Fußball

Wutausbruch mit Kalkül

Sportvorstand Sammer beklagt nach glanzlosem Erfolg der Bayern die Lethargie der Spieler

Er sei ganz einfach um den Finger zu wickeln. Zumindest von seinen Kindern, sagt Matthias Sammer. Im Familienleben habe seine Frau die Fäden in der Hand. Er knurre nur dazwischen, wenn es notwendig sei. Im Beruf ist es nicht anders. Auch hier sind die Rollen klar verteilt: Trainer Pep Guardiola ist sportlich der Chef, und Sammer knurrt. Wann immer er es für notwendig hält. So wie derzeit.

Am Sonnabend hatten die Münchner gegen Hannover 96 verdient 2:0 (0:0) gewonnen. Trotzdem sagte Sammer: „Wir verstecken uns zur Zeit hinter unserem Trainer, wir emotionalisieren uns null und hoffen auf Impulse von außen. Das geht nicht. Wir machen Dienst nach Vorschrift. Wir müssen raus aus der Komfortzone!“

In der Vorsaison hatte er ebenfalls gemahnt. Nach dem 2:0 in Bremen nannte er das Spiel des Teams „lätschern“. Jupp Heynckes fand das populistisch und forderte, Kritik künftig intern zu äußern. Diesmal ersetzte Sammer „lätschern“ durch „lethargisch“ und schob zur Sicherheit nach, dass er mit einigen Spielern schon intern darüber gesprochen habe. Auch Guardiola hätte das schon thematisiert. Mancher findet Sammers Kritik überzogen. Und es taucht die Frage auf, wann der 46-Jährige sich in seiner Rolle als Mahner abnutzt. Sammer weiß, dass seine Worte zu Diskussionen führen. Wahrscheinlich will er genau das. Es war keine spontane Wutrede. Er dürfte eine klare Strategie verfolgen – zumindest etwas den Fokus von Guardiola auf die Mannschaft zu verschieben. Im Kern ist seine Kritik verständlich und berechtigt. Schon gegen Frankfurt und Freiburg hatten die Bayern nicht gerade geglänzt. Gegen Hannover gewannen sie nur 44 Prozent der Zweikämpfe am Ball und hätten in Hälfte eins in Rückstand geraten können.

Die Klubbosse haben Sammer auch wegen seiner unbequemen Art als Sportvorstand installiert. Er soll Siegermentalität vermitteln, „die letzten Prozent“ mobilisieren. In der vergangenen Spielzeit ist dies gelungen. Sammer hat seine Rolle als Mahner selbst geschaffen und füllt sie mit Leidenschaft aus. So findet er, dass das Triple in der neuen Saison keine Rolle spielen darf. Fünf Titel in den vergangenen 14 Monaten, dazu wählten die Journalisten Franck Ribéry zu Europas Fußballer des Jahres. „Das ist eine Scheinwelt“, so Sammer. „Es geht bei null los.“

Die Spieler sehen die Lage gelassener. Nach Länderspielen sei es immer schwerer, und wichtig seien die drei Punkte, das war am Wochenende der Tenor. Toni Kroos sagte: „Solche Siege wie über Hannover werden uns helfen, immer besser zu werden.“ In den nächsten drei Wochen stehen für ihn und seine Kollegen sieben Spiele auf dem Programm. Im DFB-Pokal treffen sie erneut auf Hannover. Sammer würde nach der Partie gern ohne zu knurren auftreten können.