DFB-Team

Nicht ganz dicht

Deutschland diskutiert über die Abwehrsorgen des Nationalteams. Bundestrainer Löw bleibt ruhig

Nehmen wir das Länderspiel gegen Paraguay am Mittwochabend. Rappelvoll war es auf dem Kaiserslauterer Betzenberg, und laut tönten die Pfiffe, als es nach 13 Minuten 2:0 für die Gäste aus Lateinamerika stand. „Das ist ein Testspiel, was komisch einzuordnen ist“, sagte Thomas Müller nach dem Spiel, das letztendlich 3:3 endete und mehr Fragen aufwarf, als es Antworten gab. Nur Bundestrainer Joachim Löw ließ natürlich keinen Zweifel daran, dass die Erkenntnisse aus dem Preisschießen die Mannschaft weiterbringen werde.

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Ilkay Gündogan, Thomas Müller und Lars Bender nicht die drei deutschen Treffer erzielt hätten und es am Ende eine Niederlage für die DFB-Auswahl gesetzt hätte. Ein Wirkungstreffer scheint dringend nötig, denn die Nationalmannschaft hat offenbar vor lauter Begeisterung über die eigene Offensivwucht das Interesse an der Defensivarbeit verloren. Nicht erst, seit sich die deutsche Elf gegen Schweden trotz eines 4:0-Vorsprungs plötzlich in einen Hühnerhaufen verwandelte und am Ende ein Unentschieden schlucken musste, ist ihre Defensivschwäche offensichtlich. Bislang ist Löw kein Gegenmittel gegen die 1,65 Gegentreffer eingefallen, die seine Equipe kassiert. Ein Wert, der für die Weltmeisterschaft in zehn Monaten schlimmes erahnen lässt. Zum Vergleich: Spanien kassierte bei der vergangenen Europameisterschaft einen Gegentreffer – im gesamten Turnier. Deutschland kassierte fünf, bei einem Spiel weniger.

In den vergangenen drei Länderspielen gegen international zweitklassige Gegner (Paraguay, USA, Ecuador) gab es neun Gegentreffer. Entsprechend frustriert war Torhüter Manuel Neuer: „Das war ein echter Warnschuss. Wenn wir in Brasilien eine gute Rolle spielen wollen, müssen wir uns enorm verbessern.“

Auch gegen Paraguay zeigte sich wieder einmal deutlich, dass die deutsche Mannschaft zum einen keinen eingespielten Abwehrverbund hat und zum anderen es ihr nicht gelingt, schon im Mittelfeld die Angriffe des Gegners zu unterbinden. Dabei hatte der Bundestrainer bereits vor der Partie angemahnt, dass die Balance zwischen Defensive und Offensive seine wichtigste Baustelle ist. Dabei kann Löw auf einen Pool internationaler Spitzenleute zurückgreifen. In der Innenverteidigung stehen mit Mats Hummels und Jerome Boateng zwei Champions-League-Finalisten zur Verfügung, zudem mit Per Mertesacker ein Routinier. Rechts ist Philipp Lahm gesetzt. Nur die linke Seite bereitet Sorgen: Weder Marcel Schmelzer noch Marcell Jansen konnten dort überzeugen.

Ist das Problem gar grundsätzlicher Natur? Können die Deutschen, das Land der Briegels, Försters und Kohlers, nicht mehr richtig verteidigen? Der Bundestrainer will einen Fehler in der Ausbildung ausgemacht haben. Lange seien die Spieler vor allem offensiv ausgebildet worden, sagte Löw, und dort sei es leider Usus gewesen, kurz stehen zu bleiben, wenn der Ball vorne verloren wurde: „Wir müssen lernen, 90 Minuten gegen den Ball zu arbeiten.“

Löw verfällt aber nicht in Depressionen. Es werde nicht in diesem Maße so weitergehen, sagte er, „weil wir uns stabilisieren werden“. Er sei überzeugt, dass „wir alle zusammen im September eine bessere Form zeigen“. Dann stehen zwei WM-Qualifikationsspiele an; erst in München gegen Österreich, dann auf den Färöer Inseln. Doch ein erweiterter Wellnessurlaub werden die beiden Partien nicht für die deutschen Spieler, auch wenn die Gegner einem sicher nicht Fürchten lehren. „Wir werden die Fehler der Mannschaft und den betreffenden Spielern noch mal zeigen“, kündigte Löw an, „die Defensive war schon in den letzten Tagen ein wichtiges Thema bei uns. Und da werden wir nicht nachlassen.“

Vielleicht ist es an der Zeit, dass Joachim Löw seine Hochgelobten mal wieder an die Grundlagen des Fußballspiels erinnert. Und dazu gehört nun mal auch die Abwehrarbeit.