Siegerehrung vor fünf Leuten und drei Hunden

Das Desinteresse der Russen an der WM ärgert die Athleten und den Weltverband

Am Montagabend hat Christina Schwanitz (27) aus dem Erzgebirge den bedeutendsten Erfolg ihrer Karriere gefeiert. Silber im WM-Finale der Kugelstoßerinnen, „da fallen dir Millionen Kilo Steine vom Herzen“. Als sie just damit beschäftigt war, fröhlich in Fernseh- und Radiomikrofone zu plappern, zogen Helfer sie zur Siegerehrung. „Wir Kugelstoßerinnen mussten rennen, Frechheit!“

Was Schwanitz dort vom Podest aus zu sehen bekam, pikierte sie noch mehr. „Die Medaillenzeremonie hätte schön sein können – wenn da ein paar Zuschauer gewesen wären“, stellte sie ironisch fest. „Etwas schade, dass im Stadion nur fünf Leute und drei Hunde die Siegerehrung mitbekommen haben.“

Wohin der Blick auch schweift im Luschniki-Stadion in Moskau, an bislang fast allen Wettkampftagen klafften Lücken auf den Tribünen. Nur gestern war es wegen des Stabhochsprung-Wettbewerb mit dem russischen Star Jelena Isinbajewa etwas voller. Knapp 80.000 Menschen fasst die Arena. Für die WM wurde ihre Kapazität auf unter 50.000 reduziert. Oberränge wurden abgehängt, eine riesige Videoleinwand verdeckt weite Teile der Tribüne, und auch die Medienplätze nehmen üppig Patz ein.

2000 Teilnehmer aus 200 Ländern

Selbst im Fernsehen lässt sich der Eindruck dennoch schwer kaschieren, hier finden Weltmeisterschaften inmitten einer Stadt voller Ignoranten statt. Das Leichtathletik-Weltchampionat ist ja nicht irgendein Sportereignis, sondern mit rund 2000 Teilnehmern aus mehr als 200 Ländern – je nach Interpretation – das drittwichtigste Großereignis im globalen Sportbetrieb. In Russlands Sportjahrzehnt – es folgen unter anderem die olympischen Winterspiele in Sotschi, das erste Formel-1-Rennen an selber Stelle, die Schwimm-WM in Kasan und die Fußball-WM – ist das ein Ärgernis. Es kann Russlands Ruf als Sportgastgeber durchaus ramponieren. Was für die lokalen Organisatoren beschämend ist, sorgt im Weltverband für Unmut.

Zumal die IAAF schon im vergangenen Jahr anmahnte, die Werbekampagnen für das Event seien unzureichend. Erst im April beklagte Weltverbandspräsident Lamine Diack öffentlich das mangelhafte Engagement.

Dabei lief der Ticketvorverkauf angeblich doch so blendend. 80 bis 85 Prozent des Kontingents seien abgesetzt worden, behauptete Sergej Bubka, Diacks Vize und zugleich Organisationsdelegierter der IAAF. Doch hätte Bubka nicht offensichtlich selbst für Zuschauer gesorgt, wäre das trübe Bild wohl noch trüber.

Der frühere Stabhochspringer rätselt selbst über das Desinteresse. An den Eintrittspreisen kann es kaum liegen. Der Eintritt am Eröffnungstag etwa war schon für 100 Rubel (rund 2,30 Euro) zu haben. Liegt es also am Wetter? Bubka sagt: „Es ist ungewöhnlich warm hier. Vielleicht sind viele, die Karten gekauft haben, deswegen nicht gekommen.“

Sportler wie 200-Meter-Olympiasiegerin Allyson Felix aus den USA wundern sich: „Wir hatten mit mehr gerechnet.“ Nicht mal am Sonntag, als Usain Bolt zum 100-Meter-Lauf antrat, war das Stadion zu mehr als Dreiviertel gefüllt. Ein Phänomen gleichwohl, das schon 2009 bei der WM in Berlin zu beobachten war. Es scheint, als überschätze die Leichtathletik ihren Wert, der durch ein recht langatmiges Wettkampfprogramm noch geschmälert wird. „In den Post-Sowjet-Ländern kennen die Leute diese Art von Sport nicht besonders gut“, erklärte der ukrainische Zehnkämpfer Alexej Kasjanow. „Wenn du Leichtathletik sagst, fragen manche Leute: Das ist das auf dem Pferderücken, oder?“