Volleyball-EM

Die modernste Titeljagd aller Zeiten

Deutschlands Volleyballerinnen treffen heute in Berlin im EM-Halbfinale auf Belgien. Trainer Guidetti und sein Tablet geben die Taktik vor

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ Gerade mal 17 Stunden war es her, dass die deutschen Volleyballerinnen gemeinsam mit den Fans in Halle (Westfalen) den magischen Satz riefen, ja schrien vor Freude. Nun sind sie da. In der Stadt, in der der große Traum wahr werden soll. Zwei Siege noch bis zur Glückseligkeit nach dem 3:0-Erfolg gegen Kroatien im Viertelfinale am Mittwochabend. Mit der Bahn ist das Team von Bundestrainer Giovanni Guidetti am Donnerstagmittag nach Berlin gekommen. Mit zweistündiger Verspätung zwar, weil der Zug wegen eines Getriebeschadens liegen blieb, aber dennoch auf einer Welle der Begeisterung.

Diese Welle hat sie bis ins Halbfinale der EM getragen. Und der nächste Schritt soll heute Abend in der Max-Schmeling-Halle gegen Belgien (20 Uhr, Sport1) folgen. Der nächste, nicht der letzte. Denn das Ziel ist klar und wird von allen formuliert: „Wir wollen den Titel.“ Am Sonnabend (20 Uhr) findet in der Schmeling-Halle das Endspiel statt.

Hoffen auf den Heimvorteil

Der Optimismus ist natürlich groß nach vier Siegen in vier Spielen. „Jetzt kann uns nichts mehr stoppen“, sagt Außenangreiferin Saskia Hippe, 22, die gebürtige Berlinerin, die in der kommenden Saison in Schwerin spielen wird. Von großem Druck, der auf dem Team lastet, ist keine Rede. Dass Verbands-Präsident Thomas Krohne nach dem Kroatien-Spiel seine Forderung nach dem Titel wiederholte, stört niemanden. „Der Präsident redet seit Monaten über Gold. Das soll er ruhig weitermachen, schließlich gewinnen wir ja dann auch“, sagt Guidetti. Es wäre der erste EM-Titel für ein deutsches Team seit dem Sieg der DDR 1987.

Schnell kommt der 40-Jährige auf einen ganz wichtigen Punkt, der sich auch wie ein roter Faden durch alle Aussagen der Spielerinnen zieht: „Ich hoffe, wie haben die gleiche Atmosphäre wie in Halle.“ Dort hat die Nationalmannschaft alle vier bisherigen EM-Spiele absolviert. Die Arena ist zu einem Wohnzimmer geworden. Bedingungslos haben die Zuschauer dort ihr Team angefeuert. Mit gutem Gespür, wenn die Spielerinnen in schweren Phasen besonderen Zuspruch benötigten. „Ich bin ein bisschen traurig, dass wir wegmüssen“, meinte er nach dem Erreichen des Halbfinales.

Jetzt ist das Berliner Publikum gefragt. Die Zuschauer sollen die Vorlage aus Westfalen aufnehmen. Noch gibt es Karten für heute Abend, der Finaltag ist so gut wie ausverkauft. Guidetti ist sich sicher: „Wenn die Stimmung so ist wie in Halle – dann ist alles möglich.“ Kapitän Margareta Kozuch, 26, hofft, „dass wir das tolle Gefühl, das wir bisher hatten, nach Berlin tragen können.“

Der Heimvorteil soll sozusagen die siebte Frau auf dem Feld sein. Wie wichtig es sein kann, vor eigenem Publikum spielen zu können, haben die deutschen Frauen vor zwei Jahren schmerzlich erfahren müssen. Sie sahen in Belgrad schon wie der neue Titelträger aus, verloren im hitzigen Finale 2011 aber dann doch noch mit 2:3 gegen Gastgeber Serbien. Die Titelverteidigerinnen treffen heute im zweiten Halbfinale (17 Uhr, Sport1) auf Weltmeister Russland.

Diesmal soll es klappen für Kozuch und Co. Seit etwa vier Monaten arbeiten alle gemeinsam an dem Traum. „Wir haben in den vergangenen Jahren so viel erlebt: Tränen und Freude – einfach alles“, sagt die 29-jährige Zuspielerin Kathleen Weiß. „Es ist geil, die Regisseurin dieses Teams zu sein.“ Vor allem der Teamgeist, das Gemeinsame, macht das Team Deutschland aus. „Das Besondere ist unser Wille, der Glaube, die Lust zu spielen“, erklärt Kozuch. Das hilft dann auch in schwierigen Situationen, wie zum Beispiel im zweiten Satz gegen Kroatien, als nach sechs vergebenen Satzbällen die Partie noch hätte kippen können. „Da haben wir es noch ein bisschen spannend gemacht“, sagt Kozuch.

Seit Mai 2006 trainiert der Italiener Guidetti das deutsche Team. Mit Emotion und Akribie. Das Erfolgsrezept umreißt er so: „Wir sind nicht größer, haben nicht die bessere Technik oder mehr Kraft. Aber wir sind ein Team, und ich danke Gott, dass Volleyball ein Mannschaftssport ist.“ Natürlich, so der Coach, machten die Spielerinnen auch Fehler, „aber sie geben immer alles.“ Er sei „glücklich und stolz“, Trainer dieser Mannschaft zu sein.

Guidetti nutzt ein ganz besonderes Hilfsmittel. Am Spielfeldrand tigert er mit einem auf einem Klemmbrett fixierten Tablet hin und her. Er kann auf dem tragbaren Computer noch einmal die Spielszenen sehen. „Mit sieben Sekunden Verzögerung“, erklärt er. Die Bilder zeigen das Spielfeld aus einer anderen Perspektive, von der Stirnseite der Halle. Der Trainer spricht von einer „Privatkamera“. Geführt von Stephan Kulhanek, der seit einem Jahr für den Deutschen Volleyball-Verband arbeitet. Er versorgt Guidetti mit Bildern und aktuellen Statistiken. „Da sehe ich genau, wer gut drauf ist oder nicht, wer eine Pause braucht“, sagt der Italiener.

Erfahrung spricht für Deutschland

Jetzt heißt die nächste Aufgabe also Belgien. „Die spielen den gleichen Volleyball wie wir“, sagt Guidetti. „Sie sind sehr gut organisiert und machen wenig Fehler.“ Mittelblockerin Christiane Fürst, 28, ist sich sicher: „Wir haben mehr Erfahrung und sind vielleicht qualitativ ein bisschen weiter vorne als Belgien, weil sie noch nie ein großes Finale gespielt haben.“

In diesem Jahr standen sich die beiden Teams bereits fünfmal gegenüber. Zweimal verloren die Deutschen, dreimal wurde gewonnen. Zuletzt gab es Mitte Juli im Finale der Europaliga ein 3:2 gegen die Belgierinnen. „Wir hatten in diesem Jahr nur Probleme mit Belgien“, sagt Guidetti. „Sie kennen uns sehr gut.“

Dennoch sind die Deutschen Favorit. Mit dem Heimvorteil im Rücken allemal. Und da das Team diesmal mit dem Bus und nicht mit der Bahn zur Halle fahren wird, kann auch in dieser Richtung nichts passieren.