:1 in die Halbzeitunterbrechung zu gehen. Wie frisch geschminkt aber traten die Berliner dann plötzlich aus der Kabine, trafen prompt dreimal und gewannen die Partie 3:1. „Ich glaube, ich habe die richtigen Worte in der Halbzeit gefunden“, sagte Luhukay später erklärend. Das scheint dem 50- Jährigen öfter zu gelingen, denn Hertha zeigt wie schon im vergangenen Zweitligajahr nun auch eine Klasse höher seine Stärke zumeist im zweiten Spielabschnitt: Zehn der insgesamt 13 Saisontore fielen erst nach der Halbzeitpause. Wäre jeweils schon nach 45 Minuten Schluss gewesen, die Blau-Weißen stünden mit nur vier statt aktuell elf Punkten auf Tabellenplatz 17.

Luhukay aber ist kein Trainer, der die einzelnen Spiele zerteilt, sondern in Entwicklungsschritten denkt. Nachdem es seinem Team zumeist gelungen ist, wie angestrebt im eigenen Stadion mutig und bisweilen Aufsteiger-untypisch dominant aufzutreten, sieht er in der Fremde noch Potenzial: „Für uns ist es wichtig, dass wir auch auswärts versuchen, an unsere Leistungen in den Heimspielen anzuknüpfen“, sagte Luhukay vor dem Spiel in Hannover. Hertha kehrte von keiner der bisher drei Auswärtsfahrten mit drei Punkten heim. Deshalb sagt auch Mittelfeldspieler Per Skjelbred: „Es ist wichtig, dass wir auswärts mal etwas mitnehmen.“ Damit das ausgerechnet in Hannover gelingt, dürfte Luhukay gleich von Beginn an auf das zweite Gesicht seiner Mannschaft aus dem Mainz-Spiel setzen.

Skjelbred im Zentrum

In der zweiten Halbzeit rückte Skjelbred vom rechten Flügel ins defensive, zentrale Mittelfeld neben Hajime Hosogai, machte für Joker Sami Allagui Platz, der zweimal traf. Das könnte sich Skjelbred nun auch gegen 96 vorstellen: „Wenn es der Mannschaft hilft, okay. Warum nicht?“, sagte der 26-Jährige.

Dass Luhukay aber in Hannover auch den brasilianischen Spielgestalter Ronny auf die Bank beordert, wie gegen die Rheinhessen Mitte des zweiten Durchgangs, und Änis Ben-Hatira ins Zentrum verschiebt, der gegen Mainz auf Ronnys Position überzeugte, ist eher unwahrscheinlich. „Ronny hat bisher noch nicht da anknüpfen können, wo er im letzten Jahr aufgehört hat“, sagte Luhukay, fügte aber ergänzend an: „Was noch nicht ist, kommt hoffentlich noch. Wir müssen Geduld haben, um den Ronny wieder zu bekommen, den wir im letzten Jahr gehabt haben.“

Da schoss Ronny bekanntlich 18 Tore und bereitete 14 Treffer vor. Und wenn es nach Jos Luhukay geht, dann kann das, was gestern noch gut war, gern auch morgen wieder gut sein