Leichtathletik

Russlands Hunger nach dem ganz großen Sport

Für Präsident Putin ist die Leichtathletik-WM ein wichtiger Schritt in einem langfristigen Plan

Die Macht der Bilder darf niemand unterschätzen, insofern war es wohl ein prächtiger Start für Moskau in die Welttitelkämpfe der Leichtathleten, die an diesem Sonnabend beginnen (10. bis 18. August). Ex-Stabhochspringer Sergej Bubka, ölig lächelnd am berühmten Roten Platz und umringt von diversen internationalen Spitzenkräften der Szene wie 200-Meter-Olympiasiegerin Allyson Felix (USA) oder 100-Meter-Hürden-Olympiasiegerin Sally Pearson (Australien) – dieses Foto ging Donnerstag in die Welt hinaus.

33 Jahre nach den olympischen Boykott-Spielen an selber Stelle sei das renovierte Luschniki-Stadion „bereit, einen weiteren Meilenstein in der reichen Historie unseres Sports zu zelebrieren“, schwärmt derweil gewohnt aufbauschend der Weltverbands-Präsident der Leichtathleten, Lamine Diack. Vielleicht ja gleich am Sonntagabend, im 100-Meter-Finale mit Usain Bolt?

Für Moskau steht längst fest: Diese WM ist das bedeutendste Sportereignis in der Stadt seit 1980. Und sie ist ein wichtiges Teil im strategischen Puzzle von Staatspräsident Wladimir Putin. Denn Russland und Moskau werden unübersehbar zum Magneten für internationale Großsportveranstaltungen und -kongresse aller Art.

Mit dem Geld der Oligarchen

Auf die Leichtathletik-WM folgen weitere hochkarätige Ereignisse wie die olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, die Putin mithilfe von Oligarchen-Milliarden ins Land lotste, wie das erste Formel-1-Rennen nächstes Jahr an selber Stelle, wie die Schwimm-Weltmeisterschaften 2015, die Fußball-WM 2018 und andere. Ende Juni trug die ab 2016 olympische Disziplin Siebener-Rugby ihr Weltcup-Turnier im Moskauer Luschniki-Stadion aus.

Welchen Pomp Putins Riesenreich zu pflegen gedenkt, konnte die Welt im Juli vortrefflich beobachten. Die Universiade in Kasan, einer Millionenstadt 800 Kilometer östlich von Moskau, ließ selbst altgediente ausländische Funktionäre staunen. Für rund 350 Millionen Euro war an der Wolga vor den Weltsportspielen der Studenten eine ultramoderne Arena entstanden. Die Eröffnungsfeier erinnerte in Glanz und Gloria und Gigantismus an jene der Olympischen Spielen 2012 in London. Passend dazu räumten die russischen Athleten besonders bemerkenswert ab: Mit 292 Medaillen, davon 155 goldene, ließen sie die zweitplatzierten Chinesen (77 Medaillen, 26 goldene) derart weit hinter sich, dass es fast schon bizarr wirkte. Chinesische Verhältnisse, quasi.

Zudem haben sich russische Sportfunktionäre und alte Putin-Fahrensmänner in den vergangenen Jahren diverse einflussreiche Posten im Weltsport gesichert. Unter ihnen der Sportminister Witali Mutko, der in die Fifa-Exekutive von Joseph Blatter gerückt ist. Putin und Mutko kennen sich aus gemeinsamen St. Petersburger Zeiten.

Spätestens 2007 wurde offensichtlich, welche Macht der Staatspräsident selber in der internationalen Sportpolitik besitzt. Derart effektiv verdrehten Putin und seine Oligarchen den IOC-Mitgliedern auf deren Session in Guatemala-Stadt den Kopf mit der Aussicht auf russische Gas-Milliarden, dass diese bereitwillig spurten. Nicht für das traditionsreiche Salzburg oder die ausdauernden Südkoreaner mit Pyeongchang votierten sie, sondern für Sotschi – einen Badeort an der Schwarzmeerküste, auf dem gleichen Breitengrad gelegen wie Nizza an der Côte d’Azur. In sechs Monaten wird dort das olympische Feuer entzündet.

Weltverband will Meinungsfreiheit

Die Weltoffenheit, ja überhaupt die Offenheit, hat gleichwohl Grenzen. Misslich für Putin und seine Funktionärskaste, dass just vor der Leichtathletik-WM ein Thema auf dem Tableau liegt, das diesen Eindruck illustriert. Ende Juni wurde in Russland ein Gesetz verabschiedet, das die Information an Minderjährige über Homosexualität („Schwulenpropaganda“) unter Strafe stellt. Selbst öffentliche, gleichgeschlechtliche Liebesbekundungen können geahndet werden. Ausländern, die gegen das umstrittene und in russischen Medien viel diskutierte Gesetz verstoßen, drohen unter Umständen 15 Tage Arrest oder ein Landesverweis.

Selbst der sonst so zurückhaltende Leichtathletik-Weltverband IAAF fand, bei aller Diplomatie, erstaunlich offene Worte. Nick Davies, der Mediendirektor und Vize-Generalsekretär, sagte zwar: „Das Gesetz existiert, und es ist eine politische Angelegenheit dieses Landes.“ Jedoch möge Russlands Regierung ihre Ansicht zu Menschen mit „alternativen Lebensstilen“ überdenken. Davies erwähnte, dass in den IAAF-Statuten in Artikel 3 festgeschrieben sei, dass es keine Diskriminierung irgendeiner Art geben dürfe. „Deshalb ist es einfach kein Problem unseres Sports“, sagte Davies. „Bei unserer WM haben Athleten aus 212 Ländern aus der ganzen Welt mit verschiedenen Meinungen die Chance zusammenzukommen.“

Ob diese Sportler ihre Meinung auch äußern wollen und können, ist eine der spannenden Fragen der nächsten zehn Tage. „Wenn sich mutige Sportlerinnen und Sportler, vielleicht auch die Presse und die Zuschauer, zum Protest zusammenfänden, wäre das ein großartiges Zeichen für die bedrohten Menschen in Russland“, sagte der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, der Morgenpost. „Aber jeder Einzelne muss das Risiko kennen. Putin, seine Polizei und seine Justiz sind nicht zimperlich.“ Beck selbst hat schlechte Erfahrungen gemacht. Als er im Mai 2006 im Anschluss an eine internationale Konferenz für sexuelle Minderheiten an einer Demonstration in Moskau teilnahm, wurde er verletzt und in Gewahrsam genommen.

Von den Sportverbänden wie auch von der Bundesregierung erwartet der Bundestagsabgeordnete „deutliche Worte. Wer nach Russland reist, muss darüber aufgeklärt werden, was ihm dort blühen kann. Und die russische Regierung muss von internationaler Seite eindeutig gesagt bekommen, dass staatliche Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen nicht tolerierbar sind“, fordert Beck, der sich kreativen Protest am Rande der Leichtathletik-WM wünschen würde: „Natürlich würde ich es begrüßen, wenn viele Sportlerinnen und Sportler mit dem Zeigen des Regenbogens Flagge zeigen würden. Es wäre ein Akt des zivilen Ungehorsams.“

US-Präsident fordert Toleranz ein

Erst am Mittwoch hatte Barack Obama Putins Russland wegen dessen Umgang mit Homosexuellen und Homosexualität offen kritisiert. In Jay Lenos Talkshow sagte der US-Präsident: „Ich habe keine Geduld mit Ländern, die versuchen, Schwule und Lesben oder Transsexuelle auf eine Art zu behandeln, die sie einschüchtert oder sie benachteiligt. Ich denke, Putin und Russland haben großen Anteil daran sicherzustellen, dass die Olympischen Spiele laufen. Und ich denke, sie verstehen, dass die meisten Länder die daran teilnehmen, es nicht tolerieren würden, wenn Schwule und Lesben anders behandelt würden.“ Denn, so Obama weiter: „Sie sind Sportler. Sie sind da zum Wettstreit.“