Sprint

Besser als Lewis: Bolt schreibt Geschichte

Jamaikaner feiert mit der 4x100-Meter-Staffel seinen achten WM-Titel und überholt den US-Star

Da wurde selbst dem Lümmel mit der Baseballkappe ganz mulmig, wie er da so saß, oben auf dem Podest, neben dem schnellsten Mann der Welt. „Ich fühle mich geehrt, demütig“, säuselte Bronzemedaillengewinner Curtis Mitchell (USA) ins Mikrofon: „Vor einem Jahr wurde ich nicht mal erwähnt – jetzt sitze ich neben Usain Bolt.“ Als Besiegter zwar. Aber daran hat sich die Riege der weltbesten Sprinter ja inzwischen hinlänglich gewöhnen können.

Bolt hat in Moskau das getan, was sich im denglischen Sportsprech „performt“ nennt: Er hat etwas ausgeführt, verrichtet. Er hat funktioniert. Wieder einmal. Wie immer. Dem prestigeträchtigeren Titelgewinn über 100 Meter am zweiten Tag der Leichtathletik-Weltmeisterschaften ließ er Samstagabend im endlich einmal prall gefüllten Luschniki-Stadion jenen über die 200-Meter-Strecke folgen. Es ist seine Lieblingsdistanz.

„Die 100 Meter sind für die Fans und für Show als schnellster Mann der Welt. Aber für mich bedeutet es viel mehr, hierher zu kommen und meinen Titel über die 200 zu verteidigen“, sagte Bolt. 2011 und 2009 war er ja jeweils schon Weltmeister über 200 Meter geworden. Dass er am Sonntag zum Abschluss der WM mit der jamaikanischen Staffel auch noch das 4x100-Meter-Rennen gewann, macht Unikum Bolt nun noch in anderer Hinsicht einzigartig: Er ist jetzt der erfolgreichste WM-Teilnehmer in der Geschichte seines Sports. Mit acht Gold- und zwei Silbermedaillen ließ er den unliebsamen Amerikaner Carl Lewis hinter sich, gegen den er eine Aversion hegt.

Angeblich bedeutet ihm dieser Umstand nicht viel. In Moskau wiederholte Bolt lediglich die bekannte Folklore vom Hauptziel, eine Legende zu werden: „Das ist mir in London voriges Jahr gelungen. Ich will 2016 in Rio schaffen, was niemandem zuvor gelungen ist: wieder Olympiasieger über 100 und 200 Meter werden.“ Das ganz große Spektakel gleichwohl, das Bolt umgibt, blieb in Moskau aus. Es mag an den zwar sehr guten, aber eben nicht außergewöhnlich guten Siegzeiten (9,77 und 19,66 Sekunden) gelegen haben. Oder daran, dass sich der größte Star der Leichtathletik ein wenig rar gemacht hat in diesen Moskauer Sommertagen. Und dass er seine Erfolge nicht euphorisch, sondern beinahe routiniert feierte.

Vielleicht war der Clown des Schauspielerns auch bloß verärgert. Über das Misstrauen, das Jamaika als vermeintlichem Sprinterwunderland nach mittlerweile diversen Dopingfällen entgegenschlägt. Bolt selbst aber bleibt davon beinahe unberührt. Kaum einmal kritische Fragen, die er zu beantwortet hätte. Und wenn, dann pariert er professionell, aber nichtssagend.

Mit sechs goldenen, zwei silbernen und einer bronzenen Plakette platzierte sich Jamaika auf Rang drei des Medaillenspiegels. Für ein Land, nicht einmal halb so groß wie Mecklenburg-Vorpommern, ist das abermals eine verblüffende Bilanz.

An dieser Statistik war neben Bolt in wesentlichem Maße Shelly-Ann Fraser-Pryce (26) beteiligt. Der 1,60 Meter kleine Sprintfloh trommelte in 10,71 und 22,17 Sekunden über 100 und 200 Meter flinke Zeiten auf die Bahn, denen niemand folgen konnte. Fraser-Pryce sprach hinterher von einer „Inspiration für alle Jamaikaner“ und davon, dass „jeder es schaffen kann, egal wie groß oder klein, wie dick oder dünn“. Die Jamaikanerin ist erst die dritte Frau, die bei einer WM beide Sprinttitel gewann. Ihre Vorgängerinnen: DDR-Läuferin Silke Gladisch (1987) und Katrin Krabbe (1991). Weil Fraser-Pryce am Sonntag auch noch mit der 4x100-Meter-Staffel triumphierte, schaffte sie gar Historisches. Das Tripel gelang vor ihr nämlich noch keiner.