Hertha BSC

Allagui verscheucht Herthas Sorgen

Der nach der Pause eingewechselte Stürmer schießt den wichtigen Sieg gegen Mainz heraus

Es bildete sich eine regelrechte Schlange. Zunächst gratulierte Peter Niemeyer. Dann bedankte sich Nico Schulz. Herthinho schob seinen massigen Körper dazwischen. Levan Kobiashvili umarmte den Mann des Nachmittags. Manager Michael Preetz lobt ihn mit einem Schlag auf die Schulter. Bei Hertha BSC wussten sie, wem der dritte Saisonsieg zu verdanken war: Sami Allagui nahm die Ovationen strahlend entgegen. Er hatte nach seiner Einwechslung mit zwei Toren aus einer drohenden Niederlage einen Sieg gemacht, mit 3:1 (0:1) gewann Hertha BSC die wichtige Partie gegen den FSV Mainz. Den dritten Treffer vor 40.969 Zuschauern steuerte Änis Ben-Hatira bei (74.).

Dabei nahmen Hausherren den schweren Weg zum Erfolg. Sowohl Hertha als auch die Gäste gingen jeweils mit einer Pokal-Niederlage gegen einen unterklassigen Gegner im Gepäck in diese Partie. Die Berliner halfen unfreiwillig mit, das Nervenkostüm der Gäste zu stabilisieren. Peter Pekarik ließ Gegenspieler Eric Coupo-Moting gewähren, Herthas Hajime Hosogai wurde von Nicolai Müller düpiert, der Mainzer spitzelte den Ball ins kurze Eck, 0:1 (8.).

Balsam für den FSV, der zuvor vier Niederlagen in Folge kassiert hatte. Und eine schwere Hypothek für die Berliner. Ohne den verletzten Spielmacher Alexander Baumjohann vermochte Hertha kaum Druck aufzubauen. Der enttäuschende Ronny, der das Spiel lenken sollte, bewegte sich zu wenig und war kaum einmal anspielbar. Als er in der zweiten Hälfte ausgewechselt wurde, reagierte er wütend und kickte eine Trinkflasche weg. Die Gäste spielten ein aggressives Pressing. Hertha wurde mit einem Distanzschuss gefährlich (Ronny/11.), dazu ein schneller Angriff über Ben-Hatira und Adrian Ramos (24.) – mehr Durchschlagskraft hatte Hertha nicht anzubieten.

In der Pause wurde es laut in der Kabine. Trainer Luhukay sagte: „Wir dürfen dieses Spiel nicht verlieren.“ Zudem bewies der Trainer ein goldenes Händchen. Für den blassen Tolga Cigerci kam Sami Allagui. Nun rückte Per Ciljan Skjelbred auf die Doppelsechs, Allagui übernahm dessen rechte Außenbahn. Eine Maßnahme, die sofort Wirkung zeigte. Im ersten gefährlichen Angriff schickte Ben-Hatira links Ramos im Strafraum hinunter. Der Kolumbianer umkurvte Torwart Müller und schoss fast von der Außenlinie aufs Tor. Allagui stürmte heran und schob den Ball aus einem Meter ins Netz, 1:1 (48.). Die Mainzer werden nicht behaupten, sie hätten um die Gefährlichkeit von Allagui nicht gewusst: Der Stürmer spielte zwischen 2010 und 2012 für den FSV (47 Einsätze, 14 Tore).

Nun bot sich ein Ball paradox. Fortan gewann Hertha fast jeden Zweikampf, die Gäste hatten Mühe, aus der eigenen Hälfte zu kommen. Die meisten Herthaner waren beim Pokal-K.o. in Kaiserslautern (1:3) nicht dabei, gestern wirkten sie deutlich frischer als die Mainzer. Dort hatte Trainer Thomas Tuchel seine A-Elf aufgeboten (0:1 gegen den 1. FC Köln).

Späte Genugtuung

Und der Mann, der das Momentum hatte, sorgte für die Entscheidung. Allagui wurde im Mainzer Strafraum angespielt, tanzte Joo-Ho Park aus, durch die Beine von Torwart Müller hindurch schlug der Ball im Netz ein, 2:1. (73.). Was für eine Genugtuung für Allagui, der im vergangenen Sommer unter Trainer Thomas Tuchel keine Perspektive in Mainz hatte. „Wir waren enttäuscht vom Pokal. Zum Glück haben wir gegen Mainz verdient gewonnen. Die zweite Hälfte war eine starke Steigerung. In der ersten hatten wir zu wenig Mut, das ist eigentlich unerklärlich“, sagte er.

Die Gäste rafften sich im Stil eines angeschlagenen Boxers unmittelbar nach dem Wiederanpfiff zu einem Angriff aus – und wurden von Hertha bestraft. Der starke Skjelbred passte in die Schnittstelle der aufgerückten FSV-Abwehr. Ben-Hatira nahm den Ball mit einer technisch hochwertigen Annahme mit und ließ Torwart Müller mit einem platzierten 20-Meter-Flachschuss keine Chance, mit dem 3:1 war die Partie entschieden (74.). Ben-Hatira sprintete an allen Kollegen vorbei auf die Bank zu und herzte Trainer Luhukay. „Unter der Woche hatte ich ein langes Gespräch mit dem Trainer. Er hat gesagt, ich soll mich mal belohnen, weil ich immer einen so hohen Aufwand betreibe.“

Nach zuvor drei Niederlagen (und einem Remis) war dieser Sieg eminent wichtig. Innenverteidiger Sebastian Langkamp sagte: „Wir haben das mit der Krise mitbekommen. Aber wir wollen uns keine Krise einreden lassen. Wir haben uns jetzt oben festgesetzt.“ Als Tabellenfünfter mahnte Luhukay, die Übersicht zu behalten: „Wir sind Aufsteiger. Wir haben nie geträumt. Für uns geht es um den Klassenerhalt. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir hier von vier Heimspielen bereits drei gewonnen haben.“ Sein Kollege Tuchel sagte: „Der Sieg lag lange nicht zwingend in der Luft. Aber mit dem Doppelschlag zum 3:1 war das Spiel entschieden.“

Luhukay analysierte: „Wir hatten mehr Energie, mehr Dynamik, mehr Power. Wir konnten schneller umschalten. Ich bin sehr froh über meine Mannschaft, dass sie trotz des Rückstandes so ins Spiel zurückgekommen ist.“