Porträt

Berlins unerfüllter Fußballtraum

Florian Müller war eines der größten Talente Deutschlands, nun beendet er frustriert seine Karriere

Sie muss irgendwo in einem der vielen Kartons liegen. Die Medaille. Florian Müller weiß es selbst nicht so genau. Will er auch gar nicht. Seit sieben Wochen leben er und Freundin Nena nun bereits zwischen Umzugskisten, der Rest des Hausstands lagert bei den Großeltern. Am 1. Juli kehrten sie aus Aachen zurück nach Berlin, lebten zur Untermiete. „Eine feste Wohnung zu nehmen, macht keinen Sinn“, sagt Müller. „Ende September wollen wir ein Jahr auf Weltreise gehen.“

Die Kisten werden in Deutschland bleiben und damit auch die wehmütigen Erinnerungen an eine Zeit, die endgültig vorbei ist. Florian Müller hat beschlossen, ein neues Leben zu beginnen. 2014 möchte er studieren, zuvor hofft er, auf der Reise um den Globus die Schmerzen zu überwinden. Die in seinem rechten Knie, vor allem aber die seelischen. „Natürlich tut es weh“, sagt der 26-Jährige in einem Café im Stadtteil Friedrichshain und nimmt einen Schluck Ginger Ale. „Mein Traum ist vorbei.“

Acht Jahre zuvor sitzt er in seiner Münchner Wohnung. Er ist 18 Jahre jung und wenige Wochen zuvor als größtes Talent im deutschen Fußball von Union Berlin zum FC Bayern gewechselt. Er hat gerade die Fritz-Walter-Medaille in Gold erhalten, eine Auszeichnung, mit der der Deutsche Fußball-Bund seine besten Nachwuchsspieler prämiert, auch Mario Götze, Lewis Holtby oder Julian Draxler erhalten sie. Silber erhält damals Manuel Neuer, Bronze Eugen Polanski. Müller hatte sich nach starken Leistungen in der Junioren-Nationalmannschaft (U19) seinen Verein aussuchen können. „Die Liste war lang, aber ich war schon immer Bayern-Fan. Da war die Entscheidung klar.“ Dem Mittelfeldspieler stehen alle Türen offen, die Prognose ist eindeutig: Bundesliga, Nationalmannschaft. Müller, attraktiv und eloquent, hat Starpotenzial. „Er war mit allem gesegnet, was du für den großen Fußball so benötigst. Er war schnell, technisch stark, spielintelligent, kreativ. Er war die absolute Granate. Es war schwer, etwas zu finden, ihn überhaupt mal kritisieren zu können“, erinnert sich Frank Lieberam, sein Trainer bei Union.

Vom 1. FC Union zum FC Bayern

Heute kann er nicht mal mehr mit den Kumpels im Park kicken. Joggen? Müller verzieht das Gesicht: „Natürlich kribbelt es bei dem Gedanken an Fußball, ich habe da nur keine große Hoffnung mehr. Joggen geht auch nicht so gut. Ich will mich jetzt aufs Fahrradfahren konzentrieren, mit dem Mountainbike durch die Wälder rauschen.“ Die Ansprüche sind gesunken. Verletzungen haben seinem Knie die Stabilität genommen. Das einst große Talent ist heute Sportinvalide, einziger Goldmedaillengewinner ohne Bundesligaspiel. Vor einigen Wochen hat er die Aussichtslosigkeit anerkannt.

Es war ein Kampf, den er nicht gewinnen konnte, nachdem er den ersten Karriereknick noch weggesteckt hatte. In München stiegen die Anforderungen. Sportlich, aber auch schulisch. Der Musterschüler (Notenschnitt 1,8) versuchte, beidem gerecht zu werden. „Mir war es immer wichtig, Abitur zu haben. Aber in München ging es mir dann nicht mehr luftig-locker von der Hand. Zudem ist Hermann Gerland nicht gerade der sanfteste und geduldigste Trainer“, sagt Müller. U23-Trainer Gerland konnte nicht verstehen, weshalb der hoch veranlagte Fußballer so viel Energie auf sein Abitur legte, rief seinen Zugang fortan nur noch „Schule“ und setzte auf andere. „Mein Selbstvertrauen war weg, ich hatte Angst vor Fehlern. Ich habe aber immer vieles hinterfragt, mir viel zu viele Gedanken gemacht.“ Zwei Jahre später hatte „Schule“ zwar sein Abitur, aber die sportliche Perspektive war Geschichte. Der Müller war jetzt wieder Müller, einer von vielen.

Und so wagte er 2007 den Neuanfang in Magdeburg. Über die Regionalliga spielte er sich zurück ins Gedächtnis der Trainer, Manager und Scouts. Ein Jahr später wechselte er zu Alemannia Aachen in die Zweite Liga,. Der Sprung in die Bundesliga stand bevor, Freiburg zeigte Interesse. Dann der 25. Oktober 2009, ein Zweitligaspiel gegen Union, den alten Klub. „Neunte Minute, ein Zweikampf, ein starker Schmerz. Das Knie wurde sofort dick“, erinnert er sich. Kreuzbandriss, Außenmeniskuseinriss, Innenbanddehnung. Ein Jahr darauf, Müller hatte sich gerade wieder in die Startelf gespielt, auswärts in Bochum der zweite Kreuzbandriss. „Eine Katastrophe. Als ich beim Arzt die Diagnose erhielt, bin ich raus und habe geheult.“

An das Karriereende denkt er damals nicht. Sein Vertrag wird noch einmal verlängert, doch die Komplikationen während der Reha wollen nicht enden. Müller kämpft, konsultiert weitere Ärzte, versucht es mit homöopathischen Methoden, doch die Schmerzen bleiben auch nach eineinhalb Jahren. Er beginnt, sich selbst zu belügen, setzt sich Ultimaten, um sie wieder zu verwerfen. Weihnachten 2012 will er ein Fazit ziehen. Dann doch lieber das Benefizspiel gegen Bayern im Januar abwarten, will es da allen zeigen. Sein Knie schwillt nach jedem Spiel an, aber er versucht es weiter.

Auch die Eltern leiden mit

Ein Spiel noch, dann noch eins, vielleicht wird es ja doch wieder gut. „Es fiel so verdammt schwer aufzuhören. Aber ich konnte gar nicht mehr das liefern, was ich mal gewohnt war.“ Tatsächlich saß er nur noch auf der Bank. Seine Einwechslung am 2. Februar, als er noch einmal 16 Minuten auf dem Platz stand, steht als letzter Auftritt in seiner Vita.

Der Vertrag lief am 30. Juni aus. Seither versucht er, sich abzunabeln. Sein Pay-TV-Abo hat er gekündigt. „Das tut schon weh, die anderen vor 50.000 Zuschauern zu sehen und zu denken: Na ja, besser als ich war der nicht.“

Auch die Eltern leiden mit ihrem einzigen Kind. „Ich schaue nicht mehr gern Fußball“, sagt Vater Andreas, ein Ingenieur, „Florian hat das jetzt so für sich akzeptiert, überwunden aber sicher noch nicht. Ich hoffe, dass er Kraft schöpft.“ Sein Sohn sieht das ähnlich: „Ich habe Dinge geschafft, die andere niemals schaffen werden. Ich bin stolz auf das Erreichte.“ Eisenhüttenstadt, Berlin, München, Magdeburg, Aachen. Nun aber steht Florian Müller vor seinem zweiten Leben. Wenn er von seiner Weltreise zurück ist, will er auch die Medaille wieder auspacken. Ganz ohne Wehmut. Sie soll einen Ehrenplatz erhalten.