Aufbruchstimmung

Vorfreude in der Grümmi-Arena

Hertha ist im DFB-Pokal zu Gast beim VfR Neumünster, der turbulente Zeiten hinter sich hat

Die Grümmi-Arena in Neumünster reiht sich in der Liste putziger Stadionnamen gleich hinter der Fürther Trolli Arena und der Keine Sorgen Arena in Ried ein. Grümmi, das klingt nach Gummibärchen und Gemütlichkeit. Wer hier zu Hause ist, dem kann man nicht lange böse sein. Als die Ticketpreise für das morgige Pokalspiel beim VfR Neumünster herauskamen, wurden die Fans von Hertha BSC trotzdem sauer. 18 Euro für einen Steh-, stolze 55 für einen Sitzplatz. Abzocke, Wucher, ganz klar. Die spinnen im Norden.

Man kann es auch so sehen: Die Zeiten großzügiger Fehlkalkulationen sind in Neumünster vorbei. 2004 spielte der Regionalligist zuletzt im DFB-Pokal, es gab ein achtbares 0:3 gegen Hannover 96. Nur bei der Finanzierung der Partie stimmte die Rechnung nicht. Diese und andere Lasten brachten den Verein gegen Ende der Saison an den Rand eines Insolvenzverfahrens, das erst in letzter Sekunde abgewendet wurde.

Es war eine Zeit, die sie in Neumünster vergessen wollen. 2003 stieg der Verein für Rasensport in die Regionalliga auf, der größte Erfolg der jüngeren Vereinsgeschichte. Eine verkorkste Spielzeit samt Abstieg später lag der Traditionsklub sportlich und finanziell am Boden. Der damalige Präsident Herbert Sander wendete zwar auch die Beinahe-Insolvenz 2007 ab, allerdings stets per Zuschuss aus seiner Privatkasse. Die Sponsorensuche verlief kläglich, das Marketing lahmte, und die Zuschauer blieben aus. „Neumünster hat 81.000 Einwohner, ist halb so groß wie der Zentralfriedhof von Chicago und doppelt so tot“, zitierte Sander einen angeblichen Werbeslogan der Stadt, der unterstreichen sollte, wie es um die Region seiner Meinung nach bestellt ist.

Doch inzwischen herrscht im Herzen Schleswig-Holsteins Aufbruchstimmung. Sander, verantwortlich für zahlreiche interne Hahnenkämpfe und mit dem Amt überfordert, trat 2012 nicht zur Wahl an. Mit Detlef Klusemann ist seitdem ein knallharter Kaufmann erster Vorsitzender. Einer, der auf seine Investitionen eine Rendite will. Der Besitzer einer Elektrofirma schart im Vorstand ein Team aus Unternehmern um sich, darunter auch Gerd Grümmer, Supermarkt-Besitzer und Namensgeber des Stadions. Seine Filialen heißen inzwischen Edeka Grümmi-Märkte, man legt dort Wert auf den Verkauf regionaler Produkte.

Die neue Kompetenz hat sich ausgezahlt. In der Vorsaison landete Neumünster als bester Aufsteiger in der Regionalliga Nord auf Platz sechs. Umso beachtlicher, da der VfR mit dem Etat von 450.000 Euro immer noch im hinteren Mittelfeld der Liga rangiert. Jeder Cent zählt. Und wenn die Hertha aus Berlin zu Gast ist, dann soll ein kleines Plus dabei herausspringen. Zudem rechtfertigen die Verantwortlichen die Ticketpreise mit dem hohen Kontingent, das der Deutsche Fußball-Bund in Anspruch nimmt.

Die Einwohner zahlen gern. Mehr als 6000 der 8000 Karten sind verkauft. „Ob beim Bäcker oder auf dem Marktplatz: Das Spiel ist Stadtgespräch Nummer eins“, sagt Neumünsters Pressesprecher Stephan Beitz. Rund 1000 Zuschauer kamen in der letzten Saison durchschnittlich in die Grümmi-Arena. Ein guter Wert in einer Sportregion, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Das Team, das morgen gegen Hertha aufläuft, wurde in der Sommerpause mal wieder runderneuert: Zwölf kamen, 14 gingen. Trainer Erwin Lamce kennt das, seit seinem Amtsantritt vor fünf Jahren gab es schon 163 Zu- und Abgänge. „Das wird seine Zeit brauchen“, sagt der 40-Jährige über die Integration der Neuen, „ich hoffe, dass es am Sonntag einigermaßen harmoniert.“

Der Torwart hilft Rauchern

Die David- und Goliath-Metapher will der Coach nicht bemühen. „Wir wissen, das Hertha einen sehr schlechten und wir einen sehr guten Tag haben müssen. Wir freuen uns einfach auf das Spiel“, sagt er. Lamce gehört zu den wenigen Trainern in der Regionalliga Nord, die ausschließlich mit Halb- oder Vollamateuren arbeiten. Viele sind Studenten oder Groß- und Außenhandelskaufmänner. Den außergewöhnlichsten Job hat Torhüter Marcus Hesse. Der Mann, der einst zwei Bundesligaspiele für Alemannia Aachen bestritt, betreibt in Hamburg ein Studio zur Rauchentwöhnung.