IOC

Bach wird zum Herrn der Ringe

Als erster Deutscher wird der Olympiasieger von 1976 IOC-Präsident. Schon im zweiten Wahlgang erreicht er die nötige Mehrheit

Mit einem hörbaren „Uff“ betrat der neue Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) das Rednerpult. Alle Anspannung fiel von Thomas Bach, 59, ab, als er sichtlich bewegt die Standing Ovations seiner IOC-Kollegen entgegennahm: Nach einem triumphalen Durchmarsch regiert Bach als erster Deutscher an der Spitze des IOC den Weltsport. „Dankeschön“, sagte Bach in mehreren Sprachen: „Danke für diese Ehre.

Der frühere Fechter aus Tauberbischofsheim, 1976 selbst Olympiasieger mit der Mannschaft, erreichte bei der 125. Session in Buenos Aires schon im zweiten Wahlgang die notwendige absolute Mehrheit von 49 Stimmen. Sein vermeintlich härtester Konkurrent Richard Carrion aus Puerto Rico landete weit abgeschlagen mit nur 29 Stimmen auf dem zweiten Platz. Bach tritt damit an der Spitze des Ringeordens die Nachfolge von Jacques Rogge an. Am Ende seiner zwölfjährigen Amtszeit öffnete der Belgier den Siegerumschlag und verlas den Namen „Thomas Bach“.

Dieser bedankte sich umgehend bei seinem Vorgänger und langjährigen Wegbegleiter „für Dein Vertrauen, das Du in mich während Deiner zwölfjährigen Präsidentschaft gesetzt hast. Und ich hoffe sehr, dass ich auf Deinen guten Rat zählen kann, auch in den kommenden Jahren.“

Er wolle, sagte Bach weiter, „ein Präsident für alle sein. Ich werde mein Allerbestes tun, alle unterschiedlichen Interessen in der Olympischen Bewegung zu berücksichtigen. Deswegen möchte ich Ihnen zuhören und mit allen von Ihnen einen andauernden Dialog führen. Sie sollen wissen, dass meine Tür, meine Ohren und mein Herz Ihnen immer offen stehen. Lasst uns dieses großartige Weltorchester, das IOC, zusammen in Harmonie führen. Für eine strahlende Zukunft der Olympischen Bewegung.“

Für den Juristen schließt sich 32 Jahre nach seinem internationalen Durchbruch als Sportfunktionär 1981 beim IOC-Kongress in Baden-Baden und 36 Jahre nach dem Gewinn der Mannschafts-WM an gleicher Stelle in Buenos Aires („Es war in einem kalten Winter“) der Kreis. Als erst neunter Präsident seit ihrer Gründung 1894 wird der Wirtschaftsanwalt die Weltregierung des Sports mindestens in den kommenden acht Jahren und höchstens die nächsten zwölf leiten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) verliert dagegen seinen Gründungspräsidenten und unangefochtenen Anführer.

Nach Jahren des Strippenziehens und einem monatelangen Wahlkampf ließ der auch im IOC mitunter kritisch betrachtete Bach seinen Konkurrenten am Dienstag keine Chance. Mit der absoluten Mehrheit der 93 wahlberechtigten IOC-Mitglieder versetzte er schon im zweiten Wahlgang seinen vier verbliebenen Konkurrenten Richard Carrion, Ng Ser Miang (Singapur/6 Stimmen), Denis Oswald (Schweiz/5) und Sergej Bubka (Ukraine/4) den K.o. Außenseiter Wu Ching-Kuo (Taiwan) war im ersten Wahlgang nach einer Stichwahl mit Ng ausgeschieden.

Die Wahl Bachs läutet nun eine neue Ära im Weltsport ein. Mit Spannung darf erwartet werden, wie der mit allen Wassern gewaschene Deutsche als Nachfolger des seit Jahren gesundheitlich schwer angeschlagenen Rogge sein Wahlmanifest in die Tat umsetzt. „Einheit in Vielfalt“ propagierte er, kündigte an, ein „Präsident für alle“ zu werden.

Einen strikten Kampf gegen Doping und Wettbetrug will er führen, dem Gewinnstreben um jeden Preis Einhalt gebieten – und der langjährige IOC-Vize scheut auch vor ganz großen Projekten wie der Einführung eines Olympia-TV-Kanals nicht zurück.

Zudem will Bach Afrika als Olympia-Gastgeber die Tür öffnen. „Wir sollten als IOC den Bewerber-Städten nicht mehr alles vorgeben, sondern die Städte sollten selbst Vorschläge machen, wie Olympische Spiele in ihrem Kulturkreis am besten passen“, hatte Bach im Vorfeld der Wahl gegenüber „Bild“ erklärt. Auch wird er der Erneuerung des olympischen Programms, an der sein Vorgänger Rogge am Ende seiner Amtszeit schmerzhaft scheiterte, endlich vorantreiben: „Warum soll der Hip-Hopper oder Skateboarder nicht in einer Halle gemeinsam mit den Turnern seine Kunststücke vollführen?“, hat Bach erkannt. Die wichtigsten Themen für Olympia seien „Nachhaltigkeit, Glaubwürdigkeit und Jugend“. Ohne Nachwuchs droht langfristig ein Verlust an gesellschaftlicher Relevanz.

Feuerprobe in Putins Sotschi

Schon im kommenden Jahr steht Bach eine gewaltige Herausforderung ins Haus: die Winterspiele in Sotschi, die nicht nur wegen Wladimir Putins Anti-Homosexuellen-Gesetz schon jetzt im Kreuzfeuer der Kritik stehen.

Aber auch der deutsche Sport steht am Wendepunkt. 2006 war Bach erster Präsident des neu gegründeten DOSB geworden, Führungsdiskussionen hat es seitdem nie gegeben. Hans-Peter Krämer wird mit dem Rücktritt Bachs, der bei der Präsidiumssitzung Anfang kommender Woche erfolgen wird, den Chefposten nur vorübergehend übernehmen. Der Chef der Deutschen Krebshilfe ist 72 Jahre alt und hat keine Ambitionen auf ein längerfristiges Engagement. Einen logischen Nachfolger gibt es nicht, Experten erwarten im DOSB daher nun ein Hauen und Stechen.