Doping

„Du musst ausblenden, was da vorne läuft“

Wie der Berliner Sprinter Lucas Jakubczyk damit umgeht, nie absolute Topzeiten zu erreichen

Es ging ein Aufschrei durch den Sport, als vor ein paar Wochen die Sprinter Asafa Powell und Tyson Gay positive Dopingproben abgeliefert hatten. Die hinter Weltrekordinhaber Usain Bolt schnellsten Männer der Welt gedopt! Einmal mehr steht eine ganze Disziplin unter Generalverdacht. Dass einige Gedopte aufgeflogen sind, hat Lucas Jakubczyk zur Kenntnis genommen. „Überrascht hat es mich nicht“, sagt der Sprinter vom SC Charlottenburg, der bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau (10. bis 18. August) in der deutschen 4x100-m-Staffel starten wird.

Der Berliner, der 2012 Deutscher Meister über die Königsstrecke der Leichtathletik geworden war, sieht die ganze Sache unaufgeregt, voller Realismus. „Nichts wirklich Neues“ sei das. „Bei dem einen oder anderen hat man doch drauf gewartet.“ Dass man sauber, also ohne Doping, solche Topzeiten in Serie laufen könne wie die Stars der Szene aus Jamaika und den USA, „davon bin ich nie ausgegangen“.

Er hat sich entschieden: „Du musst ausblenden, was da vorne läuft.“ Nie habe er sich mit den Supersprintern auf Augenhöhe gesehen. „Daher habe ich jetzt auch keinen Frust.“ Er setze sich, ohne Doping, „realistische Ziele“, wissend, dass er mit seiner persönlichen Bestzeit von 10,20 Sekunden Lichtjahre von einem Bolt entfernt ist. Dessen Weltrekord steht bei 9,58 Sekunden.

Was ihn jedoch ärgert, ist die Tatsache, dass die Normen vom Weltverband (IAAF), aber auch vom nationalen Verband (DLV) immer weiter nach oben geschraubt werden, weil sie sich an den umstrittenen Topzeiten orientieren. „Da kommt man schon mal an den Punkt, wo man selbst zweifelt.“ Aber deshalb hinzuschmeißen ist für den 28-Jährigen überhaupt keine Option.

Es waren eher Verletzungen, die ihn während seiner Sportkarriere ein paar Mal die Sinnfrage haben stellen lassen. Doch damals war er noch Weitspringer. Mit einer Bestweite von 7,88 Meter war ihm, eben wegen vieler Verletzungen, nie der Sprung nach ganz vorne gelungen. Erst seit dem vergangenen Jahr konzentriert er sich, trainiert von Rainer Pottel, voll und ganz auf den Sprint. Mit Erfolg: Erst wurde er nationaler Meister, dann mit der Staffel bei der EM in Helsinki Zweiter, sogar bei den Olympischen Spielen in London war er dabei. Da erreichte die Staffel ihr Ziel Finale allerdings nicht.

In Moskau will es die DLV-Staffel besser machen. „Natürlich ist das Finale unser Ziel“, sagt Jakubczyk, „und dann sehen wir mal, was geht.“ Vor einer Woche beim Diamond-League-Meeting in London „mussten wir Lehrgeld bezahlen“. Schon der erste Wechsel brachte im Olympiastadion das Aus: Der zweite Läufer Sven Knipphals lief zu früh los, sodass Startläufer Jakubczyk den Stab nicht mehr übergeben konnte.

Am Freitagabend, bei der WM-Generalprobe auf der schnellen Bahn in Weinheim, lief es „solide“, erzählt der Berliner. Die Vier kamen nach „sicheren Wechseln mit Potenzial nach oben“ in 38,13 Sekunden ins Ziel. „Solide“ scheint untertrieben. Das war immerhin die zweitschnellste Zeit, die eine deutsche Staffel jemals gelaufen ist. „Vielleicht holen wir ja Bronze“, meinte Staffelkollege Martin Keller lachend. Auch mit den 10,21 Sek. im Einzelrennen war Jakubczyk nach seiner Verletzungspause „zufrieden“. Mit ein bisschen mehr Rückenwind wäre sogar eine neue persönliche Bestleistung möglich gewesen.

Lucas Jakubczyk ist ein wichtiger Bestandteil der Staffel. Deshalb wurde er auch nicht unruhig, als er sich Mitte Juni beim Meeting in Prag am rechten Oberschenkel verletzte. Denn schnell wurde ihm vom DLV signalisiert: Wir setzen auf dich, lass dir Zeit, belaste nicht zu früh. Er startete weder bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm noch bei der Team-EM in Gateshead. Den vom Verband geforderten Leistungsnachweis erbrachte der Sportstudent bereits am 19. Juli in Bottrop locker.

Fernziel Olympia 2016

40 Tage lagen zwischen der Verletzung in Prag und dem Comeback. Zwar hatte er ja die Sicherheit durch den DLV, nichts überstürzen zu müssen, aber grundsätzlich bezeichnet er sich im Umgang mit Verletzungen als „sehr geduldig“. Aus seiner Zeit als Weitspringer war er Verletzungs-Kummer gewohnt. „Man lernt, damit umzugehen.“ Zudem lerne man seinen Körper gut kennen.

Sein Fernziel sind die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Es wäre nach London seine zweite Olympiateilnahme. Und dann hofft Jakubczyk, dass die Organisatoren in Brasilien besser arbeiten werden als die Kollegen damals in England: Auf seiner Teilnehmerurkunde der Spiele 2012 wurde sein Nachname falsch geschrieben.