Bundesliga

Berlin muss drin bleiben

Hertha BSC will aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und gibt sich bescheiden. Für Spieler und Fans zählt nur eines: der Klassenerhalt

Wenn am Sonnabend um 15.30 Uhr im Olympiastadion die Partie zwischen Hertha BSC und Eintracht Frankfurt angepfiffen wird, endet für das Berliner Publikum eine 462 Tage lange Wartezeit. Fast genau 11086 Stunden, in denen die Hauptstadt auf Bundesligafußball verzichten musste. Nach einer Saison Nachsitzen in der Zweiten Liga ist Hertha zurück in der deutschen Eliteklasse. Dem zweiten Abstieg innerhalb von nur drei Jahren folgte der zweite direkte Wiederaufstieg. Das Auf und Ab der jüngeren Vergangenheit und den Beinamen „Fahrstuhlmannschaft“ wollen die Blau-Weißen in den kommenden Monaten überwinden. „Wir würden gern ein Schild an den Fahrstuhl hängen: Außer Betrieb“, fand Herthas Manager Michael Preetz ein passendes Bild für das Primärziel des Klubs. Um das zu erreichen, hat man sich eine Tugend ganz besonders aufgetragen: Bescheidenheit.

Hohe Erwartungen drosseln

Vor zwei Jahren, als Hertha unter Trainer Markus Babbel eine ähnlich imposante Zweitligasaison gespielt hatte und der Abstieg im Jahr davor als behobenen „Betriebsunfall“ verbucht wurde, begrüßte die Bundesliga die Berliner mit den anerkennenden Worten: Hertha ist kein normaler Aufsteiger. Normal, das bedeutet in der Logik des Geschäfts akut abstiegsgefährdet. Das heißt, in den allermeisten Partien Außenseiter zu sein. Und es charakterisiert den so beschriebenen Neuling auch als einen Klub, der sich keinerlei Illusionen hingibt, dass es für ihn zunächst um etwas anderes geht, als um das Überleben in der Liga. All das sei Hertha nicht. Zu groß der Klub. Zu viel Tradition. Zu gut die Mannschaft und der Trainer. Am Ende ereilte Hertha das gleiche Schicksal wie in den zehn Jahren zuvor jedem dritten Aufsteiger. Der Fahrstuhl fuhr wieder nach unten und das Image des mittlerweile etablierten Bundesligisten, das sich die Berliner in den Jahren nach dem Aufstieg 1997 aufgebaut hatten, war ramponiert.

Nach der erneuten Rückkehr aus den Niederungen der Zweitklassigkeit könnte es nun aus der Liga wieder heißen, dass Hertha kein normaler Aufsteiger sei. Logisch wäre es: Kein Aufsteiger hat sich je mit mehr Punkten in der Zweiten Liga für höhere Aufgaben empfohlen (76). Kein Neuling der vergangenen zehn Jahre verfügte über eine derart große Bundesligaerfahrung im Kader wie Hertha in dieser Saison (insgesamt 1554 Erstligapartien). Das schlägt sich auch in den Prognosen für die kommende Spielzeit nieder: Bei den repräsentativen Umfragen bei bild.de und kicker.de landet Hertha erst auf Platz vier der genannten Absteiger (hinter Braunschweig, Augsburg, Freiburg und Bremen). Kein einziger Experte hat Hertha bisher als Absteiger vorausgesagt.

Cheftrainer Jos Luhukay aber, und darin liegt ein Unterschied zur Saison von vor zwei Jahren, will sich von derartigen Prognosen nicht den Blick für die Realität verstellen lassen. Der Niederländer, der den vom Abstiegschaos tief verunsicherten Klub im vergangenen Jahr mit seiner Zuversicht und Akribie das verlorene Selbstwertgefühl zurückgegeben hat, trat in der Saisonvorbereitung zumeist als Bedenkenträger und Mahner auf: „Der größte Fehler wäre es, wenn wir in Berlin anfangen, jetzt große Ansprüche zu stellen“, sagte der 50-Jährige im Morgenpost-Interview. In den nächsten drei Jahren sei nichts anderes als Ziel zu formulieren, als das Etablieren in der Bundesliga – drin bleiben, mehr nicht. Höher hinausgehende Erwartungen, wie sie in Berlin schnell zu vernehmen sind, erteilte der Trainer noch einmal deutlich vor dem Auftaktspiel gegen Frankfurt eine Absage: „Wir gehen mit diesen Erwartungen ganz nüchtern um. Man darf nicht vergessen, wo wir herkommen. Viele Teams sind uns ein paar Schritte voraus. Wir haben noch Nachholbedarf. Dafür aber braucht es Zeit.“

Teamgeist als Schlüssel

Hertha geht nicht mit der gleichen Unbeschwertheit in die neue Bundesligasaison wie vor zwei Jahren, und darin dürfte die größte Chance auf Erfolg liegen. Zwar sagt Preetz, dass man sich erhoffe, das ein oder andere Mal positiv zu überraschen. Vornehmlich aber sehnt sich der Verein nach einer Saison des Mittelmaßes. Nach den Negativerfahrungen aus dem Abstiegsjahr mit den Höhepunkten der Babbel-Entlassung und der chaotischen Relegation gegen Düsseldorf soll es vor allem aber auch eine Spielzeit ohne Nebengeräusche werden. Daher hat man sich bei der personellen Verstärkung der Mannschaft auf Profis beschränkt, die Luhukay bereits zuvor trainiert hat. So soll sicher gestellt werden, dass sie auch charakterlich ins Team passen. Wie schon in der Vergangenheit bei Luhukay-Teams ist auch Hertha BSC im August 2013 ein Kader, der weitestgehend ohne Stars auskommt. Der Erfolg seiner Mannschaft, das hatte Luhukay bereits beim FC Augsburg bewiesen, mit dem er nach dem Aufstieg 2011 auch den Klassenerhalt schaffte, ist das Resultat eines guten Teamgeistes. Dieser soll auch bei Hertha das Fundament sein.

Das Berliner Publikum ist vorsichtig optimistisch. Mehr als 18.000 Dauerkarten wurden verkauft. Gegen Frankfurt werden 50.000 Zuschauer erwartet. Gegen Nürnberg 2011 kamen 61.118. Am Ende verlor Hertha 0:1. Diesmal aber soll es klappen: mit dem Auftaktsieg und dem Klassenerhalt.