Interview

„Ich kann vom deutschen Fußball lernen“

Startrainer Fabio Capello über das Vorbild Nationalmannschaft, die Berliner Mauer und seine Verbindung zu Hertha BSC

Berlin – Im Doppeldeckerbus wird er vorgefahren, während Berlins Innensenator Frank Henkel auf dem roten Teppich zur Begrüßung wartet. „Herr Henkel bringt den Henkelpott“, ruft der Moderator begeistert. Viel Tamtam um 7,5 Kilo Silber. Doch es ist nicht irgendein Pokal, sondern die Champions-League-Trophäe, die bis morgen am Bahnhof Friedrichstraße ausgestellt wird. Der eigentliche Star der gestrigen Präsentation im Finalort von 2015 gewann sie bereits 1994 beim AC Mailand: Fabio Capello, 67, einer der erfolgreichsten Fußballtrainer und Nationalcoach Russlands. Mit dem Italiener sprach Lorenz Vossen.

Berliner Morgenpost:

Herr Capello, uns trommelt hier der Regen aufs Dach. Hatten Sie sich Berlin angenehmer vorgestellt?

Fabio Capello:

Ach was, das macht doch nichts. Ich habe schon alles gesehen von Berlin. Vor 40 Jahren habe ich hier gespielt und bin oft wiedergekommen. Ost-Berlin, West-Berlin. Mit Mauer und ohne. Mir braucht man nichts mehr über Berlin zu erzählen. (lacht)

Und über den lokalen Bundesligisten Hertha BSC?

Den kenn’ ich ziemlich gut. Team-Manager Nello di Martino ist wie ich Italiener und ein sehr guter Freund von mir. Als ich noch den AS Rom trainiert habe, haben wir im Olympiastadion mal ein Freundschaftsspiel gegen Hertha absolviert (0:0 im Jahr 2000, d. Red.).

Sie sagen, dass Sie nie nur Lehrer, sondern auch immer Schüler bleiben wollen. Was können Sie vom deutschen Fußball lernen?

Ich kann immer Neues lernen, auch vom deutschen Fußball. Zum Beispiel, dass man kompakt stehen muss. Und, wie man schnell und konstruktiv vor das Tor des Gegners kommt. Nicht wie Barcelona das mit vielen Ballberührungen, dem Tiki-Taka, macht.

Sondern?

Durch einen Mittelweg: Nicht zu schnell, nicht zu langsam – das ist der deutsche Stil. Wie gut das gelingt, hängt natürlich davon ab, ob man die richtigen Spieler mit den richtigen Eigenschaften zur Verfügung hat. Eine der wichtigsten Aufgaben eines Trainers ist, zu verstehen, mit was für einem Team man arbeitet.

Welchem deutschen Trainer gelingt das Ihrer Meinung nach am besten?

Ich beschäftige mich viel mit der deutschen Nationalmannschaft Dort wird ein System des optimalen Zusammenspielens praktiziert, es geht nicht um Individualismus. Mir gefällt sehr, wie das deutsche Team das macht.

Worin sehen Sie die Ursachen für die starke Entwicklung?

Man muss sagen: Es war auch viel Glück dabei. Weil die jetzige Generation viele jungen, starken Spieler auf einmal hervorgebracht hat. Dazu hat Deutschland auch ältere, erfahrene Spieler. Das zusammen ergibt eine gute Mischung. Und Trainer Löw macht einen guten Job.

Die Uefa will jüngere Spieler fördern und startete nun die Champions Youth League.

Ich finde, das ist eine gute Entscheidung der Uefa. Die jungen Spieler können ihren Horizont erweitern und viel dazu lernen. Das ist wichtig.

Allerdings wird kritisiert, dass die Belastung zu hoch sei und Ausbildung und Schule darunter leiden.

Na ja, ich bin Profispieler geworden und habe das alles auch hinbekommen. Wenn man will, kann man alles schaffen. Man kann lernen – und spielen.

Können die deutschen Vereine auch dieses Jahr die Champions League dominieren?

Bayern München und Borussia Dortmund werden wieder zu den Besten gehören. Einer der größten Favoriten ist für mich aber Real Madrid, das sehr schwer zu schlagen sein wird. Dazu kommt natürlich noch der FC Barcelona – und Juventus Turin, mit deren Teams man rechnen muss.

Könnten Sie sich vorstellen, in der Zukunft mal einen deutschen Verein zu trainieren?

Nein, nein. Ich muss erst meine Arbeit mit der russischen Nationalmannschaft zu einem guten Ende bringen. Und das bedeutet, dass wir uns erst mal für die Endrunde der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien qualifizieren.