Speerwurf

Endlich mal Gold

Die ewige Zweite Christina Obergföll holt mit dem Speer den vierten Sieg für das starke deutsche Team bei der WM

Wie sie da lief, so ganz allein, eine halbe Stadionrunde lang, leichtfüßig und beschwingt, und wie die schwarz-rot-goldene Fahne über ihren breiten Schultern flatterte, da sah Christina Obergföll beinahe so aus, als würde sie schweben. Oder im nächsten Moment abheben. Das muss wohl der Effekt sein, den es hat, wenn einer Sportlerin eine tonnenschwere Last von den Schultern genommen ist.

Seit Sonntag ist Obergföll (31) Weltmeisterin. Zum ersten Mal in ihrer langen, erfolgreichen Karriere. Auf 69,05 Meter warf sie ihren Speer gleich im zweiten Versuch, 2,45 Meter weiter als die zweitplatzierte Australierin Kimberley Mickle und fast vier Meter weiter als die russische Favoritin Maria Abakumowa, die zur großen Enttäuschung ihrer Landsleute im Stadion nur auf Rang drei kam. So hatte es sich die Saisonbeste erhoffen, keineswegs aber ausrechnen können. Sie sagte: „Ich bin sehr bewegt. Es hätte so viele Jahre klappen sollen. Jetzt hat es geklappt, wo ich nicht mehr damit gerechnet habe.“

Silber und Bronze bei Olympischen Spielen, zweimal WM-Silber, zweimal Silber bei Europameisterschaften – manch einem schien die Schwarzwälder Frohnatur wie ein weiblicher Sisyphos: Oft probiert, doch stets passiert von mindestens einer Konkurrentin. „Jetzt bin ich endlich, endlich die Vollendete. Jetzt habe ich den kompletten Medaillensatz“, juchzte Obergföll.

Ihr Partner und Trainer Boris Henry erzählte später davon, wie schwer es gewesen war, Obergföll nach ihrem vierten Platz bei der WM vor zwei Jahren wieder aufzurichten, „ja sie zu motivieren, dass sie nicht aufhört mit dem Speerwerfen“. Damals begann sie, intensiv mit dem Sportpsychologen Hans Eberspächer zusammenzuarbeiten. Es ist ein Schlüssel zum Erfolg gewesen für die Frau, die sich als Nervenbündel häufig selbst im Weg gestanden hatte. Und die sich jetzt so nervenstark präsentierte.

Im September nun werden sie und ihr Lebensgefährte heiraten. Henry wird dann Obergföll heißen („Daran könnt ihr euch schon mal gewöhnen“). Eine gemeinsame Wette ist der Grund, die da lautete: Wenn seine Freundin Weltmeisterin wird, nimmt er ihren Namen an.

Seit vielen Jahren zählt Christina Obergföll schon zu den Leistungsträgern in der Leichtathletik-Nationalmannschaft. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) war ihre Medaille in Moskau die vierte goldene nach den Titelgewinnen von David Storl (Kugelstoßen), Robert Harting (Diskus) und Raphael Holzdeppe (Stabhochsprung). Der Medaillenspiegel weist die Deutschen als fünftbeste Nation der Welt aus, die Nationenwertung (Platzierung von 1 bis 8) als viertbeste. Fast hätten Sonntag noch die beiden 4x100-Meter-Staffeln eine Plakette beigesteuert. Sowohl die Frauen als auch die Männer kamen auf den vierten Platz.

Doch nicht allein an Medaillen bemisst sich die gute Bilanz. Sondern an Blicken auf Details. 25,1 Jahre waren die rund fünf Dutzend deutschen Athleten in Moskau im Durchschnitt erst alt und damit so jung wie nie. Vier von fünf DLV-Startern haben sich, gemessen an ihrer Platzierung in der sogenannten bereinigten Weltjahresbestenliste, bei der WM verbessert. „Das spricht für die sehr gute, zielgerichtete Vorbereitung der Athleten auf die internationalen Meisterschaftshöhepunkte“, stellt DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen zufrieden fest.

Junges deutsches Team macht Mut

Zu denen, die sich beim Saisonhöhepunkt verbesserten und damit das Vertrauen der Verbandsführung rechtfertigten, gehören viele noch sehr junge Athleten. Homiyu Tesfaye beispielsweise. Der 20-Jährige erreichte überraschend das Finale über 1500 Meter am Sonntag. Eine Leistung, die seit Jahren keinem deutschen Mittelstreckler mehr gelungen war. Tesfaye belegte einen guten fünften Rang. All diese Leistungen waren möglich, „obwohl das Leistungsniveau in diesem nach-olympischen Jahr exorbitant hoch ist“, wie Kurschilgen sagt.

Sie sind aber auch deswegen möglich gewesen, weil der Verband im Vergleich zu früher seinen Athleten mehr Vertrauen schenkt. Kurschilgen erklärt: „Wir beobachten die Entwicklung der Athleten über einen längeren Zeitraum. Diese Beobachtungen sind Grundlage für die Förderung. Wir bewerten also Prozessverläufe.“ Eine Förderung, sie sich am addierten Resultat einzelner Meisterschaften orientiert, lehnt er ab.

Dass es in Moskau auch Enttäuschungen gegeben hat, ist indes unübersehbar. Hammerwurf-Weltrekordlerin und Favoritin Betty Heidler etwa schied in der Qualifikation aus. Zehnkampf-Europameister Pascal Behrenbruch hatte an Platz elf zu knabbern.

Nicht bereit sind die Chefs aber, vierte Plätze als Scheitern zu begreifen. Vielmehr würdigen sie jene von Silke Spiegelburg (Stabhochsprung), Claudia Rath (Siebenkampf), Martin Wierig (Diskuswurf) oder Linda Stahl (Speerwurf) und die Sprint-Staffeln als das, was sie sind: Weltklasseleistungen. Für die Fernziele WM 2015 und Olympische Spiele in Rio de Janeiro 2016 haben die deutschen Leichtathleten Mut geschöpft.