Interview

„Ich bin kein großer Lautsprecher“

Herthas Kapitän Fabian Lustenberger über den Liga-Start gegen Frankfurt, seine Rolle im Team und das Image als Spaßvogel

Seit Fabian Lustenberger vor einer Woche zum neuen Hertha-Kapitän ernannt wurde, hat sich der Schweizer eigentlich vorgenommen, sein Image als Klassenclown ein bisschen abzulegen. Im Interview mit Jörn Meyn vor der Auftaktpartie gegen Eintracht Frankfurt heute (15.30 Uhr/im Live-Ticker bei immerhertha.de) aber kann sich der 25-Jährige ein paar Witze nicht verkneifen. Spaß haben und dennoch konzentriert die eigenen Ziele verfolgen, so will Lustenberger in die neue Spielzeit gehen. Zweifel, dass sie am Ende nicht erfolgreich verlaufen wird, hat er nicht.

Berliner Morgenpost:

Herr Lustenberger, in einer Umfrage unter allen Kapitänen der Bundesligateams, wer am Ende der Saison absteigen muss, haben Sie geantwortet: Wir nicht! Was macht Sie so zuversichtlich?

Zuallererst wünsche ich mir natürlich, dass wir hier in Berlin nicht noch einmal einen Abstieg erleben. Deshalb meine klare Antwort. Aber ich glaube auch, dass wir eine Mannschaft beisammen haben, die einen wirklich guten Teamgeist hat. Unser Kader ist darüber hinaus breiter aufgestellt als in der Saison 2011/12, als wir abgestiegen sind. Wir sind jetzt nahezu auf jeder Position doppelt besetzt. Zudem haben wir einen hervorragenden Trainer, der weiß, wie er uns anpacken muss. Ich habe jedenfalls ein gutes Bauchgefühl.

An einer anderen Stelle der Umfrage geht es darum, wer das Überraschungsteam der Saison wird. Ihre Antwort: Hertha BSC! Ist das Glaube oder Hoffnung?

Das ist schon ein bisschen meine Hoffnung. Man hat in der vergangenen Saison gesehen, dass auch Teams erfolgreich sein können, die auf dem Papier erst einmal nicht die besten Spieler haben. Wenn wir es schaffen, unseren guten Teamgeist zu bewahren, dann werden wir auch eine gute Saison spielen. Oben mitspielen werden wir wohl nicht, aber wir können uns im gesicherten Mittelfeld einordnen. Davon bin ich überzeugt.

Frankfurt, der Gegner am Sonnabend, war eines der beiden Überraschungsteams der vergangenen Saison. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Partie?

Für uns wird es enorm wichtig sein, gut zu starten. Wir wollen gleich zu Beginn ein Zeichen setzen und die Fans endgültig mit ins Boot holen. Frankfurt hat eine sehr gut eingespielte Mannschaft, aber wir wollen alles dafür tun, um das Spiel zu gewinnen.

Wenn man sich Herthas Auftaktprogramm mit Frankfurt, Nürnberg, HSV und Wolfsburg anschaut, könnte man sagen, dass es auch schlimmer hätte kommen können.

Die Bayern zum Anfang wären vielleicht noch ein bisschen einfacher gewesen. Man liest ja jetzt andauernd, dass sie noch nicht ganz eingespielt sind. (lacht) Nein. Schlussendlich ist es egal, gegen wen wir zu Beginn spielen. Wir müssen sowieso gegen jede Mannschaft bestehen. Wichtiger ist es, dass wir mit einem Heimspiel starten. Mit unseren Fans im Rücken gehen wir mit einem guten Gefühl in die Saison.

Mit der Ernennung zum Kapitän in der vergangenen Woche hat Ihr Trainer Ihnen viel Verantwortung übertragen. Haben Sie seitdem besser oder schlechter geschlafen?

Das kommt immer darauf an, wie mein Sohn schläft (lacht). Nein. Zunächst einmal ehrt mich das Vertrauen des Trainers. Und es ist ebenso eine Ehre, Kapitän von Hertha BSC zu sein. Aber für mich hat sich mit der Entscheidung nicht viel verändert. Ich bin nicht angespannter als vorher und versuche, der Gleiche zu bleiben. Ich werde jetzt nicht den Hampelmann auf dem Platz spielen, nur weil ich eine Binde am Arm trage.

Die Kapitänsrolle kann unterschiedlich interpretiert werden: Es gibt den Typ lautstarker Anführer, wie es Michael Ballack war, und den ausgleichenden Typ à la Philipp Lahm. Welcher Typ sind Sie?

Ich bin kein großer Lautsprecher. Das ist nicht mein Naturell. Und ich werde jetzt nicht irgendetwas ändern, nur damit ich dann als der große Leader dastehe. Aber ich sage meine Meinung und werde mich einbringen, wenn es sein muss. Ich muss mich erst einmal in die neue Rolle reinfinden. Es ist ja das erste Mal, dass ich Kapitän einer Profimannschaft bin. Ich muss erst herausfinden, was gut funktioniert und was nicht. Diese Lernphase gehe ich jetzt an, und ich hoffe, dass ich meine Aufgabe gut meistern werde.

Haben Sie sich Tipps von Ihrem Vorgänger Peter Niemeyer geholt?

Nein. Bisher noch nicht. Es werden Situationen kommen, in denen wir gemeinsam überlegen müssen, wie man Probleme löst. Dann werden wir das im Verbund mit den Führungsspielern Peer Kluge, Thomas Kraft, Maik Franz und eben Peter Niemeyer machen. Für Peter war die Entscheidung nicht einfach, aber er ist ein absoluter Teamplayer. Ein Vorbild. Er wird sich weiter reinhauen und bleibt ein wichtiger Spieler für uns.

Fühlt es sich nun anders an, mit der Kapitänsbinde auf den Platz zu laufen?

Eigentlich nicht. Okay, ab und an verrutscht die Binde mal, dann muss man sie wieder richten. (lacht)

Sie galten bisher als der Spaßvogel im Team. Muss aus dem netten Lusti jetzt der seriöse Herr Lustenberger werden?

Ja, ein bisschen schon. Ich werde auch weiterhin meine Sprüche machen und über Witze lachen. Aber ich werde jetzt noch stärker im Fokus der Öffentlichkeit stehen, dem Rechnung tragen und mich auch dementsprechend verhalten. Ich denke aber, dass ich schon im vergangenen Jahr einen großen Schritt in diese Richtung gemacht habe.

Sie gehen in Ihre siebte Saison mit Hertha und haben nicht nur die Überraschungsspielzeit 2008/09 erlebt, als Hertha lange oben mitspielte, sondern auch die beiden Ab- und Aufstiege. Sehnen Sie sich nun nach einer ruhigen Saison? Oder braucht Hertha immer ein bisschen Drama?

(lacht) Ich denke das eher vom Ergebnis her: Wenn wir am Ende am allerletzten Spieltag in der letzten Minute das Tor schießen, das uns den Klassenerhalt sichert, könnte ich damit genauso gut leben. In der Vergangenheit ging es bei Hertha viel auf und ab, und es wäre schöner für uns alle, wenn frühzeitig feststünde, dass wir nichts mit dem Abstieg zu tun haben und alles etwas ruhiger laufen würde. Aber letztlich zählt nur, dass wir drin bleiben. Und das werden wir!