Interview

„Ich brauche keine Millionen auf dem Konto“

Olympiasiegerin Natascha Keller über 30 Jahre Hockey und das neue Leben nach dem Sport

Nach 425 Länderspielen hat Hockey-Olympiasiegerin Natascha Keller (36) gerade ihre Karriere beendet. Alexandra Gross sprach mit der Legende des Berliner HC über die Gründe.

Berliner Morgenpost:

Frau Keller, wie viele Medaillen haben Sie in Ihrer Laufbahn denn genau gesammelt?

Natascha Keller:

Oh, das weiß ich gar nicht. Ich habe sie noch nie gezählt. Sie haben bei mir auch keinen exponierten Platz. Nur die eine…

...die goldene aus Athen 2004?

Genau die (lacht). Sie wird an einem sicheren Ort aufbewahrt.

Warum gerade jetzt das Karriereende?

Die Entscheidung ist in den vergangenen Monaten gereift. Mit dem Meistertitel auf dem Feld war das der richtige Abschluss. Ich habe so viele schöne Dinge im Hockey erlebt, besser kann es nicht mehr werden. Bei der Nationalmannschaft war lange klar, dass nach London 2012 Schluss sein würde, aber ich wollte nicht gleich auch in der Bundesliga mit einem Schlag aufhören. Nur ist der Aufwand auch dort sehr hoch, die Tage wurden leider nicht länger, obwohl ich keine Maßnahmen von der Nationalmannschaft mehr hatte. Außerdem wollte ich nicht warten, bis eine Verletzung mich zu diesem Schritt zwingt. Ich will mein ganzes Leben noch weiter Sport treiben können und nicht als körperliches Wrack abtreten.

Sie spielen nun Tennis und Golf. Vermissen Sie schon etwas?

Bisher nicht. Das war der erste Sommer ohne Lehrgang, seit ich 13 Jahre alt bin, und ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Ich genieße es, nicht mehr fremdbestimmt zu sein.

Wird es womöglich ein Comeback geben?

Ich denke nicht. Aber ich gebe zu, dass ich manche Nacht vom Hockey träume.

Im Leistungssport haben Sie sich immer große Ziele gesetzt. Welche großen Vorhaben treiben sie jetzt an, privat und beruflich?

Ohne Ehrgeiz schafft man nichts, aber ich war nie überehrgeizig, und gerade Niederlagen haben mich sehr geprägt. Auch um zu erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben. Ich bin selber gespannt, wo ich jetzt den Ehrgeiz entwickle. Denn ich will ja überall in gewisser Weise erfolgreich sein, das brauche ich schon irgendwie. Es wäre schön, wenn ich im Leben noch etwas finden würde, was mich ähnlich erfüllen würde wie Hockey in den letzten 30 Jahren.

Wären Sie lieber Spielerin in Argentinien gewesen, wo man Sie als Star verehrt?

In Argentinien hat unser Sport größeren Stellenwert, da habe ich diesen Star-Status kurzfristig durchaus genossen, und es macht natürlich mehr Spaß, vor mehreren tausend Zuschauern zu spielen. Allerdings kann man dort gar nicht unbehelligt auf die Straße gehen, ohne von Fans belagert zu werden.

Wie beurteilen Sie eigentlich das deutsche Sportfördersystem?

Ich bin in meiner Laufbahn immer sehr gut betreut worden. Ich habe mich nie allein gelassen gefühlt, kann mich daher nicht beklagen. Natürlich kann man immer jammern und fordern, dass es noch mehr Geld geben und die Förderung noch besser werden muss. Aber schon was ich dank meines Sports weltweit für ein Netzwerk an Kontakten aufgebaut habe, ist unbezahlbar. Das hilft einem im Leben weiter. Daher müssen es für mich nicht unbedingt die Millionen auf dem Konto sein. Ich habe das Glück gehabt, fünfmal an Olympia und an vielen Welt- und Europameisterschaften teilgenommen zu haben. Aber es gibt viele Athleten, die top sind, aber kurz vor einer WM noch aussortiert werden. Oder nebenbei ihr Leben komplett selbst finanzieren müssen, weil sie noch nicht im System der Sporthilfe erfasst sind. Für diese Sportler kann und muss sicher noch mehr gemacht werden.

Die deutschen Damen sind bei der Hockey-EM in Belgien gerade mit einem mühsamen 1:0 gegen Außenseiter Schottland gestartet. Sind sie ohne Sie titelreif?

Na klar. Nachdem sie vor ein paar Wochen die World League gewonnen haben, traue ich Ihnen auch bei der EM einiges zu. Ich werde am letzten Wochenende selber vor Ort sein und die Mädels unterstützen.