Schwimmen

Ehrgeizig, emotional, unbekümmert

Selina Hocke ist Deutschlands große Schwimm-Hoffnung bei der WM. Die Berlinerin will in Barcelona ihre internationale Karriere starten

Wenn nichts mehr hilft, hilft Schokolade. Schon das Rascheln des Papiers beim Auspacken hat etwas Verheißungsvolles, dann ganz tief durch die Nase einatmen und mit dem Geruch von Kakao gleichzeitig eine gute Portion Gelassenheit inhalieren. Wenn danach die Schokolade beim Durchbrechen so schön knackt und das erste kleine Stück im Mund zergeht, ist alle Anspannung verflogen. Schokolade beruhigt und tröstet – findet jedenfalls Selina Hocke. Wissenschaftler wollen zwar bewiesen haben, dass diese Nervennahrung der Konzentration schadet, aber es existieren auch vereinzelt Gegenstudien. Und Hocke ist der beste Beweis dafür.

Die 16 Jahre alte Berlinerin verzückte die Zuschauer bei den Deutschen Meisterschaften im Frühling und spaziert derzeit mit großen Augen und ziemlich aufgeregt durch Barcelona, wo Sonntag die Weltmeisterschaften der Beckenschwimmer beginnen. „Es ist so krass, dass ich bei der WM schwimme. Das ist so groß“, sagt sie aufgekratzt. „Ich bin mega nervös. Das WM-Stadion hat mich umgehauen.“ Diese Titelkämpfe kommen für sie zwar noch zu früh für große Erfolge, aber sie sind ein wichtiger Schritt Richtung Olympische Spiele 2016, so etwas wie eine Entdeckungsreise in einer neuen Welt. Und vor allem: So jemanden wie Selina Hocke – jung, unbekümmert, ehrgeizig und ziemlich emotional – kann der deutsche Schwimmsport gut gebrauchen.

Wenn da nur nicht diese Nervosität wäre. Denn so abgebrüht, wie die Schülerin vor ihren Rennen bei den Deutschen Meisterschaften gewirkt hatte, ist sie keineswegs. Sie hatte sich gut im Griff – erstaunlich war das nicht für ihren Trainer Harald Gampe, der sie als „mental aufgeräumt“ beschreibt, sondern eher für Hocke selbst. „Ich mache mich eigentlich oft sehr verrückt vor Wettkämpfen – nur zeige ich das nicht. Innerlich aber ist es ein totales Durcheinander“, erzählt sie bei einem Treffen in einem Berliner Café kurz vor der Abreise nach Barcelona. Sie fuchtelt mit den Händen in der Luft herum, um das Durcheinander zu veranschaulichen.

Schokolade lindert die Aufregung

Sobald sie aber am Startblock stehe, sei die Welt meist wieder in Ordnung – auch dank Schokolade. „Eigentlich soll man ja gesund und keine Süßigkeiten essen, aber ich konnte nicht anders“, sagt sie mit einem Anflug schlechten Gewissens und lacht leicht verlegen. Die Schokolade half – Hocke siegte überraschend über 50 und 200 Meter Rücken und wurde Zweite über 100 Meter. Seitdem ist klar: Die Berlinerin hat das Zeug zum neuen Liebling der Schwimmfans.

Tränen und Emotionen berühren einfach. Das Paradebeispiel war zuletzt Tennisspielerin Sabine Lisicki, die bei ihrem furiosen Wimbledon-Auftritt für einen Hype in Deutschland sorgte. Selina Hocke ist von den Leistungen her zwar noch längst nicht mit Lisicki zu vergleichen, aber in Sachen Emotionalität gibt es Parallelen. Nach ihren Siegen bei den nationalen Titelkämpfen zum Beispiel kullerten die Tränen, sprechen konnte sie vor Rührung und Erstaunen erst einmal nicht viel. „Ein bisschen unangenehm ist mir das im Nachhinein. Wenn ich mich daran erinnere, möchte ich ja eigentlich schöne Bilder sehen – aber ich heule auf allen Fotos. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, nicht zu weinen“, sagt sie. Aber es ging eben nicht anders. Das war wie mit der Schokolade.

Dank ihrer Leistungen entdeckt sie nun die große Welt des internationalen Schwimmsports. Ganz unbedarft ist die Schülerin zwar nicht, aber Jugend-EM und Weltcups sind eben etwas anderes. Schon ihr erstes Trainingslager mit der Nationalmannschaft auf Sardinien war ein Abenteuer. Endlich war sie angekommen bei den Großen. Bei Selina Hocke löste dieser Gedanke Unbehagen aus. „Ich hatte ehrlich gesagt ziemlich Bammel. Ich dachte, dass sich die anderen nur auf ihr Training konzentrieren, mit niemandem reden und ich dort zwei Wochen alleine sitze“, erzählt sie. Aber so war es nicht. Hocke fühlte sich wohl und nicht als Außenseiterin.

Sportlich gesehen wird sie bei ihren Rücken-Rennen in Barcelona aber genau das sein. Zwischen Hocke und Schwimm-Wunderkindern wie den Olympiasiegerinnen Ye Shiwen (17), Katie Ledecky (16) oder Ruta Meilutyte (16) liegen Welten. In Barcelona gilt es deshalb, Erfahrung zu sammeln und die Halbfinals zu erreichen. „Mir sagen alle, ich solle keine Angst haben, keiner erwarte etwas von mir. Aber ich will schnell schwimmen und für mich persönlich etwas erreichen“, sagt sie. Wer Selina Hocke mit Franziska van Almsick vergleicht, der bürdet ihr zu viel auf. Immerhin holte van Almsick schon mit 14 Jahren Olympiasilber. „Vergleiche mit Franzi oder Superlative wie ‚die neue Franzi‘ finde ich übertrieben“, sagt Hocke. „Sie hat viel früher als ich ganz anderes erreicht.“

Sie muss sich erst mal zurechtfinden. „Meine Angst ist, dass mich diese Ehrfurcht, wenn ich zwischen all den Olympiasiegern umherlaufe, umhaut“, gibt sie zu. Bisher hält sich Selina Hocke wacker, macht zwar einen aufgeregten, aber vergnügten Eindruck. Und wenn die Anspannung doch zu schlimm werden sollte, hilft sicher Schokolade.