Leichtathletik

Immer noch auf Wolke sieben

Christina Obergföll hat den Fluch der ewigen Zweiten besiegt und wurde Weltmeisterin. Beim Istaf kommt es heute zur Revanche

Christina Obergföll hat Wolke sieben noch nicht verlassen. Das strahlende Gesicht, die ganze Körpersprache zeigen: Da ist jemand mit sich und der Welt im Reinen. Und wenn die 32-Jährige beginnt zu erzählen, verbreitet sie das Gefühl, als sei das Erlebte nur ein paar Stunden her. Wenn sie lächelnd von der „Riesenlast“ spricht, „die jetzt abgefallen“ sei, fängt sie gleich an, ein wenig schneller zu reden, um dann noch ein großes Wort gelassen auszusprechen: „Es ist eine Erlösung, dass ich es endlich geschafft habe.“

Körperlich fit, mental leer

Zwei Wochen ist es her, dass die in Lahr im Schwarzwald geborenen Speerwerferin in Moskau Weltmeisterin wurde. Aber es ist alles noch so präsent, dass sie immer noch glänzende Augen bekommt, wenn sie von ihrer Sternstunde berichtet. Der Moment, dieser Sonntagnachmittag im Luschniki-Stadion, als sie endlich, endlich ihren ersten internationalen Titel gewonnen hatte. „So viele Jahre habe ich darauf warten müssen, jetzt genieße ich noch die letzten Meetings“, sagt sie mit Blick auf das Internationale Stadionfest (Istaf) im Berliner Olympiastadion, bei dem sie heute antreten wird. Dann ist erst einmal Schluss: endlich Saisonende.

„Natürlich möchte ich den Zuschauern noch einmal richtig was zeigen“, sagt sie. Aber sie schiebt auch gleich nach: „Es ist mental sehr schwierig für mich.“ Körperlich fühle sie sich sehr gut, aber der Kopf ist irgendwie leer. „Es fällt mir schwer, mich noch so richtig zu motivieren.“ Alles war auf den 18. August ausgerichtet, jetzt ist sie Weltmeisterin.

Der goldene Wurf auf 69,05 Meter war der vorläufige Höhepunkt einer Sportlerkarriere, die reich an Hochs und Tiefs war. Und die bis vor kurzem „nur“ silbern glänzte. Zweite bei Europameisterschaften (2010 und 2012), Zweite bei Olympia (2012), Zweite bei Weltmeisterschaften (2005 und 2007), nicht zu vergessen Bronze 2008 bei den Spielen in Peking. Sie kennt die Schlagzeilen zur Genüge. Die „ewige Zweite“ wurde sie genannt, sie galt bis vor kurzem als die „Unvollendete“.

Während der Silberrang für viele ein Grund wäre, glücklich mit auf dem Siegerpodest zu stehen, fühlte sie sich nicht selten als erste Verliererin. Oft war Christina Obergföll als Favoritin zu einem Großereignis gefahren, als Weltjahresbeste, als Siegerin bei mehreren Diamond-League-Meetings im Vorfeld. Aber dann war doch eine Konkurrentin besser. Statt einen Triumph genießen zu können, war die blonde Frau nicht selten in Tränen aufgelöst. Ihr Lebensgefährte, der Speerwurf-Bundestrainer Boris Henry, musste viel Überredungskunst aufbringen, um sie nach den Olympischen Spielen 2012 in London doch noch zum Weitermachen zu bewegen.

Vor der Weltmeisterschaft hatte sie einem Schutzschild gleich Sätze vor sich hergetragen wie: „Mein Glück hängt nicht mehr von Titeln ab.“ Oder: „Die Welt dreht sich weiter.“ Locker bleiben wollte sie einfach. Wie es wirklich war, das hat Boris Henry gegenüber der Fachzeitung „Leichtathletik“ sehr offen ausgesprochen: „Sie hatte die Hosen wie immer voll!“

Doch es gab noch eine entscheidende Hilfestellung. Der Heidelberger Psychologe Hans Eberspächer, mit dem Obergföll seit der WM 2011 in Daegu zusammenarbeitet, wählte offensichtlich am Morgen des Finales am Telefon genau die richtigen Worte: „Du bist nicht hergefahren, um weinerlich zu sein. Ich will dich kämpfen sehen. Sei aggressiv. Zeig’ ihnen, wo der Hammer hängt. Du kannst es, du hast es das ganze Jahr gezeigt.“

Der Rest ist bekannt: Obergföll schlug die gesamte Weltelite inklusive der favorisierten Russin Maria Abakumowa, die mit einem Wurf auf knapp 70 Meter in der Qualifikation noch die anderen geschockt hatte.

Früher, erinnert sich Obergföll beim Gespräch in Berlin lachend, „haben die anderen Damen immer in die Hände geklatscht“. Weil sie wussten, dass ihre deutsche Konkurrentin bei Meetings immer sehr weit wirft, aber beim Großereignis es letztlich doch nicht reichte. „Jetzt klatsche ich in die Hände, wenn Maria bei Meetings reihenweise 68, 69 Meter wirft.“ So wie am vergangenen Donnerstag in Zürich. Schön für die Maria, aber die Weltmeisterin heißt eben Christina. Heute im Olympiastadion kommt es zu einer weiteren WM-Revanche zwischen den beiden.

„Ich bin ins Ziel eingelaufen“, sagt Christina Obergföll und fragt sich zugleich: „Wo will ich jetzt hin?“ Eine Frage, die sich auf das unmittelbar Kommende, aber auch auf die weitere Zukunft bezieht.

Antworten darauf weicht sie aus. Nicht, weil sie nichts verraten will, sondern weil sie selbst noch nicht so richtig weiß, wie es weitergehen soll. Fest steht, dass sie in Kürze Boris Henry heiraten wird, der dann ihren Namen annehmen muss. Wettschulden sind Ehrenschulden. Bei einem WM-Sieg, versprach der künftige Herr Obergföll vor den Titelkämpfen in Moskau, werde er den Namen seiner Liebsten annehmen.

Babypause nicht ausgeschlossen

Und dann? „Ich könnte mir vorstellen, ein Jahr auszusteigen.“ Der Druck in den vergangenen Jahren habe dazu geführt, „dass ich müde geworden bin“. Auch eine Babypause ist nicht ausgeschlossen. So wie dies zurzeit die Olympiasiegerin Barbora Spotakova (32) aus Tschechien macht. Die beiden können gut miteinander, man tauscht sich regelmäßig aus. Da kam auch schon die Frage zur Sprache: „Wie ist das mit einem Kind und Leistungssport?“

Ob es nun in absehbarer Zeit Nachwuchs geben wird oder nicht: Christina Obergföll fasst die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro als mögliches Karriereende ins Auge. „Ich bin noch so jung und habe so viel Spaß am Werfen. In Rio bin ich 35 – das wäre ein guter Moment zum Aufhören.“