Fan-Fest

„Hertha – dit is‘ doch wieder wat“

12.500 Fans kommen zur Saisoneröffnungsfeier. Den größten Beifall bei der Vorstellung erhält Jos Luhukay

In seinem aktuellen Film „Promised Land“ spielt Matt Damon den aalglatten Vertreter eines Energiekonzerns. Der soll die Bewohner einer US-Kleinstadt davon überzeugen, ihm ihr Land samt dem Erdgas darunter zu verpachten. Weil die Hinterwäldler aber wissen, dass die Förderung, das so genannte Fracking, gefährlich ist, muss Damon in die Trickkiste greifen. Er organisiert einen Jahrmarkt, um das Volk auf seine Seite zu bringen. Das Problem: Ein Sturm zieht auf, und die Party fällt ins Wasser.

So gesehen hatte Hertha BSC gestern Glück, dass das Sommergewitter über Berlin erst für den Abend vorausgesagt war. Die Saisoneröffnungsfeier unter freiem Himmel, als „Spielparadies für Groß und Klein angekündigt“, ging ohne Probleme über die Bühne, das Berliner Volk konnte auf Herthas Seite gebracht werden. Einziges Manko: Bei Temperaturen von bis zu 38 Grad Celsius zog so mancher einen Besuch im angrenzenden Sommerbad Olympiastadion vor.

„Das Wetter ist zu gut“, befand denn auch Björn Wilde mit leichtem Sarkasmus. Der 2. Vorsitzende des Fanklubs Fanhaus 1892 e.V. hatte seinen Stand in der Nähe des Amateurstadions aufgebaut. Zwar hätte die Zahl der Besucher etwas höher ausfallen können, aber „die schlechte Stimmung nach dem Abstieg ist weg, die Euphorie groß“, sagte Wilde zuversichtlich. Immerhin waren es am Ende des Tages rund 12.500 Besucher, die Hertha einem erfrischenden Tag am Wannsee vorzogen.

PR-Events wie Herthas Fan-Fest gehören schon lange zum Pflichtprogramm jedes Profivereins. Aber anders als Matt Damon im Film wollte der Aufsteiger im Olympiapark lediglich für das bevorstehende Abenteuer Bundesliga werben. Torwandschießen, Besichtigung des Mannschaftsbusses, unzählige Infostände – das volle Programm. Ganz seriös, und offenbar mit Erfolg. „Hertha“, rief einer der Besucher überschwänglich“, dit is' doch wieder wat!“ Da hatte er sich gerade mit der Zweitliga-Meisterschale ablichten lassen.

Erinnerungen an 2011

Auch bei der Saisoneröffnung vor zwei Jahren herrschte große Euphorie in der Hauptstadt. Hertha entfachte damals in Liga zwei einen ungeahnten Hype, brach den europäischen Zuschauerrekord der Zweitligisten, und der Anhang träumte bereits vom ganz großen Coup. Mit 19.000 verkauften Dauerkarten erzielte der Klub eine Bestmarke. „Alle dachten: Jetzt greifen wir wieder oben an“, sagte Wilde. Doch nach der Katastrophensaison mit fünf verschiedenen Trainern samt dem unrühmlichem Abstieg vor Gericht hatte sich ein Großteil der Fans fernab aller Freude über den Wiederaufstieg ein gesundes Misstrauen angeeignet. „Viele Entscheidungen der Geschäftsführung werden jetzt mehr hinterdacht“, sagte Wilde. Die neue Skepsis würde dem Verein gut tun. „Wenn es jetzt nicht so toll laufen sollte, ist die Enttäuschung nicht so groß. Davon profitieren auch Mannschaft, Trainer und Management.“ Bereits Anfang Juni war Wilde mit seinem Fanklub bei Herthas Sommerfest vertreten. 7000 Leute kamen, die Stimmung war prächtig. Wilde: „Schon da konnte man sehen, dass die Leute ja wirklich Lust auf Hertha haben.“

Zum einen sind die Gründe zur Skepsis weniger geworden. Seit dem Amtsantritt von Trainer Jos Luhukay hat sich die Zahl der skandalträchtigen Schlagzeilen deutlich verringert. Außerhalb der Stadtmauern scheint sich das Bild der seriösen Hertha allerdings noch nicht durchgesetzt zu haben. Eine aktuelle bundesweite Studie der Technischen Universität Braunschweig hinsichtlich Attraktivität und Image von deutschen Fußballvereinen belegt, dass Hertha noch von der Saison 2011/2012 zehrt. Unter allen 36 Vereinen der Ersten und Zweiten Liga rangieren die Berliner nur auf Platz 19. Der drittschlechteste Bundesligist, nur Augsburg und Hoffenheim sind unbeliebter. Die Spielzeit unter Luhukay hat daran offenbar nichts geändert. Vor einem Jahr belegte Hertha BSC in der Umfrage sogar noch den 14. Platz. „Viele Fans außerhalb von Berlin bekommen natürlich nur die Skandale mit. Man muss genau hinschauen, um Herthas Fortschritte zu erkennen“, sagte Wilde.

Zumindest in der Hauptstadt selbst scheint die Devise, die Luhukay seiner Mannschaft auch in sportlicher Sicht verordnet hat, überwiegend zu gelten: Was war, zählt nicht mehr. „Ich bin sehr optimistisch“, sagte Uwe Jaap, ein Hertha-Urgestein mit Adiletten an den Füßen und dem Vereinslogo auf dem Oberarm. „Wir wollen einfach nur drinne bleiben. Wir brauchen keine großen Taten wie die Qualifikation für Europa“, sagte der 50-Jährige, seit 15 Jahren Mitglied im Verein. Der Wille der Fans sei immer da und „Platz zehn oder elf“ wäre ja in Ordnung. Doch auch Jaap will der Vereinsführung keinen Blankocheck ausstellen: „Wenn es wieder so abläuft wie im Abstiegsjahr, müssen Köpfe rollen.“

Ansturm auf die Dauerkarten

Die Mannschaft, die das verhindern soll, wurde um 15 Uhr im Amateurstadion vorgestellt. Den größten Applaus gab es bezeichnenderweise für Trainer Jos Luhukay. Nach einem kurzen Showtraining durften sich die Fans auf Autogrammjagd begeben. Die beste Nachricht: Verletzt wurde dabei keiner, gegen Eintracht Frankfurt kann Luhukay Stand gestern aus dem Vollen schöpfen.

Die Nachfrage nach Tickets für das Auftaktspiel am 10. August ist groß, genau wie bei den Dauerkarten. Heute werden die neuesten Zahlen bekannt gegeben. Zuletzt waren es 18.200. Dass der alte Rekord geknackt wird, liegt im Bereich des Realistischen. Es wäre ein kleines Versprechen auf großes Hertha-Kino in der nahenden Saison.