Tennis

„Mein Körper kann nicht mehr“

Wimbledonsiegerin Marion Bartoli verkündet überraschend den Rücktritt

Den richtigen Moment für den Rücktritt zu wählen, fällt schwer, und viele Tennisspieler haben ihn in ihrer Karriere verpasst. Es ist typisch für Marion Bartoli, dass sie ihren rechtzeitig und unspektakulär vollzog. „Das war mein letztes Match“, erklärte die Französin nach ihrer Auftaktniederlage gegen die Rumänin Simona Halep in Cincinnati: „Ich habe ganz deutlich gespürt, dass es der richtige Zeitpunkt ist. Mein Körper kann nicht mehr.“

Noch keine sechs Wochen ist es her, da kniete Bartoli auf dem heiligsten Grün des Tennis und ließ sich feiern. „Alles lief ganz langsam vor meinen Augen ab. Ich sah den Ball fliegen, dann den Staub der Linie aufsteigen. Es war ein Ass, und ich wusste: Ich habe Wimbledon gewonnen“, erzählte sie nach dem 6:1, 6:4 im Finale gegen die Berlinerin Sabine Lisicki später. Und nun soll alles vorbei sein? „Ja, ich kann einfach nicht mehr, nach einem Match tut mir alles weh.“ Die Achillessehne, die Schulter, der Rücken: „Nach spätestens einer Stunde Tennis kommen die Schmerzen.“

Die unorthodox spielende Rechtshänderin mit dem langen Zopf und dem IQ von 175, interessiert an Kunst und Literatur, tritt nach Jahren harter Arbeit ab. 47 Mal musste die 28-Jährige mit der beidhändigen Vor- und Rückhand an einem Major-Turnier teilnehmen, um endlich ganz oben zu stehen und sich ihren „Kindheitstraum“ Wimbledon zu erfüllen. Mehr Zeit hat bislang noch keine Spielerin für ihren ersten Triumph bei einem der vier großen Turniere benötigt.

Erst Anfang 2013 hatte sich „Madame Einstein“ von ihrem dominanten Vater losgesagt. Der Arzt hatte seine Tochter als Autodidakt mit unkonventionellen Trainingsmethoden in die Weltspitze geführt. Walter Bartoli war es stets wichtig, dass die vollschlanke Marion kein Gramm an Gewicht verliert, die Kraft für ihr Power-Tennis hätte ja abhandenkommen können. Erst Frankreichs Fed-Cup-Teamchefin Amelie Mauresmo löste den Knoten bei der 28-Jährigen. „Hart zu arbeiten und Spaß zu haben, das schließt sich ja nicht aus“, sagte Mauresmo.

Marion Bartoli, so viel ist sicher, wird auch in ihrem neuen Leben ihren Platz finden. Einen echten Plan für das, was sie künftig machen will, hat sie zwar noch nicht, aber: „Es gibt so vieles außer Tennis. Ich will nur erst ein bisschen zur Ruhe kommen und dann überlegen.“ Am 2. Oktober wird Bartoli 29, und auch Mutter zu werden, kann sie sich gut vorstellen: „Aber ich will sorgfältig über alles nachdenken, ehe ich mich entscheide.“ Finanzielle Sorgen um ihre Zukunft muss sie sich nicht machen. In ihrer Karriere erspielte sie insgesamt über elf Millionen US-Dollar Preisgeld.

Zur Ruhe kam Bartoli in den Stunden nach ihrem überraschenden Rücktritt nicht: „Hallo an alle, es ist 4.55 Uhr morgens, ich kann natürlich nicht schlafen, lese eure Nachrichten und habe Tränen in den Augen“, twitterte sie: „Danke für eure Liebe.“ Es war auch ein „Big hug“, eine dicke Umarmung, von Lisicki dabei. „Du hattest eine unglaubliche Karriere und hast deinen Traum Wirklichkeit werden lassen“, twitterte die 23-Jährige: „Ich wünsche dir nur das Beste, Mädchen. Viele Erinnerungen werden bleiben.“