HSV

Katerstimmung an der Alster

Beim HSV liegen wieder Welten zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Rafael van der Vaart feuerte wutentbrannt seine Kapitänsbinde auf den Rasen, Oliver Kreuzer knöpfte sich in aller Öffentlichkeit die Mannschaft vor – und Nationaltorhüter René Adler war ohnehin auf 180 nach dem blamablen 1:5 (1:1) des Hamburger SV gegen 1899 Hoffenheim. Seine bittere Bestandsaufnahme: „Man sieht, dass eine harte Saison vor uns liegt.“

Die Aufbruchsstimmung beim selbst ernannten Anwärter auf einen Europacup-Platz ist jedenfalls erst einmal dahin. Land unter in der Hansestadt – mal wieder. Auch Trainer Thorsten Fink ging mit seinem Team nach dem Debakel gegen den Beinahe-Absteiger der Vorsaison hart ins Gericht. „Das Defensiv-Verhalten war sehr, sehr, sehr schlecht. Das war ein Lehrbeispiel, wie man es nicht macht“, sagte Fink gereizt und haderte mit der fast schon chronisch fehlenden Konstanz im Hamburger Spiel: „Die Mannschaft lässt mich seit eindreiviertel Jahren nicht einmal zwei bis drei Spieltage durchatmen.“

Der Bundesliga-Dino war sechs Tage nach dem 3:3 bei Schalke 04 kaum wiederzuerkennen. Nichts war mehr zu spüren von dem „neuen Geist“, den Fink noch in der Vorwoche ausgemacht hatte. Selbst der Ausgleich durch van der Vaart kurz vor der Pause (44.) gab dem Team keine Sicherheit – im Gegenteil: Im zweiten Abschnitt wurde der HSV von den agilen Gästen über weite Strecken sogar vorgeführt.

Manager Kreuzer zeigte für die desaströse Leistung kein Verständnis und knöpfte sich am Tag nach dem Debakel seine Führungsspieler vor. „Wenn diese Spieler binnen einer Woche einen solchen Leistungsabfall haben, können das die anderen nicht auffangen“, sagte Kreuzer: „Man sieht, dass die erfahrenen Spieler in solchen Phasen auch Probleme mit sich selbst haben und überfordert sind, Stabilität in unser Spiel zu bringen. Mich würde interessieren, was die Spieler selbst dazu sagen.“ Sie sagten am Sonntag gar nichts. Sie bekamen von Fink zwei Tage trainingsfrei.

Vor allem die Verteidigung entpuppt sich zunehmend als Problemzone des HSV. Saisonübergreifend kassierten die Hanseaten nun schon zum elften Mal nacheinander mindestens ein Gegentor, allein acht waren es in den bisherigen zwei Partien der aktuellen Spielzeit – so viele hatte der HSV zuletzt zum Start in die Saison 1987/1988 hinnehmen müssen.

Noteinkäufe wie in der vergangenen Saison schließt Kreuzer aber aus. „Es bringt jetzt nichts, in Panik zu verfallen und fünf neue Spieler zu holen – zumal wir das Geld dazu gar nicht haben“, sagte der Sportchef: „Die Mannschaft hat weiterhin unser Vertrauen.“

Doch auch die Offensivabteilung gleicht nach zwei Spieltagen einer riesengroßen Baustelle. Das Experiment, ohne echten Mittelstürmer zu spielen, dürfte nach dem lausigen Auftritt schnell zu den Akten gelegt werden. Weder van der Vaart noch Youngster Hakan Cahanoglu konnten an vorderster Front Akzente setzen. Der niederländische Nationalspieler war bei seiner Auswechslung stinksauer und flüchtete begleitet von den Pfiffen der Fans wortlos in die Kabine.

„Wir brauchen nichts zu beschönigen, müssen aber trotzdem nach vorne schauen und uns den Kredit bei den Fans zurückholen“, sagte Fink und stellte mit Blick auf die kommenden Partien klar: „Die Saisonziele werden nicht revidiert.“ Am nächsten Sonnabend muss der HSV in Berlin beim Aufsteiger Hertha BSC antreten.