Vize-Europameister

Aus der Nische ins Rampenlicht

Die Volleyball-EM war ein großer Erfolg. Jetzt will die Sportart nachhaltig davon profitieren

Es war schon weit nach Mitternacht, aber Giovanni Guidetti war noch nicht müde. Der Bundestrainer der deutschen Volleyballerinnen war immer noch gefangen vom Erlebten – und hin- und hergerissen. „Die Mädels haben Unglaubliches geleistet“, sagte der Italiener. Aber nach dem 1:3 (23:25, 25:23, 23:25, 14:25) im Finale der Europameisterschaft gegen Weltmeister Russland in der Max-Schmeling-Halle musste er auch zugeben: „Mein Herz ist ein bisschen traurig.“ Er habe, so meinte Guidetti gequält lächelnd, „eine schlechte Beziehung zu Niederlagen.“

Gute Quoten bei TV-Übertragung

Bei seinen Spielerinnen ging der Stimmungsumschwung schneller. „Ich war nur drei Minuten traurig. Wir haben Silber gewonnen, nicht Gold verloren“, meinte Mittelblockerin Corina Ssuschke-Voigt. Wie ihre Mitspielerinnen tanzte auch sie bereits kurz nach Spielende ausgelassen auf dem Feld, bejubelt von 8500 Zuschauern, die einen sehr stimmungsvollen Rahmen abgaben. „Im Vorfeld haben viele an uns gezweifelt“, sagte die gebürtige Berlinerin Saskia Hippe, „aber wir haben eindrucksvoll bewiesen, wie gut wir sind.“

Letztlich war das Team um Kapitän Margareta Kozuch aber doch nicht gut genug, lediglich drei Sätze lang konnten die Deutschen mithalten. „Bei zehn Spielen gegen Russland gewinnen wir einmal, diesmal war es eine von den neun Niederlagen“, meine Guidetti mit traurigem Blick. Und er fügte den weisen Satz an: „Der Sport ist sehr ehrlich: Am Ende gewinnt der Beste.“ Je länger er voller Emotionen sprach, desto mehr kam langsam nun doch Zufriedenheit durch: „Ich kann in den Spiegel schauen und sagen: Das war richtig gut.“

Ssuschke-Voigt wies auf einen wichtigen Punkt hin: „Unser Projekt war eigentlich Gold, aber das Projekt war auch, Volleyball endlich für die Massen populärer zu machen. Das war Mission Nummer eins.“

Ein Schub für die gesamte Sportart, das ist nun die große Hoffnung aller Beteiligten. Die attraktive Heim-EM mit der großartigen Leistung der deutschen Mannschaft soll helfen, Volleyball aus dem Nischendasein herauszuführen. Die Einschaltquoten waren ermutigend. Sport1 meldete im Schnitt 730.000 Zuschauer, die das Finale vor den TV-Geräten verfolgten. In der Spitze waren es sogar 1,05 Millionen Interessierte.

Aber es wird ein weiter Weg, die Sportart weiter nach vorne zu bringen. „Der Stellenwert von Volleyball in Deutschland entspricht noch nicht unserem Anspruch“, sagte Thomas Krohne, der Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes. „Unser Ziel muss es sein, uns auf das Niveau von Basketball, Handball und Eishockey zu entwickeln und als eine der zweiten Sportarten hinter Fußball wahrgenommen zu werden.“

Aber wie nachhaltig ist diese EM? Prägende Spielerinnen aus dem Team spielen im Ausland, auch der Bundestrainer steht dort, beim Champions-League-Sieger VGS Türk Telekom Istanbul, unter Vertrag. Erst in gut acht Monaten, Ende Mai 2014, wird sich die deutsche Mannschaft wieder treffen, um sich dann auf die WM in Italien vorzubereiten. Sportlich muss man sich keine Sorgen machen. Das Team wird fast komplett zusammenbleiben, einige Nachwuchsspielerinnen geben Hoffnung, den Sprung in die Mannschaft zu schaffen. „Ein höheres Level ist noch möglich“, ist sich Guidetti sicher.

Bewerbung um Großereignisse

Die Bundesliga jedoch dümpelt eher vor sich hin, als dass sie für bundesweite Schlagzeilen sorgt. Standorte wie Dresden oder Schwerin, wo regelmäßig bis zu 3000 oder 4000 Fans kommen, sind regionale Phänomene. Was übrigens auch für die Männer-Bundesliga gilt, wo die BR Volleys aus Berlin und der VfB Friedrichshafen die Leuchttürme sind.

Der unermüdliche Krohne lässt nichts unversucht. Vor EM-Beginn besuchte er persönlich die TV-Sender. „Was können wir tun, um für euch attraktiv zu sein?“, fragte er nach. „Was können wir besser machen?“ Auch ein gemeinsames Vorgehen mit anderen Teamsportarten wie Basketball und Handball ist angedacht. Stundenlange Live-Übertragungen mit zwei oder drei Spielen besagter Bundesligen sind denkbar unter dem Stichwort „Super Sunday“. In Zukunft will man sich auch verstärkt für weitere große Turniere in Deutschland bewerben. Krohne weiß: „Nur mit Großevents kann ich die Medien auf uns aufmerksam machen.“