Wassersport

Britta Steffen sorgt mit Startverzicht für Wirbel

Freiwasserteam schwimmt das perfekte Rennen und gewinnt überraschend WM-Gold

Zwischen Jubel und Trubel lagen im deutschen Schwimm-Team gerade mal dreieinhalb Stunden: Zuerst sorgte die überraschende Nachricht vom Nicht-Start der Weltrekordlerin Britta Steffen auf ihrer Paradestrecke 50 m Freistil für helle Aufregung und viel Rätselraten, danach gewannen die Freiwasserschwimmer mit einer phänomenalen Leistung WM-Gold im Team-Wettbewerb. An der Strecke im Hafen von Barcelona soll auch Steffen unter den Tausenden Zuschauern mitgejubelt haben. Sie dürfte sich innerlich gefreut haben, dass sich an diesem sechsten WM-Tag nicht alles nur um sie allein drehte.

„Es war von A bis Z ein perfektes Rennen“, sagte Rekord-Weltmeister Thomas Lurz, der nach Bronze über fünf und Silber über zehn Kilometer in Barcelona einen Medaillensatz komplett machte: „Ich habe von Anfang an gemerkt, dass wir ganz vorne dabei sind.“ Das DSV-Trio mit Lurz, Isabelle Härle und Christian Reichert deklassierte mit einer Siegerzeit von 52:54,9 Minuten die Konkurrenz, Griechenland (1:08,4 Minuten Rückstand) und Brasilien (1:08,6) hatten auf den Plätzen zwei und drei keine Chance. Für den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) war es bei den Titelkämpfen bereits die zweite Goldmedaille und das insgesamt fünfte Edelmetall in Barcelona. Sein insgesamt elfter Weltmeistertitel hatte für den 33-Jährigen Lurz „einen hohen Stellenwert, ich habe noch nie mit dem Team gewonnen“, sagte er: „Weltmeister zu werden, ist immer geil.“ Ein Sonderlob hatte Lurz für Quereinsteigerin Härle, die auch noch über 800 m Freistil im Palau San Jordi an den Start geht, parat: „Sie war richtig, richtig schnell.“

Suche nach Erklärungen

Schnell war Britta Steffen auch, und zwar beim ersten Training im WM-Becken. Die Weltrekordlerin verließ schon nach einer guten halben Stunde als erste Schwimmerin den Palau San Jordi – aber ohne schlechte Laune. „Guten Morgen“, grüßte die 29-Jährige freundlich beim Hinausgehen, „Morgen, Morgen.“

Zur Startentscheidung über 50 m Freistil äußerte sich die Hallenserin nicht, sie schweigt seit Monaten beharrlich. Auch deshalb blieben die genauen Hintergründe im Dunkeln, warum nun doch Steffens Teamkollegin Daniela Schreiber für den Vorlauf am 3. August nominiert wurde, obwohl diese der Doppel-Olympiasiegerin von 2008 zuvor ihren Startplatz angeboten hatte. Steffen startet damit nur über die doppelte Distanz mit weitaus geringeren Medaillenchancen und in den Staffeln.

In Erklärungen versuchten sich andere, doch die konnten zur Aufklärung kaum beitragen. Bundestrainer Henning Lambertz sagte, man habe eine „einvernehmliche Lösung gefunden, mit der alle leben können und zufrieden sind“. Frank Embacher, Heimcoach von Steffen und Schreiber, sprach von einer „Entscheidung, die nicht die Sportler, sondern die Mannschaftsleitung“ getroffen habe. Und Lutz Buschkow, der als Direktor Leistungssport noch nach dem neuen Chef-Bundestrainer Lambertz das letzte Wort hatte, sprach von einer Entscheidung, „von der wir hoffen, dass sie für den DSV den größten Erfolg bringt“. Steffen hatte sich krankheitsbedingt bei den Deutschen Meisterschaften im April in Berlin nicht für ihre Weltrekordstrecke qualifizieren können. In Abwesenheit der Hallenserin hatten sich Daniela Brandt (Essen) und Schreiber (Halle/Saale) die Tickets gesichert. Schreiber hat mit ihrer Saisonbestzeit (25,24 Sekunden) über 50 m Freistil aber keine Finalchance, während die Olympia-Vierte Steffen bei der WM-Generalprobe in Vichy/Frankreich die achtbeste Zeit des Jahres (24,76) geschwommen ist. Die Deutsche Meisterin Dorothea Brandt ist mit 24,51 Sekunden die Nummer fünf der Welt und stand nie zur Diskussion.

Was nach Verkündung der Entscheidung bleibt, ist große Aufregung und Rätselraten. Genau wie bei der WM vor zwei Jahren in Shanghai, als Steffen nach ihrem Vorlauf-Debakel über 100 m Freistil (16. Platz) vorzeitig abgereist war. „Peinlichkeit, Schwäche und Scham“ habe sie dort erlebt, erzählte sie ein paar Wochen später. Erst im Taxi auf dem Weg zum Flughafen unterrichtete sie den DSV von ihrer „Flucht“. Es hagelte Kritik, Ex-Weltmeisterin Franziska van Almsick sagte damals: „Man muss manchmal auch die Arschbacken zusammenkneifen.“