Tennis

„Sabine wollte in allem die Beste sein“

Richard Lisicki über den falschen Ehrgeiz von Tennis-Eltern, das verlorene Finale von Wimbledon und den Stolz auf seine Tochter

Wenn Sabine Lisicki (23) in diesen Tagen bei den US Open in New York spielt (gestern musste sie wegen Regens pausieren), dürfen zwei Personen nicht fehlen: Mutter Elisabeth und Vater Richard. Besonders Richard Lisicki lenkt die Geschicke im Team seiner Tochter. Der Doktor der Sportwissenschaften kam vor 32 Jahren aus Polen nach Deutschland, arbeitete als Tennislehrer und brachte Sabine zum Sport. Mit dem 61-Jährigen sprach Lorenz Vossen.

Berliner Morgenpost:

Mit den US Open dürften Sie nicht nur schöne Erinnerungen verbinden. 2009 verletzte sich Ihre Tochter schwer und verließ den Platz im Rollstuhl.

Richard Lisicki:

Es war schrecklich. Vor allem, dass ihr im Prinzip nicht geholfen wurde. Als Trainer darf ich während des Matches nicht auf den Platz. Als ich gesehen habe, dass keiner reagiert, habe ich die Schiedsrichterin gebeten, zu ihr zu dürfen. Sie hat es erlaubt und ich habe Sabine das Bein hochgelegt, Eis gebracht. Das sind Momente, die man als Trainer zum einen – und zum anderen als Vater – nicht erleben möchte. Ich spreche auch nicht so gern darüber.

Vor den US Open 2013 hat Sabine von drei Spielen auf Hartplatz zwei verloren. Kommt das Turnier zu früh?

Das liegt nicht am Hartplatz, sondern an der Pause, die sie nach Wimbledon hatte (fünf Wochen verletzungsbedingt, d. Red.). Da muss man sich erst mal orientieren. Die Schläge sind zwar da, aber ihre Reaktion erfolgt noch nicht automatisch. Es wäre eigentlich nötig gewesen, dass sie noch ein paar Matches spielt. Aber das war leider nicht möglich.

Hat Sabine inzwischen mehr Geduld, Verletzungen auszukurieren?

Ja, das ist ein großer Vorteil. Ein Trainer kann sagen, was er will. Letztendlich entscheidet der Spieler, was er macht. Wenn sie früher zu schnell zurück auf die Tour wollte, erreichte sie nicht 100 Prozent. Mittlerweile ist sie reifer geworden und weiß, dass sie ohne die nötige Fitness gar nicht an ein Match zu denken braucht.

Ein wichtiges Thema ist auch die Psyche. Im Wimbledon-Finale schien sie überfordert, es flossen Tränen.

Wenn wir über mentale Stärke reden, dürfen wir nicht nur auf das Match gegen Marion Bartoli, sondern auch die Spiele gegen Serena Williams und Agnieszka Radwanska (Achtel- und Halbfinale, d. Red.) schauen. Dort war ihre Psyche ihr Vorteil. Im Endspiel hat sie keine mentale Schwäche gezeigt, es war nur Ausdruck ihrer Verzweiflung, weil die Kraft fehlte. Wenn man merkt, man spielt nur mit 60 Prozent Kraft: Wie soll man reagieren? Nach vorn gehen und aufgeben? Das macht man im Finale eines Grand-Slam-Turniers natürlich niemals. Oder versuchen, das Spiel zu drehen? Das hat sie dann getan, als sie im zweiten Satz noch mal auf 4:5 rankam.

Der Hype nach Wimbledon war riesengroß. Wird Sabine seitdem mit anderen Augen angesehen?

Es gab sehr viele Glückwünsche nach Wimbledon. Und man merkt natürlich, dass man hier und da anders angesehen wird. Beim Training laufen die Fans oft auf Sabine zu und wollen Autogramme, während die anderen Spielerinnen an der Seite stehen.

Und sie genießt das?

Natürlich. Sie mag es, in der Öffentlichkeit zu stehen, dass man Interesse an ihr zeigt. Wenn sie auf dem Platz steht und das Publikum für sie klatscht, wird sie dadurch motiviert. Sie liebt das.

Sie und Ihre Frau begleiten Ihre Tochter fast ununterbrochen. Wie schafft man es, dass es dabei keinen Streit gibt?

Das entwickelt sich mit der Zeit. Es kommt natürlich auf die Menschen an. Wenn man nur Leute hat, die immer Streit suchen, ist klar, dass die Beziehung irgendwann auseinanderbricht. Wenn man ein gemeinsames Ziel hat und diesem alles unterordnet, dann kann man sich mit Hilfe von Vernunft arrangieren. Wenn man sein Kind so erzieht, dann funktioniert das auch.

Mit 16 Jahren wurde Sabine Profi. Durch diese Entscheidung lag auch das finanzielle Wohl der gesamten Familie auf ihren Schultern. Wie haben Sie es geschafft, ihr den Druck zu nehmen?

Sagen wir so: Ich habe nicht geschafft, den Druck von ihr fernzuhalten. Ich habe ihr geholfen, mit ihm zu leben. Überall in der Gesellschaft herrscht Erfolgsdruck. Aber im Tennis habe ich oft mit Schrecken gesehen, wie Eltern ihre Kinder unter Druck gesetzt haben. Da sind in anderen Familien schlimme Dinge passiert. Ich habe nie zu denen gehört, die ihre eigenen Ziele über ihre Kinder verwirklichen wollten. Meine Aufgabe war es, für die Erziehung und Bildung eines Menschen zu sorgen. Auch deshalb war uns sehr wichtig, dass Sabine die Mittlere Reife abschließt. Ob Gesangsstunden oder Tanzunterricht: Sabine wollte in allem die Beste sein. Ich habe ihr irgendwann gesagt, dass sie sich entscheiden muss. Sie hat Tennis gewählt.

Und heute können Sie sehr stolz sein.

Es ist ganz normal, stolz zu sein. Es fällt auch ein bisschen auf die eigene Person ab, weil man dazu beigetragen hat, wo sie jetzt steht. Ich denke manchmal darüber nach, was ich hätte besser machen können. Sie war mal die Nummer zwölf der Welt. Viele sagen, sie müsste unter den besten fünf stehen. Aber Platz 18 ist aktuell natürlich gut.

Was sind die Ziele für die US Open?

Die Vorbereitung war sehr kurz, aber bei Sabine kann alles auf einmal sehr schnell gehen. Sie ist eine Turnierspielerin, alles ist möglich. Natürlich kommt es auch auf die Tagesform und die Auslosung an. Das Ziel ist, die zweite Woche des Turniers zu erreichen.

Sabine hat kürzlich gesagt, dass sie sich früher in New York oft verlaufen habe.

Wenn man mitten in Manhattan wohnt, sieht alles gleich aus. Die Wege sind sehr weit, 45 Minuten bis zur Anlage. Aber Sabine wird das schaffen. Sie ist ja kein kleines Kind mehr.