Krise

Der Kopf spielt nicht mehr mit

Eisbären-Verteidiger Constantin Braun leidet an Depression und unterbricht seine Karriere

Nach außen wirkt Constantin Braun wie ein harter Kerl, fast sein ganzer Körper ist bedeckt von Tattoos. Sein resolutes Auftreten auf dem Eis, das ständige Kämpfen und Laufen, so etwas wie sein Markenzeichen, unterstützen diesen Eindruck. Ein Eishockeyprofi, den nichts umhauen kann. Dieses Bild formt sich schnell bei denen, die den baumlangen Verteidiger des EHC Eisbären erleben.

Aber das sind nur Äußerlichkeiten. Manchmal ist es auch nicht mehr als eine Fassade, die davon ablenkt, wie es in dem Spieler wirklich aussieht. Tief drinnen, dort, wo keiner hinschauen kann, in seinem Kopf, geht es schon lange ganz anders zu. Jetzt ist er damit an die Öffentlichkeit gegangen. „Ich befinde mich aktuell in einer tiefen persönlichen Krise, aus der ich mich ohne professionelle Hilfe nicht herausarbeiten kann“, lässt der 25-Jährige mitteilen. Wenige Tage vor dem Trainingsstart des Deutschen Meisters unterbricht Constantin Braun seine Karriere und begibt sich in eine intensive Behandlung. Braun leidet an einer akuten Depression.

Stationäre Behandlung

Berlin hat er verlassen, dass er sich in stationärer Behandlung befindet, wollen die Verantwortlichen des Klubs nicht offen sagen. „Aber er hat keine Wohnung außerhalb von Berlin“, so Manager Peter John Lee. Nur das Nötigste soll mitgeteilt werden, keine persönlichen Details. So haben es Klub und Spieler ausgemacht. Um allgemein mehr zu erklären zur Krankheit, haben die Berliner den Psychologen Markus Flemming mit zur Fragerunde gebracht. Er berät die Eisbären seit Jahren, ist Ansprechpartner für die Spieler. „Depression kann behandelt werden, sehr erfolgreich behandelt werden“, sagt Flemming. Jeder Fünfte in Deutschland, so die Statistiken, weise Symptome auf, Depression sei weit verbreitetet. Auslöser gebe es verschiedene, und im Leistungssport komme die Krankheit nicht häufiger vor als in anderen Bereichen.

Braun war immer ein erfolgreicher Sportler, kam mit 16 Jahren zum EHC, spielte anfangs im Nachwuchs und reifte zum Führungsspieler bei den Profis, wurde Nationalspieler und 2010 sensationell WM-Vierter. Fünf Meistertitel feierte er mit dem EHC, zuletzt im April wurde er sogar zum wertvollsten Spieler des Play-off gewählt. Hinter all den Erfolgen standen jedoch immer persönliche Probleme. „Es ist nicht von heute auf morgen gekommen. Wir wussten seit Jahren davon. Aber jetzt ist er an einen Punkt gelangt, an dem wir ihm nicht mehr allein helfen können, sondern wo er professionelle Hilfe braucht“, erzählt Manager Lee. Er hat durchaus Erfahrung im Umgang mit Depression. Jeff Friesen, der Stanley-Cup-Sieger und Weltmeister, der von 2009 bis 2011 beim EHC spielte, litt ebenfalls darunter. Er wurde bei den Berlinern umfassend betreut, auch von Flemming und durch ihn vermittelte Psychotherapeuten.

Bei Braun, der oft impulsiv und leicht reizbar ist nach Spielen, ist das Krankheitsbild offenbar ausgeprägter, so dass die Möglichkeiten der Eisbären nicht mehr ausreichen und der Abwehrspieler seinen Sport vorläufig nicht mehr ausüben kann. „Die Entscheidung, sich professionell helfen zu lassen, ist ein wichtiger und mutiger Schritt“, sagt Lee. Der Klub tue, was er könne, um den Spieler zu unterstützen. Dazu gehört auch, ein wenig darüber zu reden. „Constantin möchte, dass sein Fall an die Öffentlichkeit kommt und die Depression als Krankheit akzeptiert wird“, so Lee.

Mit bekannten Fällen von Depression will Flemming Braun nicht vergleichen. „Wir sehen nie das ganze Bild“, sagt er. Wie lange sich die Genesung hinzieht, kann niemand sagen. „Ich hoffe nur, dass er gesund zurückkommt. Es gibt keinen Zeitplan und keinen Druck“, sagt Lee. Mit einem sehr langfristigen Ausfall ist zu rechnen.

Kein Ersatz geplant

Das persönliche Schicksal des Spielers wird auch zu einem wichtigen Faktor für den Verein. Braun gehörte zu denen, die mal den Mund aufmachen, die in schwierigen Situationen Initiative zeigen, die in der Kabine Respekt genießen. Einen Ersatz will der Manager vorerst nicht verpflichten. „Wir haben viele junge Spieler, die nun die Möglichkeit haben, mehr Eiszeit zu bekommen. Wir werden sehen, wie die Saison läuft, Lizenzen haben wir immer offen“, erzählt Lee.

In der Mannschaft, erklärt er, werde das Thema sehr ernst genommen. Bei einem Spieler ganz besonders, bei Stürmer Laurin Braun, Constantins jüngerem Bruder. „Natürlich ist das auch eine schwierige Situation für mich“, sagt der 22-Jährige. In nächster Zeit wird über die Behandlung und deren Erfolg nichts mehr nach außen kommuniziert werden. Alle hoffen beim EHC, irgendwann ganz plötzlich melden zu können, dass Braun wieder mit dem Training beginnt. Genau so plötzlich, wie die Meldung über die Unterbrechung der Karriere hinausflatterte. Allerdings gibt es keine Garantie, dass die Rückkehr auch gelingt.