Interview

„Frauenboxen macht keinen Sinn mehr“

Ina Menzer steigt desillusioniert aus dem Profigeschäft aus. Sie wirft ihren früheren Promotern einen Mangel an Moral vor

Es soll der letzte Kampf von Ina Menzer (32) sein. Nach vielen Turbulenzen verabschiedet sich das einstige Covergirl des Frauenboxens am Sonnabend (Eurosport, 21.30 Uhr) in Mönchengladbach mit einem in Eigenregie organisierten Weltmeisterschaftskampf von ihren Fans. Die einstige Titelträgerin im Federgewicht trifft im Duell um den vakanten WM-Titel der WIBA und um das Superchampionat der WIBF auf die unbesiegte Litauerin Goda Dailydaite (28). Mit Gunnar Meinhardt sprach sie über Höhen und Tiefen ihrer Karriere.

Berliner Morgenpost:

Frau Menzer, gut, dass Sie aufhören. Endlich müssen wir keine Angst mehr um Ihr Aussehen haben?

Ina Menzer:

Ach Gott, hatten Sie das wirklich?

Ja, natürlich.

Darum hätten Sie sich keine Sorgen machen müssen.

Finden Sie Schmisse im Antlitz etwa sexy?

Was heißt sexy? Klar, möchte ich nicht wie Quasimodo aussehen. Zumal ich auch kein Blut sehen kann. Doch es ist nun mal das Risiko, das du beim Boxen eingehst. No risk, no fun.

Legen Sie keinen Wert auf Ihre Gesundheit oder ein schönes, glattes Gesicht?

Natürlich, die Gesundheit ist mir am allerwichtigsten. Danach kommen gleich meine Haare. Die würde ich auch für einen Titel nicht opfern. Ein bisschen Weiblichkeit muss schon sein. Und natürlich möchte ich auch ein schönes Gesicht ohne Narben haben. Männer sind vielleicht stolz auf Ihre Kampfspuren, ich ganz sicher nicht.

Also können Sie doch froh sein, dieses Risiko nicht mehr einzugehen.

Ich würde mich dem schon ganz gern noch aussetzen. Doch es macht keinen Sinn mehr. Nach dem Ende von Universum Boxpromotion liegt das Frauenboxen in Deutschland quasi am Boden. In der Öffentlichkeit findet es im Grunde genommen nicht mehr statt. Ohne große Fernsehpartner wie ZDF, ARD oder RTL ist das auch schwierig, sehe ich keine Perspektive, die breite Masse zu erreichen. Ich kann nicht begreifen, dass es keinen zahlungskräftigen Fernsehsender gibt, der Interesse an Frauenboxen hat. Dabei gibt es jetzt eine viel bereite Basis an gut ausgebildeten Boxerinnen als noch vor neun Jahren, als ich Profi wurde. Regina Halmich, Daisy Lang und ich waren die Vorreiterinnen, viele Mädchen sahen in uns Vorbilder und gingen in die Boxschulen. Diese Mädels kommen jetzt langsam ins richtige Alter, doch ihnen fehlt leider Perspektive. Wenn ich geboxt habe, hatte ich beim ZDF in der Spitze fast fünf Millionen Zuschauer, über 20 Prozent Marktanteil. Das Interesse ist da gewesen. Viele denken auch immer noch, ich wäre Weltmeisterin.

Und haben ausgesorgt – immerhin boxten Sie in 16 Ihrer 31 Kämpfe um Weltmeistertitel, wobei Sie nur einmal verloren.

Schön wär’s.

Ist das nicht so? Sie waren doch fast fünf Jahre Weltmeisterin.

Nein, wirklich nicht.

Wie viel haben Sie denn pro Kampf bekommen, als Sie 2004 beim Hamburger Universum Boxstall begannen.

Anfangs 3500 Euro plus Mehrwertsteuer. Davon wurden noch 35 Prozent für Universum abgezogen. Im ersten Jahr machte ich nur vier Kämpfe, da brauchte ich nicht mal Steuern zu bezahlen. Ich hatte Glück, dass ich noch bei meiner Mutter wohnte, sonst wäre ich nicht über die Runden gekommen.

Ihre Börse erhöhte sich aber, als Sie 2005 erstmals Weltmeisterin wurden?

Etwas schon. Ich glaube, für den ersten WM-Kampf bekam ich 12.000 Euro. Das war für einen zweiten Hauptkampf im ZDF nicht viel. Die Börsen erhöhten sich aber mit jedem WM-Kampf.

Immer um 10.000 Euro?

Nein, so viel war es nicht.

Was bekamen Sie für Ihren letzten WM-Kampf, den Sie 2010 in Stuttgart verloren haben?

Ich denke, dass ich bei den Frauen nach Regina Halmich die höchsten Börsen kassiert habe. Männer und Frauen waren immer zwei Paar Schuhe. Die Männer wurden immer deutlich besser bezahlt. Als Frau hast du viel schlechtere Karten.

Für Ihren letzten WM-Kampf haben Sie doch eine sechsstellige Summe kassiert?

Ja, aber davon gingen die 35 Prozent für Universum und Steuern ab. Da blieb nicht mehr allzu viel übrig. Netto-Millionärin bin ich nicht geworden. Ich habe jedoch nichts zu bereuen. Die Erfahrungen, die ich in meinen über neun Profijahren gemacht habe, sind durch nichts zu ersetzen. Ich lernte viele interessante Menschen kennen, aber auch viele Blender, und hoffe, künftig nicht mehr so schnell auf Schnacker reinzufallen. Im Sommer 2010 verabschiedete sich das ZDF vom Boxen. Dass danach alles den Bach runtergehen würde, hatte ich nicht für möglich gehalten.

Zumal Ihr Promoter Klaus-Peter Kohl ja versprach, es werde mit seinem Boxstall weitergehen.

Ich bin immer noch sauer auf mich, dass ich ihm geglaubt habe. Er war nicht ehrlich zu mir, ebenso wie später Waldemar Kluch. Mit seinen Hinhalteparolen stahl mir Herr Kohl zwei Jahre meiner Karriere. Im guten Glauben auf bessere Zeiten habe ich 2011 meinen Vertrag nicht gekündigt, sondern für weitere zwei Jahre unterschrieben. Dabei hatte ein ich interessantes Angebot von einem anderen deutschen Promoter. Das war sehr dumm von mir.

Und Kluch, Kohls Nachfolger beim nun insolventen Universum-Unternehmen?

Meines Wissens nach sitzt er noch im Gefängnis. Ich möchte ihn auch nicht sehen, er hat mir voriges Jahr die Möglichkeit verwehrt, um die WM zu kämpfen.

Warum?

Ich weiß es nicht ganz genau und möchte deshalb auch nichts dazu sagen. Jedenfalls hatte er mir einen WM-Kampf versprochen, woraus dann nichts wurde. Das Schlimme ist, ich habe sowohl Herrn Kohl als auch Herrn Kluch vertraut. Herr Kohl hat ohne Frage Großartiges fürs Frauenboxen geleistet, doch in gleichem Maße hat er alles wieder kaputt gemacht. Er ist auf jeden Fall ein besserer Kaufmann als Kluch. Doch beide behandelten einen wie Werkzeug. Bei beiden spürte ich keine Menschlichkeit, keinen Respekt, keine Achtung. Vielleicht ist es in diesem Geschäft aber auch nicht angebracht.

Schuldet Ihnen Kluch noch Geld?

Ja, 25.000 Euro. Darüber mache ich mir jetzt aber keine Gedanken. Ich muss mich auf meinen Kampf konzentrieren.

Was ist, wenn Sie ihn verlieren?

Dann höre ich trotzdem auf, definitiv.