Turnier

Klein-Wimbledon in Eichkamp

Beim VfK 1901 im Maikäferpfad beginnen am Donnerstag die 6. Rasentennis-Open

Natürlich wird es abseits der Tennisplätze wieder frische Erdbeeren geben, auf Wunsch auch gern mit süßer Sahne. Als seien sie in Wimbledon, treten die Sportler auf gepflegtem Grün ganz in Weiß an und spielen mit Slazenger-Bällen, wie im Südwesten Londons seit mehr als hundert Jahren nicht anders vorstellbar. Aber nein, dies ist kein träumerischer Blick in eine ferne Zukunft, sollte vielleicht wirklich einmal Sabine Lisicki beim LTTC Rot-Weiß zum Tennisturnier auf grünem Untergrund antreten. Oder nach Halle, wo es eine solche Rasen-Veranstaltung für Männer bereits seit 1993 gibt. Oder nach Stuttgart, wo sie 2015 Premiere feiern soll.

Wir sind schon in Berlin. Willkommen im Maikäferpfad 36 in der Siedlung Eichkamp, umgeben von Tennis Borussia, SCC und TuS Makkabi. Willkommen beim VfK 1901 und zu den 6. Rasentennis-Open Berlin. Sie beginnen am kommenden Donnerstag und enden am Sonntag. Anmeldungen sind noch möglich, bisher sind nicht alle Teilnehmer-Felder komplett. Ein Drittel der Gäste kommt von außerhalb des Tennis-Verbandes Berlin-Brandenburg; es waren auch schon Amerikaner und Zyprioten am Start. Üblicherweise wollen eine Reihe Berliner Spitzenspieler dabei sein, „wer sich eben traut“, wie Wolfgang Thalheim schmunzelnd sagt.

2000 Euro Preisgeld

„Es geht hier sogar um Punkte für die deutsche Rangliste“, betont der Turnierdirektor, zugleich Abteilungsleiter Tennis im Verein. Es geht auf insgesamt sechs Plätzen auch um ein kleines Preisgeld; immerhin 2000 Euro werden in den Klassen Damen, Herren, Herren U18, Herren 40 plus und Doppel ausgeschüttet. Vor allem aber geht es um Spaß und die Gelegenheit, einmal wie die großen Stars in Wimbledon auf Gras anzutreten. Welcher Tennisspieler möchte nicht mal auf angenehm weichem Untergrund einen Becker-Hecht probieren? Ohnehin wird jeder selbst schnell feststellen, dass man die Ballwechsel auf Gras besser nicht unnötig in die Länge zieht. Allzu leicht verspringt ein Ball auf dem Naturboden oder wird so schnell, dass er nicht mehr zu kontrollieren ist.

Wobei man gleich mal klarstellen muss: Es ist alles andere als ein Acker, auf dem am Maikäferpfad gespielt wird. Vielmehr ein sehr gepflegter und fester, nahezu ebener Untergrund. Das liegt daran, dass auf dem Feld, das wie ein großer Fußballplatz aussieht, üblicherweise kein Fußball stattfindet, sondern Faustball. Der VfK ist in dieser wenig beachteten Sportart 2011 Deutscher Meister bei den Männern geworden und aktuell ebenfalls mit den Frauen in der Bundesliga vertreten. Im deutschen Weltmeisterteam von 2011 standen mit Kapitän Sascha Ball und Lukas Schubert zwei Spieler des Klubs.

Außerdem wird die Anlage seit Wochen, seit dem Ende der Faustballsaison, liebevoll gewalzt, gewässert und gemäht. „Unser Rasen“, sagt Thalheim, „ist Naturrasen und 1,5 Zentimeter lang.“ Und zwar exakt.

Das Turnier gibt es seit sechs Jahren, und – auf den ersten Blick überraschend – ziemlich genauso lange existiert die Tennisabteilung im VfK. Seinerzeit war die Zahl der Mitglieder im Faustball relativ stabil, im Prellball und Speckbrett (einer dem Tennis ähnlichen Disziplin) dagegen stark rückläufig. So entstand die Idee, es mit Tennis zu versuchen. Aber wie macht man sich einen Namen in einer Stadt, in der es schon so viele Tennisvereine gibt? So entstand die Idee des Rasenturniers. Offenbar ist der verwegene Plan aufgegangen, nicht nur wegen der mittlerweile sechsten Auflage der „Open“. Unter den rund 500 Mitgliedern des VfK sind jetzt 200 Tennisspieler, davon 70 bis 80 Jugendliche. Der Klub verfügt auf seiner idyllischen Anlage über drei Sandplätze, so dass ein regulärer Punktspielbetrieb stattfinden kann. Man kann ja nicht die ganze Zeit auf Rasen antreten, abgesehen davon, dass der Platz immer noch von den Faustballern benötigt wird.

Auch technisch sind einige Probleme zu lösen. Zum Beispiel jenes mit den Netzpfosten. Um sie zu befestigen, wurden Rohre in den Boden einbetoniert, die aus der Tiefe bis einen Meter unterhalb der Grasnarbe reichen. Dort hinein werden zum Turnierstart etwas dünnere Rohre gesteckt, die ihrerseits 80 bis 90 Zentimeter höher enden. In sie wiederum werden die Netzpfosten gesteckt – eine stabile Lösung. Nur darf der Platzwart nie vergessen, an welchen Stellen die Betonrohre liegen.

Anfangs wurden Gerüstzäune aufgestellt, um die Bälle aufzufangen, wodurch die Sicht der Zuschauer behindert war. Inzwischen hat man gelernt, dass auch flachere Banden reichen. Das Publikum, im Durchschnitt kamen bisher 800 bis 1000 Zuschauer, hat jetzt den besseren Überblick, und zugleich können die Banden von Sponsoren genutzt werden. Hauptsponsor ist ein Massivhaus-Unternehmen, das die Preisgelder übernimmt und sich um die Erdbeeren und den Prosecco kümmert. Es soll ja zumindest ein bisschen wie in Wimbledon zugehen.

Bei Regen helfen auch Zuschauer

Selbst dafür, dass es mal regnet, ist vorgesorgt. Thalheim hat in Westdeutschland zwölf Planen besorgt. Eine Plane bedeckt eine Spielfeldhälfte. Der Unterschied ist allerdings, dass bei Niederschlag die Zuschauer anders als in London nicht interessiert zusehen, wie die Balljungen in Windeseile den Rasen abdecken. „Bei uns“, sagt Thalheim, „müssen alle mithelfen.“ Umso besser schmeckt hinterher die Grillwurst. Die gibt es nämlich auch. So viel Berlin muss erlaubt sein.