Vom Hallodri zum Überflieger der Nation

Weltmeister Holzdeppe rennt so schnell wie Usain Bolt

Jeder Athlet kommt irgendwann in seinem Leben im besten Falle an einen Punkt, an dem er erkennt, was für ihn gut ist und was nicht. Der Stabhochspringer Raphael Holzdeppe hat diesen Punkt hinter sich und seine Lehren gezogen. Er erkannte: „Dreimal die Woche feiern und trotzdem trainieren“ – das war nicht gut.

Jetzt ist der einst hallodrihafte Holzdeppe immer noch erst 23 Jahre alt, aber seit Montagabend Weltmeister. Mit 5,89 Metern ließ er Frankreichs höhengleichen Über-Springer Renaud Lavillenie (26) ebenso hinter sich wie seinen deutschen Kollegen Björn Otto (35), der mit 5,82 Metern Bronze gewann. Holzdeppe ist nicht nur der erste deutsche Goldmedaillengewinner bei der WM in Moskau. Er ist auch der erste Weltmeister aus Deutschland in dieser Disziplin.

Zeit als Partylöwe ist vorbei

Holzdeppe zerbricht sich jetzt aber nicht den Kopf darüber, wie er den WM-Titel, den er ab sofort für zwei Jahre tragen darf, zur eigenen Vermarktung möglichst gewinnbringend einsetzt. „Ich lasse das mal auf mich zukommen“, sagt er entspannt. Lust und Laune, das ist es, was den Athleten vom LAZ Zweibrücken antreibt. Er sei ein „relaxter, gechillter Typ“, sagt Holzdeppe über sich selbst, und es klingt durch, dass er bei allem Ehrgeiz Fünfe auch mal gerade sein lässt: „Ich ernähre mich nicht 365 Tage im Jahr gesund. Es gibt auch mal Tage, an denen ich mir eine Pizza bestelle.“ Nur das Partymachen, das begrenzt er mittlerweile auf ein seriöseres Maß als früher.

Mit 1,81 Meter Körpergröße ist Holzdeppe vergleichsweise klein. Björn Otto und der in Moskau fünfplatzierte Malte Mohr etwa messen über 1,90 Meter, genau wie die erfolgreichen deutschen Ex-Aktiven Tim Lobinger oder Danny Ecker. „Ein bisschen komisch“ findet Holzdeppe das. Aber da es ihm nicht zum Nachteil gereicht, ist das überhaupt kein Problem. Ist ja schließlich zu sehen gewesen in Moskau. Holzdeppe profitierte auch dort von seiner enormen Dynamik und Schnelligkeit. Zwischen 35 und 36 km/h liegt seine Anlauf-Höchstgeschwindigkeit. Das ist nur unwesentlich weniger als Usain Bolts Durchschnittstempo über 100 Meter – und der, sagt Holzdeppe lachend, „muss keinen Stab mit sich schleppen“.

Irgendwer hat mal ausgerechnet, dass Holzdeppe mit der Summe seiner Sprünge locker innerhalb eines Jahres quasi den Mount Everest (8848 Meter) überspringt. Schmunzelnd rechnet der Weltmeister nach: „35 Sprünge pro Training, und das zweimal die Woche – könnte hinkommen.“

Dieser außergewöhnliche junge Mann ist, ohne es despektierlich zu meinen, ein Pokerer mit Babyface. Seine Grundtaktik im Wettkampf lautet: ein Sicherheitssprung, ein Sprung zum Positionieren und grundsätzlich so wenige Sprünge wie nötig. Montag setzte er die Marschroute blendend um. Holzdeppe überwand zunächst 5,65, dann 5,85 sowie 5,89 Meter gleich im ersten Versuch. Genau richtig, urteilte Bronzemedaillengewinner Otto, „so kann man Renaud Lavillenie unter Druck setzen. Dann macht auch er Fehler“.

In die Haut des rechten Oberarms hat Holzdeppe, der kurz nach der Geburt von einem Ehepaar aus Kaiserslautern adoptiert worden war und über seine Herkunft nicht sprechen will, sich vor einigen Jahren die Silhouette eines Stabhochspringers stechen lassen. Auf dem linken Oberarm prangt eine Fackel mit den olympischen Ringen, der Aufschrift Beijing und der Zahl 2008 – dem Jahr seiner ersten Olympiateilnahme. Damals wurde Holzdeppe Achter, vier Jahre später in London gewann er Bronze hinter Lavillenie und Otto.

Jetzt steht ihm die Stabhochsprung-Welt noch weiter offen.