Fußball

Bereit für den Klassiker

Vor dem Finale gegen Deutschland wähnt sich Norwegens Frauen-Auswahl reif für den EM-Titel

Even Pellerud hat schon eine Menge erlebt in seiner Karriere. Der 60-Jährige gilt als Wegbereiter für die Erfolge des norwegischen Frauen-Fußballs, er hat schon in Kanada sowie Trinidad & Tobago gearbeitet, er war Weltmeister- und Europameister. Doch die Krönung seiner Laufbahn steht Pellerud nach eigener Auskunft erst unmittelbar bevor. „Am Sonntag spielen wir vor 50.000 Zuschauern, das wird wohl das größte Spiel meiner Karriere“, sagt er.

Die emotionale Überfrachtung kommt nicht von ungefähr. Norwegen gegen Deutschland ist so etwas wie der Klassiker im Frauen-Fußball, ähnlich wie bei den Duellen zwischen Deutschland und England bei den männlichen Vertretern werden auch hier rasch Erinnerungen an legendäre Spiele geweckt. Auch Norwegens Trainer Pellerud hatte gleich mal einen Vergleich parat, nachdem er mit seiner Mannschaft bei der EM in Schweden durch ein 4:2 im Elfmeterschießen über Dänemark ins Finale gegen Deutschland eingezogen war. „Natürlich wäre es schön, wenn wir wie mit mir als Trainer vor 18 Jahren Deutschland noch einmal schlagen könnten, aber das liegt jetzt ganz alleine an der Mannschaft.“

Das Vertrauen in seine kickende Belegschaft ist mächtig gewachsen während der zweieinhalb Wochen seit Turnierstart, auch wenn Pellerud vor dem Endspiel am Sonntag in Solna (16.00 Uhr, ARD und Eurosport) noch den Überraschten mimt: „Ich denke, mit uns im Finale hat kaum jemand gerechnet, für mich ist das auch keine Selbstverständlichkeit.“ Wohl aber Folge einer kontinuierlichen Leistungssteigerung. Zunächst hatte Norwegen schwer in die elfte Frauen-Fußball-Europameisterschaft gefunden und sich gegen Island zu einem 1:1 gequält. Dem 1:0 gegen die Niederlande folgte ein weiteres 1:0 zum Abschluss der Vorrunde gegen Deutschland – und das mit einer besseren B-Elf. Seither weiß Trainer Pellerud, dass seinem Team durchaus der Coup gelingen kann beim kontinentalen Kräftemessen in Schweden.

Zumal auch das Glück zurück ist. Nach dem 3:1 im Viertelfinale gegen Spanien half gegen Dänemark der Fußballgott mit. Im Elfmeterschießen erwiesen sich die Norwegerinnen als nervenstark und sind nun bereit, nach 1987 und 1993 endlich mal wieder einen EM-Titel einzuheimsen. „Wir haben gute Qualitäten in der Offensive, wir müssen unsere Gelegenheiten zum Konter nutzen, und wir müssen genauer sein vor dem Tor, wollen wir den Ball an Nadine Angerer vorbei bekommen“, meinte Norwegens Torhüterin Ingrid Hjelmseth.

Auch wenn insbesondere die Ehrfurcht vor Angerer im Kasten der deutschen Nationalmannschaft groß zu sein scheint, glauben die Norwegerinnen vor allem an ihre mannschaftliche Geschlossenheit und einen letzten Kraftakt im Finale am Sonntag. „Ich war am Ende so müde, aber jetzt ist alle Energie zurück“, sagte Abwehrspielerin Trine Rønning nach dem knappen Sieg über Dänemark. „Ich habe ein Champagnergefühl im ganzen Körper, es sprudelt überall.“

Erinnerungen bei Neid

Ob der Glücksmoment noch bis nach dem Endspiel anhält, vermag allerdings auch Rønning nicht zu sagen. Denn bislang sind die Erfolge Norwegens bei der EM lediglich Zeichen eines zarten Aufschwungs. In den 90er-Jahren noch hatte Norwegen den Frauen-Fußball beherrscht und 1995 unter der Ägide von Pellerud gar den WM-Titel gewonnen – gegen Deutschland im Finale. Bis heute ist Norwegen zudem die einzige Nation, die Europa- und Weltmeister sowie Olympiasieger werden konnte. Bundestrainerin Silvia Neid stand 1995 bei jenem schmerzhaften 0:2 aus deutscher Sicht im Endspiel in Stockholm, nur einen Steinwurf vom EM-Finalort entfernt, als Spielmacherin auf dem Platz. Und wenn es nach Pellerud geht, soll Neid auch am Sonntag als Verliererin vom Feld gehen.