Volleyball-EM

Ein neues Berliner Märchen

Saskia Hippe hofft bei der Volleyball-EM auf einen Triumphzug bis in ihre Heimatstadt

Saskia Hippe staunt manchmal selbst darüber, wie schnell sie die Seiten gewechselt hat. 2002, bei der Volleyball-Weltmeisterschaft in der Berliner Schmeling-Halle, hat sie als Kind noch schüchtern Autogramme von den ehrfürchtig bewunderten deutschen Nationalspielerinnen eingesammelt. Und als Höhepunkt: ein Foto mit Angelina Grün, dem Star des Teams. „Da war ich stolz wie Bolle“, erinnert sich die heute 22-Jährige und berlinert fröhlich: „Und jetze will ich da selbst spielen.“

Wenn der Plan aufgeht, der Plan der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft ab morgen in Deutschland und der Schweiz. So einfach ist das nur nicht. Oberflächlich betrachtet wäre es zwar logisch. Vor zwei Jahren bei der EM in Serbien rauschten die deutschen Frauen schließlich durch das Turnier und mussten sich erst im Endspiel den Gastgeberinnen mit 2:3 geschlagen geben. Was soll nun schon schiefgehen, mit dem Vorteil, die EM diesmal im eigenen Lande spielen zu können? „Wir haben in Serbien erlebt, was es bedeutet, wenn das Heimteam unterstützt wird“, erinnert sich Bundestrainer Giovanni Guidetti schmerzhaft. Er wünscht sich in den nächsten Tagen ähnlich euphorische Fans. „Wenn Deutschland am Limit spielt, können wir mit der Hilfe der Zuschauer im Rücken die EM gewinnen“, sagt er, „meine Mädels verdienen einen großen Moment in diesem Land.“

Der Italiener weiß gleichwohl, wie dornenreich der Weg nach Berlin wird. Die Vorrunde und erste Ausscheidungsrunden muss seine Mannschaft in Halle/Westfalen bestreiten; nur beide Halbfinals und das Endspiel finden am 13. und 14. September in Berlin statt. „Ich freue mich jetzt auch auf Halle, aber Berlin wäre der Hammer“, sagt die in Köpenick geborene und aufgewachsene Diagonalangreiferin Hippe, „das ist mein ganz großes Ziel.“

Doch die Konkurrenz ist stark und zahlreich. Schon in der Vorrunde, die am Freitag mit der vermeintlich leichten Aufgabe gegen Spanien beginnt, warten mit dem Team der Niederlande (Sonnabend) und besonders der Türkei (Sonntag) schwere Brocken. Platz eins in der Gruppe würde bedeuten, dass die Deutschen erst im Viertelfinale wieder ran müssten. Rang zwei oder drei hätten ein Play-off-Spiel zur Folge, ehe es im Erfolgsfall gegen einen der vier Gruppensieger ginge – ganz sicher die kompliziertere Variante.

Russland ist der Favorit

Wobei: Spätestens ab der Runde der besten Acht kann ohnehin jeder jeden besiegen. Neben Deutschland und der Türkei gibt es mindestens ein halbes Dutzend Teams, denen das Erreichen der Vorschlussrunde zuzutrauen ist. Den Russinnen sowieso, die „als Übermannschaft dieser EM“ gelten, wie Hippe schildert. Den Titelverteidigerinnen aus Serbien auch, die jüngst beim World Grand Prix den dritten Platz belegten. Oder den Italienerinnen, die dort Fünfte wurden, während Deutschland (und Russland) das Endturnier der sechs besten Mannschaften verpasste. Belgien oder Bulgarien sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. Und Überraschungen gibt es bei fast jedem Turnier.

„Wir sind in der Lage, alle zu schlagen“, sagt Saskia Hippe mutig, fügt allerdings hinzu: „Wenn wir nicht mit voller Konzentration spielen, sind wir genauso in der Lage, gegen jeden zu verlieren.“ Dass es manchmal gerade daran mangelt, war bei den Grand-Prix-Turnieren zu sehen, als Guidettis Team zum Beispiel gegen Russland und Japan nach 2:0-Satzführungen noch als Verlierer das Parkett verließ. Die Berlinerin glaubt aber nicht, dass es dem Selbstvertrauen geschadet haben könnte: „Besser, als wenn uns das jetzt bei der EM passieren würde.“ Sie vertraut voll und ganz dem Bundestrainer: „Wir haben uns in diesem Sommer von Turnier zu Turnier gesteigert.“

So soll es weitergehen. „Wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen“, appelliert Kapitänin Margareta Kozuch an ihre Mitspielerinnen, nicht zu weit vorauszudenken, „sonst kann man früh stolpern.“ Die Hamburgerin ist eine der Erfahrensten in einer insgesamt jungen Mannschaft, die gleichwohl in aller Herren Länder von Aserbaidschan über die Türkei bis nach Italien professionell Volleyball spielt. Selbst Hippe, die in der kommenden Saison für Meister Schweriner SC antritt, hat mit ihren 22 Jahren bereits in Italien und Tschechien Erfahrungen gesammelt. Nervös ist sie nicht, aber sie weiß nicht, wie es den anderen geht, „wenn Oma und Opa auf der Tribüne sitzen“. Oder wenn es in den ersten Spielen nicht nach Wunsch läuft, wo doch selbst Thomas Krohne, Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes, keck den Gewinn des Titels als Ziel formuliert und damit den Druck noch erhöht hatte. Doch letztlich liegt er da mit Guidetti auf einer Wellenlänge, der verkündet: „Wir können und wollen die Goldmedaille gewinnen.“ Saskia Hippe würden sicher gern Autogramme schreiben, wenn dieses Märchen tatsächlich wahr wird.