Motorsport

Neue Regeln sollen Vettel bremsen

Auch in Singapur startet der Weltmeister von der Poleposition. Deshalb setzt die Formel 1 ab 2014 auf Turbo-Motoren

Ein spektakuläres Überholmanöver in der letzten Runde des letzten Saisonrennens kürt den neuen Formel-1-Weltmeister – so die Idealvorstellung des immer noch extrem einflussreichen Bernie Ecclestone. 2013 hat der mittlerweile 82 Jahre alte Brite keine Chance auf einen ihm genehmen Verlauf im Titelkampf der Königsklasse. Zu sehr dominiert Sebastian Vettel im Red Bull. Ecclestone, dessen Job-Bezeichnung recht schlicht Geschäftsführer der Formel-1-Holding SLEC (Formula One Group) lautet, was mit Chefvermarkter und Geldverteiler ein wenig ruppig, aber zutreffend zu übersetzen ist, sieht mit Schrecken einem Szenario entgegen, das den 26-jährigen Überflieger aus Heppenheim drei oder gar vier Rennen vor Saisonschluss zum Champion macht.

Es geht um viel Geld

Und das erscheint immer wahrscheinlicher. Auch den Großen Preis von Singapur (Sonntag, 14 Uhr RTL und Sky) nimmt Vettel von der Poleposition aus in Angriff, ließ unter Flutlicht seinen Konkurrenten Nico Rosberg (Mercedes) und Romain Grosjean (Lotus) im Abschlusstraining nur die Ehrenplätze. Vettel geht mit einem Vorsprung von 53 Punkten auf Fernando Alonso (Ferrari) ins siebtletzte Saisonrennen. Ein Albtraum für Ecclestone.

Und der steht nicht allein. An seiner Seite sind all die Teamchefs, die angetreten sind, um den Titel zu kämpfen, Red Bull und Vettel aber nicht das Wasser reichen können. Und das letztlich im vierten Jahr in Folge. Ob Luca di Montezemolo (Ferrari), Martin Whitmarsh (McLaren), Christian Wolff (Mercedes) oder Eric Boullier (Lotus) – keiner findet findet auch nur ein gutes Haar am Kampf um Platz zwei. Der Grund: Geld. Platz zwei gebührt dem ersten Verlierer, Platz zwei bremst den Enthusiasmus von Sponsoren. Und nichts wird in der Formel 1 so sehr benötigt wie ein steter Fluss von Dollar, respektive Euro.

Ergo gibt es einiges zu regeln. Ein probates Mittel: Veränderungen der Technik. Für 2014 steht eine Revolution an. Die seit 2006 benutzten Motoren werden ersetzt. Aus 2,4-Liter V 8-Treibsätzen werden solche mit 1,6 Liter Hubraum und Turbo-Befeuerung. Damit definitiv verknüpft: Die Überlegenheit von Red Bull soll möglichst zerschlagen werden. Die offiziell verkündeten Segnungen einer besseren Wirtschaftlichkeit, gern auch als mittelfristig kostensenkend beschrieben, einer größeren Umweltverträglichkeit oder einer aus Sicht der Hersteller näher an den Markterfordernissen liegenden Motorengeneration sind sicher (graduell unterschiedlich) zutreffend, aber letztlich zweitrangig.

Für Damon Hill, Weltmeister 1996 und Dauerrivale von Rekordchampion Michael Schumacher, sind die angestrebten Veränderungen folgerichtig. Gleichzeitig sieht er der Entwicklung mit einer gewissen Skepsis entgegen. „Im nächsten Jahr werden die Regeln geändert, dann wird üblicherweise alles neu gemischt. Aber wenn sich die Dinge eingespielt haben, wird die Creme de la Creme auch wieder vorne sein“, sagte der 53-jährige Brite in der BBC. Für unausweichlich hält er die Regelanpassung trotzdem: „Nur so gibt es überhaupt eine Chance, damit das Feld wieder ausgeglichener wird.“

Ein größere Ausgeglichenheit war auch das Ziel der in den letzten Jahren vorgenommenen signifikanten Technikänderungen Kers und DRS. Die Energierückgewinnung, die sich in einer kurzfristig zu nutzenden Erhöhung der Motorleistung niederschlagen (Kers) und das Öffnen der Heckflügelklappen um einen Überholvorgang ermöglichen (DRS) sollte, haben die Kräfteverhältnisse jedoch nicht nivelliert. Einer, der sich mit der Einführung des DRS beschäftigen musste und heute in der Rolle des „interessierten Beobachters“ das Geschehen verfolgt, ist Norbert Haug. Der ehemalige Motorsportchef von Mercedes relativiert: „Die Absicht war gut, aber man muss sich heute fragen, ob das auf der Strecke noch richtige Überholvorgänge sind, wenn der eine den Flügel aufmacht und der andere sich nicht wehren kann. Aber als es eingeführt wurde, waren die Rennen langweilig.“

Ab 2009 profitiert Red Bull

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die letzten größeren Technik-Veränderung 2009 (Einführung Kers, Wiedereinführung der profillosen Reifen und neue Maße für Front- und Heckflügel) kosteten die bis dato dominanten Teams von Ferrari und McLaren ihren Vorsprung. Der Brite Jenson Button gewann im Team des heutigen Mercedes-Technikchefs Ross Brawn (BrawnGP) den WM-Titel – und der Aufstieg von Red Bull nahm seinen Anfang.

„Alle Topteams wissen: Wenn sie 2014 ein Konkurrent sein wollen, dann müssen sie schon sehr bald ihre Ressourcen umstellen“, sagte Ferrari-Mann Domenicali vor dem Grand Prix in Monza. Spätestens seit dem Sieg von Sebastian Vettel in Königlichen Park hilft bei den „Roten“ mit Blick auf 2014 aber auch nur noch der Glaube an ein kleines Wunder. „Ich denke, wir könnten im nächsten Jahr einige Überraschungen erleben, was das Kräfteverhältnis angeht“, ließ er in einem Interview bei „formula1.com“ wissen. Die latente Ratlosigkeit im vergeblichen Kampf um den Fahrer-WM-Titel seit 2007 (Ferrari Rückkehrer Kimi Räikkönen) zeigt sich in dem Satz: „Es ist wirklich wichtig, es richtig hinzubekommen, sonst bist du verloren.“