Interview

„Doping wäre für mich wie Selbstmord“

Kugelstoßer David Storl über Missbrauch und Zweifel

Vor zwei Jahren in Südkorea sicherte sich Kugelstoßer David Storl (23) mit dem letzten Versuch den WM-Titel. In Moskau will der Schützling von Sven Lang wieder triumphieren. Vor der Qualifikation am Donnerstag sprach Gunnar Meinhardt mit dem Chemnitzer.

Berliner Morgenpost:

Herr Storl, warum werden Sie Ihren Titel verteidigen?

David Storl:

Weil weil ich noch nie vor einem Jahreshöhepunkt so stark war wie diesmal. Ich weiß natürlich, dass meine Form nicht automatisch die Titelverteidigung bedingt. Es gibt etwa vier, fünf Athleten, die um den Sieg stoßen.

Im Kurzsprint der Männer fehlen bei der WM einige der Stars wegen Dopingvergehen. Wie ist es bei Ihrer Disziplin, die als genauso prädestiniert für Doping gilt?

Bis auf Andrej Michnewitsch, der zum zweiten Mal erwischt und lebenslänglich gesperrt wurde, sollte alles dabei sein, was Rang und Namen besitzt.

Für WM-Gold kassiert man 60.000 Dollar, wer Weltrekord stößt, bekommt 100.000. Die Versuchung angesichts der Summen ist doch groß, zu Dopingmitteln zu greifen.

Manches kommt einem in der Tat suspekt vor. Zum Beispiel, wenn einer im Frühjahr seine größten Weiten erzielt und zum Jahreshöhepunkt abfällt. Ich möchte aber keinen konkret verdächtigen, ich habe doch vor zwei Jahren selbst gezeigt, dass man sich in einem Jahr über 70 Zentimeter steigern kann.

Und das ohne verbotene Präparate?

Was wollen Sie denn von mir hören?

Die Wahrheit.

Würde ich etwas Verbotenes tun, wäre das doch wie Selbstmord. Was glauben Sie von mir? Es ist absurd für mich, etwas zu tun, womit man mich hinterher an den Pranger stellen kann. Nichts auf der Welt wäre mir das wert. Schauen Sie sich die Protokolle meiner Dopingkontrollen an. Vor allem in den Phasen, wo wir Kraftgrundlagen legten und Dopingmittel am besten anschlagen würden, standen die Kontrolleure ständig auf der Matte. Ich hatte über 30 Kontrollen.

Nerven die vielen Kontrollen nicht?

Ja sicher, ich fühle mich gegeißelt. Vor allem, wenn ich deswegen früh um sechs aufstehen muss. Aber das ist nun einmal Teil meines Sportlerlebens. Wenn es zur Glaubwürdigkeit des Kugelstoßens beiträgt, können die Kontrolleure auch jeden Tag dreimal kommen.

Diskuswerfer Robert Harting ist der Verzweiflung nahe, weil er sich immer wieder für seine Leistungen rechtfertigen muss.

Ich bin ein anderer Typ, eher introvertiert. Deshalb sehe ich das nach außen hin inzwischen auch viel gelassener, weil ich mir sage, dass ich nur für mich verantwortlich bin. Sonst könnte ich mir ja die Kugel geben. Entscheidend ist, dass ich morgens mit reinem Gewissen in den Spiegel schauen kann. Dass die Zweifel an jeder Topleistung groß sind, ist nachvollziehbar, nachdem was an Betrügereien aufgedeckt wurde. Dass Kugelstoßerin Nadine Kleinert 13-mal bei internationalen Meisterschaften Konkurrentinnen hatte, die nachträglich des Dopings überführt wurden, ist doch pervers.

Sie wollen trotzdem weiter Kugelstoßen?

Natürlich, ich liebe meinen Sport, stehe doch auch erst am Anfang meiner Karriere. Außerdem glaube ich an das Gute. Wenn ich lese, dass die Türken jetzt 31 Athleten wegen Dopings gesperrt haben, ist das einerseits erschütternd, was dort abgeht, andererseits zeigt es doch, dass anderswo auch langsam so konsequent gegen die Hauptseuche des Sports vorgegangen wird wie in Deutschland. Sollte jemand Zweifel an meiner Leistung haben, mache ich ihm ein Angebot.

Welches?

Ich bin bereit, mich gläsern zu machen. Den Zweiflern biete ich an, zu mir zu kommen, mich 24 Stunden am Tag, zwölf Monate im Jahr zu begleiten. Dann kann jeder sehen, was ich alles tue, um 21 Meter und weiter zu stoßen.

Haben Sie darüber schon mit Ihrer Freundin, der Kanu-Olympiasiegerin Carolin Leonhardt, gesprochen?

Nein, aber sie denkt genau wie ich. Sie tut auch alles, um zu zeigen, dass man ohne verbotene Mittel Gold gewinnen kann. Ende August hat sie WM in Duisburg, da wird sie es wieder beweisen.