Formel 1

Abrechnung mit Räikkönen

Lotus-Besitzer Lopez beschwert sich vor dem Rennen in Singapur über die Undankbarkeit des Finnen beim Wechsel zu Ferrari

Jede Geste, jeder noch so kurze Satz von Fernando Alonso und Kimi Räikkönen wird genau verfolgt an Singapurs Yachthafen, wo am Sonntag der 13. WM-Lauf zur Formel-1-Weltmeisterschaft stattfi ndet (14 Uhr). Will doch auch im Zwergstaat an der Südspitze des asiatischen Festlandes jeder wissen, wie die ankündigte Zusammenarbeit der beiden Alpha-Piloten funktionieren soll.

Die auffallend harmonischen Aussagen vermitteln den Eindruck, als wäre jede Krisenwarnung vollkommen aus Singapurs feuchter Luft gegriffen. „Wir sind alt genug, um genau zu wissen, was wir machen. Wenn es doch Probleme geben sollte, werden wir darüber sprechen“, sagte der bisherige Lotus-Pilot Räikkönen artig: „Wir sind keine 20 Jahre alten Jungs mehr. Es wird sicher harte Kämpfe auf der Strecke geben, aber ich bin sicher, dass das funktionieren wird.“

Der Kanadier Jacques Villeneuve etwa hatte Ferraris Idee, zwei Ex-Weltmeister in einem Team zu vereinen als „kompletten Wahnsinn“ abgetan, Ex-Champion Mario Andretti zumindest vor „politischen Schwierigkeiten“ gewarnt. Die Skepsis ist groß rund um die Boxengasse. Dennoch flötete Alonso versöhnlich: „Meine Meinung ist, dass Kimi auf dem Markt der Beste war, den wir bekommen konnten. Ich war von Anfang an über alle Entscheidungen des Teams informiert.“ Dass er den Transfer für eine gute Entscheidung hält, sagte er nicht.

Die große Mehrheit seiner bislang 32 Grand-Prix-Siege feierte er aus einem klaren Nummer-eins-Status heraus. Die WM-Titel 2005 und 2006 fuhr er an der Seite des harmlosen Giancarlo Fisichella ein. Als er 2007 mit dem gleichberechtigten Lewis Hamilton bei McLaren die Garage teile, kam es nach weniger als der Hälfte der Rennen zum offenen Streit. Am Ende floh der Spanier, ehe er später das Erbe Michael Schumachers antrat. Es gilt als offenes Geheimnis, dass der 31 Jahre alte Asturier andere Stallgefährten für seine letzten drei Vertragsjahre favorisiert hat, am liebsten den chronisch glücklosen Felipe Massa.

Hamilton im Training Schnellster

Doch bei Ferrari waren sie anderer Meinung. Der Brasilianer Massa wird die Scuderia nach seinem Heimrennen in Sao Paulo (24. November) verlassen, er habe Alonso nicht mehr angetrieben, sondern sich zu genügsam in die Helferrolle gefügt. An seiner Stelle sollte ein Pilot her, der zuverlässig WM-Punkte einfahren und den lukrativen Gewinn der Konstrukteursmeisterschaft ermöglichen kann. Die Wahl fiel auf Räikkönen, den bislang letzten Weltmeister im Ferrari-Overall. Den hatte Konzernchef Luca di Montezemolo vor fünf Jahren zwar noch fortgejagt, in Singapur sagte er aber: „Die Pause hat ihm gut getan. Ich erwarte Siege, Konstanz und Podestplätze von ihm.“ Beim ersten Training in Singapur war Räikkönen als Fünfter schon mal schneller als sein künftiger Partner (7.). Die Bestzeit gelang Mercedes-Mann Lewis Hamilton.

Einen ähnlichen Sinneswandel hat auch Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali durchgemacht: „Wir sind in einer absoluten Luxussituation. Vielleicht haben die anderen Teams einfach Angst, weil wir jetzt so stark sind. Ich höre nicht darauf, was andere zu unseren Entscheidungen sagen.“

Bei Lotus sind sie nicht ganz so glücklich mit dem Wechsel. Auch wegen der Nebengeräusche. „Ich verlasse mein altes Team schlichtweg wegen des Geldes. Sie haben mir mein Gehalt nicht gezahlt.“ Im Gespräch mit der Morgenpost wunderte sich Teambesitzer Gerard Lopez: „Er hätte sein Geld wie in den Vorjahren und wie vereinbart am Ende der Saison bekommen. Ich bin sehr irritiert über den Zeitpunkt und den Inhalt dieser Aussagen.“ Mit angeblich 23 Millionen Euro gehört der WM-Vierte zu den Spitzenverdienern in der Königsklasse, nur Alonso soll noch mehr kassieren.

Überhaupt spüren sie bei Lotus wenig Dankbarkeit beim Finnen, dem sie nach zweijähriger Formel-1-Abstinenz einen Wiedereinstieg ermöglichten. „Im Gegensatz zu Michael Schumacher hatte er nach seinem Comeback ein Auto zur Verfügung, das ihm Siege ermöglicht hat“. sagte Lopez. Neben zwei Siegen stellte er mit 27 Rennen in Folge in den Punkterängen einen Rekord auf. Erst vor Monza hatten sie das Chassis des Boliden auf Räikkönens Wunsch verlängert, um dessen Chancen aufrecht zu erhalten. Nach dem Abschied von Ferrari, den die Scuderia ihm mit 17 Millionen Euro versüßt hatte, wäre Lotus der einzige Rennstall gewesen, der noch Vertrauen in den Champion von 2007 gesetzt hätte. Doch statt Dank folgte die Generalabrechnung auf offener Bühne. Die macht selbst dem luxemburgische Multimillionär Lopez zu schaffen: „Jetzt habe ich meine Lektion endgültig gelernt. Ich brauche die Formel 1 nicht, die Formel 1 ist nicht mein Leben.“