Wechsel

Zurück in die beste Liga der Welt

Berliner Kevin-Prince Boateng wechselt für zwölf Millionen Euro vom AC Mailand zu Schalke 04

Gespielte Demut ist nun wahrlich nicht Kevin-Prince Boatengs Sache. Da machte auch sein Auftritt am Freitagnachmittag im Presseraum der Schalker Arena keine Ausnahme. Drei Tage vor Ablauf der Transferfrist hatte der FC Schalke 04 einen spektakulären Coup gelandet und den Mittelfeldmann vom AC Mailand geholt. Einen Vertrag bis 2017 unterschrieb Boateng, die Ablöse beträgt zwölf Millionen Euro. Und wer sich nun fragte, wie er den Fußballprofi im internationalen Vergleich einordnen solle, dem lieferte Schalkes Neuer die Selbsteinschätzung gleich bei seiner Vorstellung mit: „Die Bundesliga ist die beste Liga der Welt. Und da gehören die besten Spieler der Welt hin.“ Also er.

Natürlich lobte Boateng auch Schalke „als Topverein“, er weiß, was ankommt. Boateng sprach davon, wie glücklich er sei, „dass ich wieder zu Hause bin“. Zurück in Deutschland, meinte er, nach all den Jahren im Ausland. Es waren die üblichen netten Worte, wenn prominente Neue kommen, auch die Verantwortlichen bemühten sie, zählten all die Meriten Boatengs auf.

Doch seine sportlichen Fähigkeiten waren lediglich ein Argument. „Wir halten ihn zudem für einen Spieler mit enormer Leaderqualität“, sagte Manager Horst Heldt. Boateng soll Verantwortung übernehmen in einer Mannschaft, der zuletzt immer größere Verunsicherung, gar Verfallserscheinungen attestiert wurden. Jüngst gegen Paok Saloniki in der Champions-League-Qualifikation etwa, als der Klub mit Ach und Krach die Gruppenphase erreichte. In der Bundesliga sowieso. Neun Gegentore, aber erst ein Zähler, das ist die miserable Statistik aus den ersten drei Partien. Den Schalkern fehle es an Führungsspielern, das war der einhellige Duktus, gegen den sich nun auch die Verantwortlichen nicht mehr wehrten. Sie handelten. Erst die Leihe von HSV-Mann Dennis Aogo, nun Boateng – mit den garantierten 20 Millionen Euro Einnahmen aus der Champions League war das zu stemmen. „Wir haben zwei Qualitätsspieler dazugewonnen“, sagte Trainer Jens Keller.

Nun mag manch einer einwenden: Taugt einer wie Kevin-Prince Boateng überhaupt zu einer Führungsfigur, bei all seinen Verfehlungen, die er sich einst leistete? Es wäre eine antiquierte Betrachtungsweise. Die vergangenen drei Jahre spielte Mittelfeldmann Boateng beim AC Mailand. Es waren drei unterschiedliche Jahre. Das erste, gekrönt von der Meisterschaft, war Boatengs bestes. „Einer, mit dem du Schlachten gewinnen kannst“, schrieb damals die „Gazzetta dello Sport“ über ihn. Spielintelligent, dynamisch, präsent, gepaart mit einer Mixtur aus feiner Technik und nötiger Robustheit, das alles sei Boateng. Sein Moonwalk à la Michael Jackson bei der Titelfeier verzückte San Siro.

Es folgten zwei Spielzeiten mit nur noch wenigen Höhepunkten, in der Champions League etwa beim 4:0 vor zwei Jahren gegen Arsenal oder beim 2:0 vor ein paar Monaten gegen Barcelona. Oder in der Liga im Oktober 2011 in Lecce, als Milan zur Pause 0:3 zurücklag, Boateng eingewechselt wurde, drei Tore schoss und sein Klub noch 4:3 gewann. Damals flippte Italiens Kultkommentator Tiziano Crudeli aus und schrie sein legendäres „Boa Boa Boa Teng Teng Teng“ ins Mikro.

Insgesamt aber lief es zuletzt mäßig, auch deswegen ließ ihn der AC Mailand recht geräuschlos ziehen. Er musste auf der rechten Seite ran, für die Zentrale, Boatengs zuträglichster Position, hatte Trainer Massimiliano Allegri andere vorgesehen. Und dennoch, und das ist wohl für viele in Deutschland das wohl Erstaunlichere, der 26 Jahre alte Boateng hat vor allem außerhalb des Platzes eine bemerkenswerte Entwicklung genommen.

Er mag der Exzentrik nicht abgeschworen haben. Die Öffentlichkeit lässt er an seiner Beziehung zu Melissa Satta, einem italienischen Showgirl, großzügig teilhaben, seine Zeit in Italien aber war eine ohne Skandale. Boateng sagt, er habe sich geändert. Er arbeite härter und denke viel mehr nach. Vor ein paar Monaten sprach er gar vor den Vereinten Nationen. Es ging um den Kampf gegen Rassismus, Boateng hielt eine sehr persönliche Rede und erzählte, wie er einst versucht hatte, Rassismus zu ignorieren, und wie er zu der Erkenntnis gekommen war, dass das nichts bringe. Anfang Januar in einem Testspiel des AC Mailands hatten ihn gegnerische Fans immer wieder mit Affenlauten bedacht, Boateng verließ kurzerhand den Platz, seine Mitspieler schlossen sich ihm an. Es war eine jener Szenen, die ihm reichlich Respekt einbrachte.

Früher war er der Bad Boy

Natürlich gehören zu seiner Vita auch die anderen Episoden. Boateng, der Mann aus dem Berliner Wedding, mit größtem Talent gesegnet, der in der Jugend bei Hertha BSC spielte, in den Junioren-Nationalmannschaften. Mit 20 wurde er für sieben Millionen Euro nach England zu Tottenham verkauft. Er verdiente Millionen, nur den Umgang mit Popularität hatte ihm keiner beigebracht. Privat lief es nicht, sportlich auch nicht, er wurde nach Dortmund verliehen, ein ebenso unergiebiges Engagement. Stattdessen sorgten Dinge für Aufsehen, die sein Bad-Boy-Image befeuerten. Sein Karatetritt gegen Hasebe etwa, sein Rauswurf aus der deutschen U21 und der Entschluss, für Ghana, das Land seines Vaters, zu spielen. Vor allem aber das Foul an Michael Ballack, das jenen die Teilnahme an der WM 2010 in Südafrika kostete. Boatengs Leumund war so miserabel, als sei er Deutschlands Staatsfeind Nummer eins.

Dass er als Lieblingsklub noch vor kurzem ausgerechnet Schalkes Rivalen Borussia Dortmund ausgab, mag eine kleine Schmonzette am Rande sein. „Das hat sich nun erledigt“, sagte Boateng bei seiner Präsentation. „Schalke ist mein neuer Lieblingsverein.“ Am Sonnabend darf er seine neue Liebe gleich unter Beweis stellen, gegen Leverkusen wird er zum Aufgebot gehören.