Volleyball

Deutschland steht nach Krimi gegen Belgien im Finale

Volleyball-Frauen drehen 0:2-Rückstand in 3:2. Jetzt fordern sie Weltmeister Russland heraus

Um 22.27 Uhr brachen in der Schmeling-Halle alle Dämme. Ein Knäuel deutscher Volleyballerinnen kugelte sich auf dem Feld. Bei Spielerinnen, Betreuern und Zuschauern liefen Freudentränen übers Gesicht. Alle sangen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute.“

Die deutsche Nationalmannschaft hatte das unmöglich Scheinende doch noch möglich gemacht: Nach einem unglaublichem Comeback nach einem 0:2-Satzrückstand gewann das Team von Bundestrainer Giovanni Guidetti gestern in Berlin im Halbfinale der Europameisterschaft gegen Belgien mit 3:2 (18:25, 20:25, 25:21, 25:21, 15:11). „Ich habe keine Worte, ich bin fix und fertig. Wir wollten nicht zulassen, dass Belgien unser Finale spielt“, sagte Spielführerin Margareta Kozuch. Deutschland steht nun heute Abend (20 Uhr, Sport1) in der Schmeling-Halle im Finale gegen Weltmeister Russland, der gegen Titelverteidiger Serbien mit 3:0 (25:23, 25.19, 25:12) siegte.

Der Optimismus im Vorfeld war grenzenlos. Am weitesten hatte sich die gebürtige Berlinerin Saskia Hippe mit ihrem Satz aus dem Fenster gelehnt: „Jetzt kann uns nichts mehr stoppen.“ Doch es wurde ganz schwer.

Besonders dem Heimvorteil hatten die Deutschen eine große Bedeutung beigemessen. Bei ihren drei Erfolgen in den Gruppenspielen und dem Sieg gegen Kroatien im Viertelfinale war das DVV-Team jeweils von einer Welle der Begeisterung getragen worden. Das Publikum im Gerry-Weber-Stadion in Halle (Westfalen) war sozusagen die siebte Frau auf dem Feld gewesen und hatte die deutsche Mannschaft gepuscht.

Die Zuschauer in Berlin nahmen gestern die Vorlage aus Westfalen hervorragend auf. Im Publikum saß auch der am Dienstag zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählte Thomas Bach. Die 7137 Fans machten einen Höllenlärm mit ihren Klatschpappen. Zudem sorgten die musikalischen Einspielungen („So geht der Hammer…“, „Das ist die Berliner Luft…“, „Que sera…“) für viel Unterstützung.

An der Stimmung lag es nicht, dass die deutsche Mannschaft überhaupt nichts ins Spiel kam. Das Team um Kozuch wirkte gehemmt. Die Annahme war nicht gut, der Block stand nicht so sicher wie gewohnt. Und die Angriffe über Zuspielerin Kathleen Weiss konnten nur selten erfolgreich abgeschlossen werden. Da nutzten auch Auszeiten und der erstmals in Anspruch genommene Videobeweis (zu Ungunsten der Deutschen) nichts. 18:25 ging der erste Satz in 26 Minuten weg.

In Satz zwei starteten die Deutschen jedoch viel besser, führten mit 7:4, 9:6, 13:10 und 19:15. Die Fans wurden noch lauter, erstmals schwappte „La ola“ durch die Halle. Aber völlig unverständlich flatterten auf einmal die Nerven, der Vorsprung war dahin – 19:21. Am Ende hieß es nach einer 1:10-Serie und 28 Minuten 20:25.

Würde sich das Team noch einmal fangen? In der Pause zum dritten Satz wirkten die Blicke eher verzweifelt. Es ging jedoch gut los: 8:5 und 10:7. Aber Belgien konterte – 12:13. Erneut hatten bei Deutschland, trotz des großen Kampfgeistes, Konsequenz und Überraschungseffekte gefehlt. 16:18 – sollte in wenigen Minuten alles vorbei sein? Nein, denn das deutsche Team wehrte sich mit allem, was es hatte: 21:20 und 23:21. Die Fans tobten. Und nach 32 Minuten und einem erfolgreichen Videobeweis war es geschafft: 25:21.

Aber so ein richtiger Ruck ging nicht durch die deutsche Mannschaft. Schnell stand es in Durchgang vier gegen die kühl agierenden Belgierinnen wieder 5:10, später 9:14. Mit dem Mute der Verzweiflung stemmten sich die Deutschen gegen die sich anbahnende Niederlage. Sie glichen zum 18:18 aus und gingen nach atemberaubenden Spielzügen unter einem Jubelsturm jeweils 19:18, 20:19, 21:20 und (nach Videobeweis) 23:21 in Führung. Tollhaus Schmeling-Halle! 25:21 nach 32 Minuten. Satzausgleich zum 2:2. Entscheidung im Tiebreak.

Lange war der fünfte Satz ausgeglichen (8:8). Danach 10:8. Alle Zuschauer – auch Thomas Bach – standen nach dem 13:9. Dann 14:10 – Matchball, aber 14:11. Zweiter Matchball – Sieg.

Das erste Halbfinale wurde hingegen zu einer unerwartet klaren Angelegenheit. Lediglich im ersten Satz hatten die Russinnen Probleme. Aber dann spielte sich der Weltmeister gegen den noch amtierenden Europameister frei. Mit unglaublicher Wucht droschen die Russinnen den Ball immer wieder ins Feld der Serbinnen.

Nach nur 70 Minuten Spielzeit war alles vorbei. „Gegen Deutschland wird es nicht leicht“, sagte Russlands Trainer Juri Marischev, „da spielen wir auch gegen die ganze Halle.“ In der Form des Halbfinales gegen Serbien, da gibt es keinen Zweifel, ist der Weltmeister heute im Finale allerdings Favorit. Aber, wie sang einst Katja Ebstein: „Wunder gibt es immer wieder…“ Siehe gestern.