Frauen-Nationalmannschaft

Elf für den achten Titel

Deutschlands Fußball-Frauen stehen heute gegen Norwegen im EM-Finale

Sieben Mal hat die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft bisher die Europameisterschaft gewonnen, keine Nation war erfolgreicher. An allen Titelgewinnen war Silvia Neid (49) beteiligt. Erst als Spielerin, dann als Co-Trainerin, zuletzt 2009 in Helsinki als Bundestrainerin. Im Finale am Sonntagnachmittag gegen Norwegen (16.00 Uhr, ARD) wird sie wohl folgende Mannschaft auf die Jagd nach dem neunten Titel schicken. Diese elf Frauen spielen für Deutschland: Nadine Angerer (34 Jahre, Brisbane Roar, 123 Länderspiele): Die Torhüterin der deutschen Mannschaft zieht es wieder in die weite Welt hinaus. Sie hat ihren Vertrag bei Rekordmeister Frankfurt nicht verlängert und schlägt Ende September ein neues Kapitel in Australien auf. Brisbane statt Bankenstadt. In der Saison darauf wird sie in den USA spielen. Angerer, Markenzeichen Mütze oder Hut, liebt das Globetrotter-Leben. Sie ist die Frau mit dem etwas anderen Lebensentwurf. Ihre Möbel holt sie vom Sperrmüll, vor ein paar Monaten hat sie ein Haus auf Fuerteventura gekauft. Sie sagt: „Hab ich nicht geplant, hatte ich einfach Bock drauf.“ Ihr Plan ist es dagegen, irgendwann mit ihrem VW Bus von Berlin bis nach Kapstadt zu fahren. Zeitspiel ist ihr unangenehm. Hat sie den Ball am Fuß und nimmt ihn erst auf, wenn eine Gegenspielerin auf sie zuläuft, dann entschuldigt sie sich bei ihr. Sie ist bei Demonstrationen gegen Atomkraft und deutsche Soldaten in Afghanistan zu finden und bekennend bisexuell. „Ich bin da offen, eine Festlegung finde ich albern“, sagte sie dazu. Angerer hatte im Alter von 16 Jahren ein Angebot eines Handball-Bundesligisten und eine Einladung der U16-Fußball-Nationalmannschaft. Sie loste es für sich aus – und widmete sich fortan vollends dem Fußball. Längst ist klar: eine gute Entscheidung.Leonie Maier (20, Bayern München, 14): Unverkennbar: Sie ist eine aus dem Schwabenländle. Den Akzent kann sie nicht unterdrücken. „Das ischt mein Traum…“ Die Abwehrspielerin wurde gerade ausgezeichnet. Bei der Zuschauerwahl der ARD-Sportschau zum Tor des Monats (beim 4:2 gegen Japan kurz vor der EM) setzte sie sich gegen Konkurrenten wie Neymar oder Andrea Pirlo durch. Bis zur B-Jugend spielte sie mit einer Sondergenehmigung bei den Jungen mit, im Februar debütierte sie in Neids Nationalmannschaft. Die Bundestrainerin sagt über sie: „Sie ist technisch sehr gut, beidfüßig und kann für Überraschungsmomente sorgen. Das ist die Zukunft des Frauenfußballs.“ Hätte sie die nicht gehabt, wäre sie Physiotherapeutin geworden. Maier ist bei der EM Teil der Gruppierung der „World Heart Federation“, die sich für Sport und einen gesunden Lebensstil bei Frauen und Mädchen einsetzt. Sie selbst isst liebend gern Nudeln mit Lachs und Spinat.

Annike Krahn (28, Paris St. Germain, 93):Die Frau mit der Schwäche für Lakritz, Schokolade und Chips. Kann sie sich aber auch leisten, als Diplom-Sportwissenschaftlerin weiß sie sehr genau, in welchen Maßen das mit dem Profisport vereinbar ist. Sie vertreibt eine eigene T-Shirtkollektion, für 17,90 Euro das Stück, mit Sprüchen wie „Keine Kompromisse“ (ihr Motto während des Spiels) und „Morgens hab ich keine Gefühle“ (ein Ausspruch vor einem Länderspiel). Krahn ist ihrer Heimatstadt Bochum sehr verbunden. Sie sagt: „Entgegen vieler Vorurteile gibt es da durchaus viele schöne und grüne Ecken.“ Trotzdem spielt sie seit Sommer 2012 beim französischen Nobelklub Paris St. Germain.Saskia Bartusiak (30, FFC Frankfurt, 73):Zusammen mit Krahn bildet sie die deutsche Innenverteidigung, bei der EM eine der großen Stützen der Mannschaft. Sie ergänzt sich mit Krahn gut. Bartusiak ist eher eine ruhige Person, „Annike dagegen auf dem Platz sehr laut, sie gibt viele Kommandos und dirigiert von hinten gut“, sagt sie. Bartusiak trägt wegen einer Sehschwäche gern auffällige Nerd-Brillen und liebt Kriminal-Romane. Sie gehörte dem Team an, das 2007 Weltmeister wurde, zählt aber erst seit einigen Jahren zum Stammpersonal. Ihre Leistungen waren oft schwankend, bei dieser EM ist die Sportwissenschaftlerin (Magisterarbeit: „Die Entwicklung von sozioökonomischen Bedingungen im deutschen Frauenfußball“) jedoch eine der Beständigsten. „Sie ist die am meisten unterschätzte Spielerin, die ich kenne“, sagt Torhüterin Angerer. Jennifer Cramer (20, Turbine Potsdam, 9):Die einzige Vertreterin aus dem Team des Vize-Meisters Turbine Potsdam. Eine von denen, die erst in diesem Jahr in der Nationalmannschaft debütierten, Mitte März war das. Der Gegner hieß: Norwegen. Im Frühjahr machte die Außenverteidigerin noch Abitur, statt auf dem Abiball war sie bei einem Lehrgang der Nationalmannschaft. Fußballerisch wurde die Hessin als 15-Jährige im legendären Sportinternat von Potsdam groß. Heimweh plagt sie ab an und an bis heute. Sie bewundert die Spielweise von Bastian Schweinsteiger und ist begeisterter Fan des FC Bayern München, fährt gern Kart und möchte ab September ein Praktikum bei der Polizei machen.Nadine Keßler (25, VfL Wolfsburg, 17):Der EM-Gewinn wäre für die Mittelfeldspielerin die absolute Krönung einer ohnehin außergewöhnlichen Spielzeit. Sie hat mit dem VfL Wolfsburg in der vergangenen Saison schon die Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Champions League gewonnen. „Jetzt muss der letzte Schritt gemacht werden“, sagt sie. Keßler ist Pfälzerin mit Leib und Seele. Sie belegt das mit Begriffen wie „heimatverbunden“ und „loyal“. Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist sie Fan des 1. FC Kaiserslautern. „Wenn du einmal in dem Stadion warst, willst du nicht mehr Fan eines anderen Vereins sein“, sagt sie. Sie liebt Weihnachtsmärkte, geht gern in Restaurants und kocht die Gerichte nach. Wegen einer Allergie backt sie ihr Brot meist selbst. In Wolfsburg hat sie einen Job in einer Agentur für Kommunikations-Design.Lena Goeßling (27, VfL Wolfsburg, 54):Die Frau mit dem Schuhtick. Als ihre Mutter mal das ganze Ausmaß gesehen hatte, schlug sie ungläubig die Hände über dem Kopf zusammen. Goeßling sagt selbst von sich, sie sei eitel. Shoppen ist ihre große Leidenschaft. Wenn sie bei einem Spiel geschminkt ist, betont sie aber meist nur die Augen. Das Make-up würde eh nur am Trikot hängen bleiben, sagt sie. Die gelernte Einzelhandelskauffrau trinkt abends gern ein Glas Wein und ist mit dem Fürther Zweitligaprofi Kevin Schulze (21) liiert. Zum Fußball kam Goeßling, Spitzname: Ballack, als Siebenjährige durch ihren Zwillingsbruder Arne.Lena Lotzen (19, Bayern München, 15): Die Würzburgerin stand bei allen fünf EM-Spielen in der Startelf, bei den Bayern ist sie nicht mal Stammspielerin. Dennoch kam sie in 22 Partien (achtmal eingewechselt) auf 14 Tore. Die Bundestrainerin schätzt die Offensiv-Allrounderin. „Man merkt, dass sie früher viel mit Jungs trainiert hat. Das hat ihr gut getan, sie ist sehr robust“, sagt Neid. Lotzens Motto: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.Dzsenifer Marozsan (21, FFC Frankfurt, 23): Die zweifellos talentierteste Spielerin im DFB-Team. Bundestrainerin Bundestrainerin Neid hält sie für die beste Fußballerin in der Mannschaft: „Technisch hat sie alles drauf.“ Sie ist Tochter des ungarischen Nationalspielers Janos Marozsan. 1996 kam die Familie nach Deutschland. Die Spielgestalterin räumte im Juniorenbereich alle Titel ab, war Torschützenkönigin bei der U-17-EM und wurde zur besten Spielerin der U-20-WM gewählt. Mit 14 Jahren debütierte sie beim 1. FC Saarbrücken in der Bundesliga, mit 15 traf sie zum ersten Mal, beides ein Rekord. Die Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland verpasste sie wegen einer Knieverletzung. „Das Schlimmste, was mir je passiert ist“, sagte sie rückblickend. Sie bewundert den Portugiesen Cristiano Ronaldo. Marozsan sagt: „Ein Wahnsinnsspieler. Seine Dynamik und Technik sind unbeschreiblich.“Simone Laudehr (27, FFC Frankfurt, 64):Die offensive Mittelfeldakteurin ist eine von vier WM-Spielerinnen, die auch beim Viertelfinal-Aus 2011 gegen Japan in der Startelf gestanden hatten. Sie war vor der Europameisterschaft lange verletzt, ein schwerer Knorpelschaden stoppte sie. Ihr fehle im rechten Oberschenkel noch ein Zentimeter Muskelmasse, sagt sie. Die Bundestrainerin wollte dennoch nicht auf sie verzichten. In Schweden zählt sie zu den Besten. Die Berufssoldatin wurde bei der WM 2007 berühmt, als sie bei ihrem Tor zum 2:0 im Finale gegen Brasilien das Trikot über den Kopf zog und ihr Waschbrettbauch und ein Sport-BH zum Vorschein kamen.Celia Okoyino da Mbabi (25, FFC Frankfurt, 83):Die beste deutsche Stürmerin (17 Tore in der EM-Qualifikation) ist Tochter eines Kameruners und einer Französin. Sie selbst kam allerdings in Bonn zur Welt. Sie hatte zunächst einen französischen Pass, entschied sich aber 2004, deutsche Staatsbürgerin zu werden, weil der DFB sie für seine Teams gewinnen wollte. In der Bundesliga ist Okoyino da Mbabi die einzige Spielerin, die aus Platzgründen ihren Vornamen auf dem Trikot trägt. In der Nationalmannschaft ist dagegen der komplette Nachname aufgedruckt. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und Integrationsbotschafterin des DFB. Aktuell laboriert die Torjägerin noch an den Folgen einer Oberschenkelzerrung. Fällt sie gegen Norwegen aus, wird wie im Halbfinale gegen Schweden Anja Mittag (28, FC Malmö, 96) an ihrer Statt spielen.