Bundesliga

Sehnsucht nach Anerkennung

Allofs und Hecking wollen Herthas nächsten Gegner Wolfsburg besser und beliebter machen

Das hausinterne Lob fällt Dieter Hecking leicht. „Diese Mannschaft macht Spaß“, findet der Cheftrainer, der seit Anfang des Jahres an der Seite von Geschäftsführer Klaus Allofs darum kämpft, den VfL Wolfsburg bodenständiger und sympathischer zu machen. Was die Niedersachsen versuchen, ist in Berlin ebenfalls ein vorrangiges Thema. Wenn das Team des VfL Wolfsburg am Sonnabend Aufsteiger Hertha BSC empfängt (15.30 Uhr), steht ein Duell jener Klubs an, die sich in der Fußball-Bundesliga neu sortieren. Der Gastgeber möchte sein Image als großspuriger Werksverein loswerden. Der Gast will seine über Jahre gepflegte Rolle als Skandalnudel loswerden. Zum Start in die neue Saison haben beide Seiten dabei durchaus Erfolge vorzuweisen.

Das Bemühen, beim VfL die Sünden der Vergangenheit vergessen zu machen, gehört zu den Projekten mit gehobener Priorität. Beim Ziel, in fremden Stadien das Gemäkel über diesen vom Volkswagen-Konzern aufgepäppelten Verein verstummen zu lassen, geht es nur langsam voran. Dafür wird der Jubel im eigenen Stadion, der 30.000-Zuschauer-Arena am Mittellandkanal, spürbar lauter.

Millionen-Mann Gustavo gesperrt

Der 4:0-Heimerfolg gegen den FC Schalke, bisher der einzige Sieg an den ersten drei Spieltagen, war von frenetischem Applaus und ausgelassenen Jubelszenen begleitet. Ähnlich wie bei der Hertha, die seit ihrer Rückkehr in das Oberhaus die Massen begeistert, wird auch in Wolfsburg der neue Stil dankbar aufgenommen. Die Trikotärmel hochgekrempelt, den Gegner mit Pfiff und Elan zugleich bekämpft – „so wollen wir spielen, so wollen wir auftreten“, meint Allofs. Der Nachfolger des allmächtigen Felix Magath tritt behutsamer auf das Gaspedal. Allofs verkleinert den aufgeblähten Kader und fügt ihm dennoch Qualität hinzu. Der Eindruck, dass VW und VfL das Geld zum Fenster hinauswerfen, soll verscheucht werden.

Was nicht heißt, dass Wolfsburg nicht auch aktuell atemberaubende Summen investiert. Mit dem Brasilianer Luiz Gustavo hat der VfL wieder einen sündhaft teuren Profi verpflichtet. Rund 20 Millionen sind an den FC Bayern geflossen. Aber der Charme von Allofs lässt einen solchen Mega-Transfer nicht mehr so wuchtig erscheinen. Ein Detail, das Hertha gern zur Kenntnis nehmen wird: Gustavo ist wegen einer Gelb-Roten Karte an diesem Wochenende gesperrt.

Gehobene Ansprüche, die Verein und Umfeld vorgeben, können für Spieler und Offizielle eine schwere Last sein. Berlin, Metropole, ein Muss in Liga 1 – die Entscheider von Hertha BSC kennen sich mit hohen Erwartungen bestens aus. Der VfL Wolfsburg, der wie die Hertha 1997 in die 1. Liga aufgestiegen ist und sich seitdem halten konnte, steht seit seinem Titelgewinn 2009 vor ähnlichen Problemen. Nach der Deutschen Meisterschaft sollte der Ruhm dauerhaft nach Wolfsburg gezwungen werden. Der ehemalige Hertha-Manager Dieter Hoeneß, zwischen Januar 2010 und März 2011 als starker Mann beim VfL unter Vertrag, hatte den unter Magath bekannten Gigantismus weiter gepflegt. Zugegeben: Spieler wie Mario Mandzukic (jetzt FC Bayern) und Ja-Cheol Koo (zurückgekehrt nach Wolfsburg) hat Hoeneß in den deutschen Fußball geholt. Aber er hat in Anfällen von Aktionismus auch Spieler in Serie verpflichtet und mit millionenschweren Verträgen ausgestattet.

Der Brasilianer Diego (übrigens ein Hoeneß-Transfer) dessen Jahresgehalt bei rund acht Millionen Euro liegen soll, ist einer der teuersten Bundesligaprofis – und der Inbegriff des Wolfsburger Übermuts. Nach der Ära Hoeneß und zwei Regentschaften von Magath soll Allofs den Spagat hinbekommen, eine neue Bescheidenheit einkehren lassen, ohne die ehrgeizigen Ziele des weltweit erfolgreichen Hauptsponsors aus den Augen zu verlieren.

Dazu gehört, teure Spieler von der Gehaltsliste zu bekommen. Patrick Helmes etwa verdient dem Vernehmen nach vier Millionen Euro pro Jahr. Der VfL sähe es gern, wenn der Ex-Nationalspieler bis Montag, wenn die Transferliste schließt, einen neuen Arbeitgeber fände.

Trainer fördert Eigengewächse

Die weitere Personalpolitik ist darauf ausgerichtet, Publikum und Team näher zusammenrücken zu lassen. Bei der zwischenmenschlichen Konsolidierung spielen Könner wie Diego und Gustavo eine zentrale Rolle, weil der VfL zu den Topteams der Liga gehören soll. Doch auch Eigengewächse wie Maximilian Arnold, der auf einen Platz in der Startelf drängt, sind Teil des neuen Schmusekurses. Mit Hecking ist eine Sachlichkeit eingekehrt, die dem Verein gut tut. Auch das eine Parallele zu Berlin, wo der arbeitsame Jos Luhukay höchsten Respekt genießt. In Wolfsburg sagt Hecking: „Unser Verein ist darauf organisiert, Erfolg zu haben. Aber das Bild, das von ihm immer gezeichnet wird, ist falsch.“ Beim Heimsieg gegen Schalke hatte er mit Stefan Kutschke einen Bundesliganovizen eingewechselt. Der 24-Jährige schoss das Tor zum 4:0. Kutschkes Debüt machte offensichtlich, dass die VfL-Fans nicht unbedingt nach teuren, sondern nach authentischen Helden lechzen.

Bei Hertha werden Eigengewächse schon länger zur Identifikation genutzt. Gegen den VfL stehen mit Änis Ben-Hatira, Nico Schulz, John Brooks, Fabian Holland und Sascha Burchert fünf Profis aus dem eigenen Nachwuchs im Kader. Das alles ändert nichts an den Branchen-Mechanismen: Nach drei Punkten aus drei Partien steht der VfL gegen Hertha (7 Punkte) mächtig unter Druck.