Interview

„Sechs Meter habe ich drauf“

Raphael Holzdeppe über seinen WM-Titel im Stabhochsprung, den Start in Berlin am Sonnabend und sein neues Motorrad

Vor zehn Tagen ist Raphael Holzdeppe als erster Deutscher Weltmeister im Stabhochsprung geworden. Nur zwei Tage später nahm er an einem Meeting seines Klubs LAZ Zweibrücken teil. Am Sonnabend nun ist er bei „Berlin fliegt“ in Berlin am Start. Jens Hungermann sprach mit dem 23-Jährigen.

Berliner Morgenpost:

Ahnen Sie schon, was sich für Sie nun ändern könnte und welche Vorteile es womöglich hat, Weltmeister zu sein?

Raphael Holzdeppe:

Hm. Über Vorteile habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich lasse das auf mich zukommen. Von Tag zu Tag sickert es mehr ins Bewusstsein, dass ich jetzt Weltmeister bin. Und dann auch noch der erste im Stabhochspringen aus Deutschland.

Erklären Sie in kurzen Worten, was Stabhochsprung für Sie so faszinierend macht.

Es ist komplex. Ein Stabhochspringer muss sehr viele Bewegungen gleichzeitig koordinieren. Wenn ich über der Latte bin und sehe, ich bin 5,80 Meter, 5,90 Meter hoch über dem Boden, und der Sprung ist gültig – das macht für mich die Faszination aus.

Haben Sie nie Angst?

Hin und wieder kommt es vor, wenn ich zum Beispiel mal verletzt gewesen bin. Wobei … nein, Angst würde ich es gar nicht nennen. Es ist eher eine leichte Unsicherheit. Denn Angst vor der eigenen Sportart ist das Schlimmste, was du haben kannst als Sportler.

Gehören Stabhochspringer einem speziellen Schlag Menschen an?

In gewisser Weise schon. Wir sind Allrounder, müssen schnell sein, beweglich und kräftig, aber dennoch geschmeidig.

Aber ticken sie auch anders als andere Leichtathleten?

Es fällt auf, dass Deutschland nicht nur immer gute Stabhochspringer hatte, sondern oft auch sehr extrovertierte Typen. Denken wir nur an Tim Lobinger. In diese Szene bin ich hineingewachsen.

Lobinger verkörperte den Typus „Große Klappe, viel dahinter“. Ist er ein Vorbild für Sie – auch wie er sich außerhalb des Sportplatzes gibt?

Ein wenig schon. Wer ihn kennenlernt, merkt: Das ist ein verrückter Typ. Aber Tim ist anders, als man ihn aus dem Fernsehen zu kennen glaubt. Du musst ein bisschen ein verrückter Typ sein, um Stabhochsprung machen zu können.

Lieben Sie auch sonst das Risiko?

Klar, gern!

Sie fahren Motorrad.

Ja. Aber nur eine kleine Maschine, weil ich noch unter 24 Jahre alt bin. Da bin ich PS-mäßig begrenzt.

Fuchst Sie das?

Ende September ist das ja vorbei. Dann werde ich 24 (grinst). Dann kaufe ich mir ein neues Motorrad. Ein schnelleres, stärkeres.

Oha. Was sagen Ihre Eltern dazu?

Was Eltern so sagen: „Pass bloß auf!“ (lacht)

Ähnlich wie die Fußball-Nationalmannschaft ist auch das Leichtathletik-Nationalteam Deutschlands heute eine Art Multikulti-Mannschaft mit Sportlern unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Hautfarbe. Spricht es für einen unverkrampften Umgang der Deutschen, dass dies inzwischen glücklicherweise als selbstverständlich angesehen wird?

Ich bin froh darüber. Wir haben im Fußball, aber auch in der Leichtathletik so viele verschiedene Charaktere im Team. Über die Leistung ist jeder gleichgestellt – egal, wo er herkommt.

Ob aus der Pfalz wie Sie oder aus Bayern zum Beispiel...

(lacht) Genau.

Haben Sie selber schlechte Erfahrungen gemacht wegen Ihrer Hautfarbe? Dumme Sprüche, blöde Blicke zum Beispiel?

Nein, bislang nicht. Glück gehabt!

Sie haben in Ihrer Karriere schon sehr früh sehr großen Erfolg gehabt. Mit 18 sind Sie 2008 den Junioren-Weltrekord von 5,80 Meter gesprungen. Danach aber gab es zunächst einen Knick. Woran lag es?

Im Jahr darauf habe ich mich besonders unter Druck gesetzt. Ich wollte es mindestens genauso gut machen, war wohl übermotiviert. Mit der Heim-WM 2009 in Berlin hat es damals nicht geklappt. 2008 war Stabhochsprung noch mein Hobby, 2009 habe ich Abi gemacht. Plötzlich war mein Sport mein Beruf. Da stellt sich im Kopf etwas um, weil ich meinen Beruf so gut machen wollte wie möglich – und nicht mehr länger nebenbei. Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, das zu überwinden.

Sie haben in Moskau gesagt, Sie hätten zu Anfang Ihrer Karriere lernen müssen, was Ihr Körper braucht und was nicht – „dreimal die Woche feiern gehen“ zum Beispiel.

Ach, na ja, pfff! Natürlich bin ich auch mal feiern gegangen. Normal, wenn einer gerade Abi macht. Und natürlich kannst du deinen eigenen Körper anders einschätzen, wenn du nicht mehr 17, sondern 22 bist, und wenn du auf Spitzenleistungen hin trainierst. Es braucht einfach Zeit, ein Gespür zu entwickeln.

Also musste Ihnen niemand sozusagen in den Hintern treten?

Nein. Ich bin ein Typ, der Dinge ausprobiert. Wie funktionieren sie für mich, wie wirken sie sich auf meinen Körper aus? Ich sehe es so: Was ich nicht ausprobiere, kann ich nicht einschätzen. So habe ich meinen eigenen Weg gefunden.

Nun sind Sie erst 23 und schon Olympiadritter und Weltmeister. Haben Sie zuweilen den Eindruck, ein Leben auf der Überholspur zu führen?

Ja! Für mich ist es cool, dass alles so aufging. 2012 war schon genial. Dieses Jahr hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Wenn ich Sergej Bubka sehe, der mit 36 seine Karriere beendet hat, oder Björn Otto, der bei der WM mit 35 Bronze geholt hat, dann hoffe ich, noch viele gute Jahre vor mir zu haben.

Zugunsten des Leistungssports haben Sie Ihr Studium Anfang des Jahres unterbrochen. Wo, glauben Sie, sind Ihre Leistungsgrenzen?

Ich habe noch nicht alles ausgereizt. Es kann noch höher gehen für mich – das ist es, was mich im Training motiviert. Meine Freiluft-Bestleistung liegt bei 5,91 Meter. Ich will an meine Grenzen gehen, bis ich merke, wieweit ich meinen Körper treiben kann. Bislang habe ich diese Grenze noch nicht erreicht.

Ist die Sechs-Meter-Marke ein Ziel?

Absolut. Seit diesem Jahr habe ich gemerkt, sechs Meter habe ich drauf. Ob die Höhe dieses Jahr noch fällt, kann ich nicht sagen. Aber wenn nicht dieses Jahr, dann gehe ich sie nächstes Jahr wieder an. Bislang gibt es weniger als 20 Springer in der Weltgeschichte, die 6,00 Meter und mehr gesprungen sind.