Fußball

„Wir dürfen nicht größenwahnsinnig werden“

Heute feiert die Bundesliga in Berlin ihren 50. Geburtstag. DFL-Chef Seifert über das Erfolgsmodell und Zukunftschancen

Es ist der zweite Tag nach dem Sommerurlaub von Christian Seifert. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga (DFL) wirkt erholt und nimmt die Glückwünsche zum 50. Geburtstag gern entgegen. Natürlich nicht zu seinem eigenen, der Mann ist ja erst 44. Doch in diesem Sommer wird die Bundesliga 50 Jahre alt. Heute wird in Berlin gefeiert. Vor dem Jubiläum sprach Lutz Wöckener mit DFL-Chef Seifert.

Berliner Morgenpost:

Wie geht es der Bundesliga an ihrem runden Geburtstag?

Christian Seifert:

Objektiv betrachtet haben sich noch nie mehr Menschen – national wie international – für die Bundesliga interessiert, sie hat noch nie in besseren, moderneren und sicheren Stadien gespielt. Sie hatte trotz moderater Ticketpreise noch nie mehr wirtschaftliche Möglichkeiten. Dieses Niveau gilt es zu stabilisieren, damit das am 60. Geburtstag auch noch so ist.

Mit einer neuen Strategie?

Nein. Wir dürfen nicht größenwahnsinnig werden und sollten uns nicht einreden lassen, plötzlich alles anders und besser machen zu müssen. Die Bundesliga hat eine Stadionauslastung von 91 Prozent und den zweithöchsten Umsatz aller Fußballligen in Europa.

Sie wirken nicht gerade wie jemand, der sich mit zweiten Plätzen zufrieden gibt.

Sagen wir es so: Wenn ich dopen muss, um Platz eins zu kriegen, dann ist mir der zweite lieber. Durch den Einfluss externer Geldgeber haben sich in den europäischen Wettbewerben Gewichte verschoben: Chelsea, Manchester City, Paris, Monaco... Das ist sicherlich nicht unser Weg. Das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Vernunft, sportlicher Leistungsfähigkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz zu halten, das ist die Herausforderung. Es wäre aber der falsche Ansatz, jetzt zu sagen, es geht exakt so weiter, denn die anderen Ligen schlafen nicht. Und du brauchst im Profifußball nun mal Geld, um gewisse Dinge umzusetzen. Das war übrigens schon immer so.

Dann suchen wir doch mal nach Einnahmepotenzialen. Wie wäre ein Namenssponsor für die Liga?

Unser Premiumpartner Hermes bezahlt einen durchaus signifikanten einstelligen Millionenbetrag. Dann noch einen Namensgeber dazu zu holen, wäre mir zu viel. Den Namen Bundesliga zu ändern, um 20 bis 30 Millionen Euro mehr zu generieren, ist angesichts des Gesamterlöses von 2,5 Milliarden Euro schlicht und ergreifend nicht sinnvoll.

Hätten Sie gern die zwei Milliarden Euro, die die Premier League jährlich an Fernsehgeld kassiert?

Nein. Denn wenn wir die hätten, würde ich mich fragen, wie das Geschäftsmodell desjenigen aussieht, der sie uns gibt. Sky hat in England zehn Millionen Kunden und macht einen Gewinn von einer Milliarde Euro. Aber in Deutschland können Sie zwei Milliarden Euro derzeit nicht refinanzieren. Und ein TV-Vertrag, der kurzfristig die Spielergehälter steigen lässt, uns dann aber nach einer Saison um die Ohren fliegt, würde den Klubs wieder hohe Verbindlichkeiten bringen. Meine Maxime ist, dass wir uns um das Optimum bemühen, und das ist nicht immer das Maximum.

Bei der Auslandsvermarktung ist die DFL mit jährlich 70 Millionen Euro von beidem weit entfernt. Die Premier League generiert etwa das Sechsfache.

Absolut. Unsere Auslandsrechte sind definitiv eines der größten Wachstumsfelder. Der weltweite Pressehype, der zuletzt um den deutschen Fußball und die vermeintliche Wachablösung kreiert wurde, zeigt, wie wichtig die Champions League für die internationale Wahrnehmung von erfolgreichem Fußball geworden ist. Insofern war das eine sehr, sehr gute Unterstützung für die neuen TV-Auslandsverträge. Die aktuellen laufen noch bis 2015. Wir werden in den nächsten zwölf Monaten wesentliche Verträge für die Zeit danach abschließen. Zur Wahrheit gehört aber auch ein bisschen, dass zwölf deutsche Klubs ihre Sommertrainingslager in Österreich abhalten. Kein einziger Verein mit Ausnahme des FC Bayern in manchen Jahren unternimmt dagegen auch nur im Ansatz die Anstrengungen englischer oder spanischer Klubs, um sich in Asien, der USA oder anderswo bekannter zu machen.

Welche Erlöspotenziale sehen Sie im Ausland?

Wir streben definitiv den Korridor von 100 bis 150 Millionen Euro jährlich an. Das Champions-League-Endspiel sollte da nur der Startschuss gewesen sein. Wir müssen solche Leistungen bestätigen. Und dazu wäre es auch nicht schlecht, wenn der eine oder andere Klub in der Europa League mal über das Achtelfinale hinauskäme.

Letztlich beschränkt sich aber doch – auch international – vieles auf den FC Bayern und Borussia Dortmund.

Fast zehn Jahre lang wurde geschrieben, wie tragisch es ist, dass wir international keine Chance mehr haben. Jetzt stehen zwei deutsche Teams im Finale, und es wird lamentiert, dass wir nur zwei Topklubs haben und die Schere auseinandergeht. Das stimmt aber nicht. Wenn Sie sich die Bundesliga ansehen, dann gab es lediglich in den ersten zehn Jahren nach der Gründung mehr unterschiedliche Meister als in den vergangenen zehn Jahren. Wenn Sie sich die Top 20 der umsatzstärksten europäischen Klubs anschauen, sind da gleich einige deutsche dabei. Und mit Ausnahme des Champions-League-Endspiels 2004, als Porto auf Monaco traf, werden Sie Finalisten suchen müssen, die zu dem Zeitpunkt nicht in den Top 10 der umsatzstärksten Klubs rangierten.

Ist das gut?

Das weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass du, um die Champions League zu gewinnen, finanziell mithalten musst. Und es würde der Liga sehr gut tun, wenn es noch ein drittes oder viertes deutsches Team in dieser Dimension geben würde. Das Beispiel Dortmund zeigt, dass es durch sehr konsequentes Arbeiten und ein wenig Glück mittelfristig möglich ist.

Zeiträume, die zu verkürzen sind, wenn eine Mannschaft aus Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim oder Leipzig kommt?

Wenn das Kriterium für sportlichen Erfolg ausschließlich Geld wäre, dann hätte die Tabelle in den vergangenen zehn Jahren anders ausgesehen. Jeder sollte vor der eigenen Haustür beginnen und sich jedes Jahr fragen, was er richtig oder falsch macht. Die anderen noch stärker zu reden als sie sind und damit vielleicht auch von der eigenen Leistung abzulenken, halte ich nicht für konstruktiv. Klar ist, dass Wolfsburg, Leverkusen oder Hoffenheim andere Einnahmesituationen haben. In den 70er- und 80er-Jahren hatten aber auch viele Klubs große Stadien und dadurch einen Vorteil. Offensichtlich haben manche Klubs einiges richtiger gemacht als andere. Das ist auch das Wesen der Bundesliga. Sie lebt davon, dass manche Klubs ihre Ziele verfehlen und andere sie übererfüllen. Aber so lange sich alles im Rahmen der Statuten bewegt, die ja übrigens die Klubs und nicht die DFL oder der Herr Seifert vorgeben, ist das alles doch völlig legitim.

Muss sich die DFL beim Thema Financial Fairplay klarer positionieren und die eigenen Klubs schützen?

Was würden Sie vorschlagen? Klarer, als wir uns zum Financial Fairplay bekannt haben, kann man sich gar nicht bekennen. Die Uefa ist da jetzt am am Zug.

Ja. Aber Sie könnten Druck ausüben und Sanktionen einfordern.

Der Druck ist auch so da, denn die Uefa hat das Thema ja selbst so hoch gehängt. Handelt die Uefa nicht konsequent, würde sie sich als Papiertiger entpuppen. Auch der DFB hat sich bereits eindeutig zum Financial Fairplay bekannt.

Gibt es Gespräche darüber, die Dritte Liga vom DFB unter das Dach der DFL zu holen. Die wirtschaftliche Lücke zur Zweiten Liga ist groß.

Ja, der Unterschied ist immens, aber das Leistungsprinzip darf nicht komplett außer Kraft gesetzt werden. Ich glaube, DFB und auch wir müssen den Klubs immer wieder erklären, dass das Geld nicht vom Himmel fällt. Bereits die Zweite Liga wird stark von der Bundesliga subventioniert. Ab sofort erhalten die Vereine dort 120 Millionen Euro jährlich. Wenn Sie die Rechte der Zweiten Liga isoliert betrachten, sind diese gemäß der letzten Ausschreibung aber nur etwa 50 Millionen Euro wert. Das sind bereits 70 Millionen Euro an Quersubvention. Wenn wir weiter zu den besten drei Ligen gehören, einige der weltbesten Spieler und Teams in der Bundesliga sehen wollen, werden wir das 2023 nicht mit zwei Milliarden Euro Umsatz schaffen.

Wie sonst?

Die Einnahmen der nationalen und internationalen Medienvermarktung müssen steigen. Im Bereich des Sponsorings werden wir uns damit beschäftigen müssen, was die zunehmende datengetriebene Vermarktung für die Einnahmensituation bedeutet.