Erster Sieg

Ein bisschen Barcelona

Der 1. FC Union hat den ersten Ligasieg in Dresden auch seiner neuen Taktik zu verdanken

Mehrfach wiederholte der Stadionsprecher seine Durchsage. Um 20.50 Uhr, teilte er mit, würde ein Zug vom Hauptbahnhof nach Berlin fahren. Nur interessierte das niemanden im Berliner Block des Dresdner Fußball-Stadions. Dort floss das Bier, aber die Kehlen wurden trotzdem von Minute zu Minute heiserer. Die Freude wollte einfach raus nach dem ersten Saisonsieg des 1.FCUnion in der Zweiten Liga bei Dynamo (3:1), hier und jetzt, im Stadion. Zum Zug wollte keiner.

Während draußen die Fans johlten, freute sich drinnen im Bauch der Arena einer auf seine Weise. Baris Özbek hatte gut gespielt und musste den Grund dafür loswerden. „Intern gibt es eine Diskussion um meine Position. Das kann ich ja mal sagen“, so der Mittelfeldspieler. Er war einfach gut drauf, zum ersten Mal agierten die Berliner mit einer Doppel-Sechs, das zeitigte gleich Erfolg. Also, dachte sich der neben Damir Kreilach vor der Abwehr postierte Özbek wohl, muss das der richtige Weg sein für Union. Und das kann ruhig jeder wissen.

Ein gutes halbes Jahr spielt der 26-Jährige nun schon bei Union, die Gepflogenheiten sind ihm offenbar aber immer noch ein bisschen fremd. „Das ist meine Hauptposition, da sieht man den Unterschied, den ich ausmachen kann“, sagte er voller Überzeugung im süßen Gefühl des Sieges. Doch natürlich war schnell jemand gefunden, der Özbeks Euphorie nicht teilen mochte. Und bei dem gar nicht gut ankam, dass der Spieler, der bislang auf der rechten Mittelfeldseite seine Spielwiese zugeteilt bekam, erzählte, was intern wohl auch kritisch thematisiert wird. „Baris muss einfach verstehen, und das wird er auch, wenn er das analysiert, dass die Position gar nicht so sehr unterschiedlich ist zu der, die er bisher gespielt hat“, sagte Trainer Uwe Neuhaus. Systemdiskussionen über die Öffentlichkeit, davon hält er gar nichts.

Natürlich konnte der Trainer dennoch nicht umhin, die taktische Ausrichtung als sehr gut funktionierend anzuerkennen. Das fiel ihm auch nicht schwer, war sie doch Produkt seiner Arbeit. „Ich habe schon länger nachgedacht, so zu spielen“, so Neuhaus. Union entwickelte in der neuen Formierung ein starkes Pressing und schnürte den Gegner mustergültig in dessen Hälfte ein, ständig wurden Bälle erobert. „Das gehörte zum Plan, wir wollten draufgehen. Das hat sich zweimal ausgezahlt“, sagt Benjamin Köhler, der eine Vorlage gab. Zwei Treffer resultierten aus erkämpften Bällen. „Vielleicht war durch das System jetzt mehr Druck dahinter bei uns“, so Mittelfeldspieler Köhler.

Hat das System nun eine Perspektive bei Union? Wenn es nach Özbek ginge, wäre diese Frage schnell beantwortet. Doch seine Meinung ist nicht systemrelevant bei Union. „Wenn man mit einem Stürmer weniger spielt und mit einer Doppel-Sechs, ist man grundsätzlich erst mal defensiv. Viel defensiver als wir sonst gespielt haben“, dozierte Neuhaus. Allerdings wirkte Union viel angriffslustiger als in den bisherigen Partien, und Beispiele, dass die Offensive trotz Doppel-Sechs nicht leiden muss, gibt es auch. Den FC Bayern in der vergangenen Saison etwa. Neuhaus selbst fiel noch ein anderer Vergleich ein. Sturmspitze Adam Nemec und Kapitän Torsten Mattuschka als hängende Spitze waren beide „phasenweise so weit weg vom Strafraum, ich weiß nicht, ob das fast schon so eine Art Barcelona war, die gar keinen vorn drin haben“. Ein bisschen Bayern, ein Hauch Barca. Warum nicht? Weil Neuhaus sich nicht sicher ist, ob das für Heimspiele der richtige Plan ist.

Andere haben da weniger Bedenken. „Ich glaube nicht, dass es defensiver ausgerichtet ist, mit einer Doppel-Sechs zu spielen. Baris kann sich ja auch offensiv einschalten“, sagt Köhler. Nach dem Auftritt in Dresden geht er davon aus, dass sich jetzt nicht viel verändert. Neuhaus verweist dennoch vorsichtshalber darauf, dass „jedes System so gut ist, wie die Spieler es ausführen und ausfüllen“. Das ist nicht zu widerlegen. Einsatz müsse jede Woche und unter allen Bedingungen abgerufen werden, so Köhler. Auch Özbek hörte sich am Morgen nach dem Sieg schon wieder gemäßigter an und gestand dem Trainer zu, mit seinen Ansichten richtig zu liegen.

Insofern wird es interessant sein, für welche Variante sich Uwe Neuhaus am Montag in einer Woche entscheidet, wenn Union daheim Bundesliga-Absteiger Fortuna Düsseldorf empfängt. Die Fans jedenfalls werden es nach dem Abpfiff wieder nicht eilig haben. Wie in Dresden, denn die allermeisten dort mussten nicht zum Zug, sondern waren mit Bussen angereist.