Hertha BSC

Kilometerfresser im Dauersprint

Außenverteidiger haben einen anspruchsvollen Job. Bei Hertha sind Marcel Ndjeng und Johannes van den Bergh gesetzt

Würde heute der erste Bundesliga-Spieltag angepfiffen, wären bei Hertha BSC die Außenverteidiger-Positionen besetzt mit Marcel Ndjeng und Johannes van den Bergh. Das mag überraschen, weil vergangene Saison Peter Pekarik rechts in der Abwehrkette gesetzt war. Aktuell jedoch hat Ndjeng die Nase in dem Duell vorn. Links steht bei jeder Spielform Johannes van den Bergh, der ablösefrei aus Düsseldorf gekommen ist. „Hinten links, das ist meine Position, da fühle ich mich am wohlsten“, sagt van den Bergh.

Dabei verrichtet das Duo einen anspruchsvollen und manchmal undankbaren Job. Ein Außenverteidiger muss als erstes seine Seite in der Defensive dicht machen. Und es gibt keine Position im modernen Fußball, wo Laufduelle so gut zu beobachten sind wie auf den Außenbahnen. Dann hat der Außenverteidiger häufig die meisten Ballkontakte, ist also eine Art verkappter Spielgestalter. „Soll es schnell nach vorn gehen? Oder eher in Ruhe hintenrum?“, beschriebt Ndjeng die Optionen, die er hat. Und auch, wenn die Fans im Stadion manchmal unruhig werden, weil der Außenverteidiger die Variante ‚Rückpass zum Torwart’ wählt. „Da dürfen wir uns nicht von der Unruhe anstecken lassen“, erzählt Ndjeng. „Vielleicht ist der Gegner auf meiner Seite in Überzahl. Dann wäre es viel zu riskant, dort hinein zu spielen.“

Spielweise hängt vom Partner ab

Der nächste Schritt besteht darin, perfekte Pärchen zu finden. Vor van den Bergh spielt entweder Nico Schulz oder Änis Ben-Hatira. Je nachdem, wer dort steht, ändert sich die Spielweise. „Nico steht häufig fast auf der Außenlinie, will den Ball nach vorn gespielt haben und kommt dann über seine Dynamik“, sagt van den Bergh. „Änis zieht häufiger nach innen, den werde ich viel öfter umlaufen können, weil auf der Seite noch Platz für mich bleibt.“ Diese Details lässt Trainer Jos Luhukay derzeit wieder und wieder im Trainingslager in der Steiermark üben. Ndjeng hat es auf der rechten Seite meist mit Sami Allagui zu tun. Die Mittelfeldspieler fordern immer mal wieder den Außenverteidiger auf, in die Offensive zu gehen. „Sami sagt dann mal ‚geh Du’. Damit der Gegner einen Moment irritiert ist, wen er nun zu attackieren hat.“ Ndjeng hält derzeit Dani Alves, den brasilianischen Nationalspieler vom FC Barcelona, für den besten rechten Verteidiger der Welt. Van den Bergh wirft ein: „Aber der spielt doch mehr einen Rechtsaußen.“

Eben drum, weil vom modernen Außenverteidiger erwartet wird, dass er scharfe, präzise Flanken nach innen bringt. Manchmal, so van den Bergh, erwarte der Stürmer, dass der Ball exakt auf einen Punkt kommt, wo er gerade zum Kopfball hochsteigt. „Das ist schwer. Weil wir oft nach einem Dribbling nicht die Zeit haben, hoch zu gucken. Dann bin ich froh, wenn ich überhaupt zum Flanken komme.“ Entsprechend müsse sich der Stürmer dann zum Ball bewegen. Für einen Offensivspieler wäre jetzt der Großteil der Arbeit getan. Nicht so für die Außenverteidiger, die Kilometerfresser unter den Profis. „Geht Dir das auch so?“, fragt Ndjeng den Kollegen: „Nach vorne zu sprinten macht immer Spaß. Brennen tun die Oberschenkel nur, wenn du im gleichen Tempo wieder zurück laufen musst.“

Das gilt für jeden Bundesligisten, aber für Hertha als Aufsteiger besonders: Nach einer offensiven Aktion gilt es, so schnell wie möglich in die taktische Grundordnung zu kommen. Und die sieht Verteidiger halt hinten vor. „In diesen Situationen müssen wir höllisch aufpassen“, sagte Ndjeng. Weil dann etwa ein Marco Reus (von Borussia Dortmund), der gerade 30 Sekunden Pause hatte, auf Herthas rechter Seite aufdrehe und Geschwindigkeit aufnimmt. „In der Theorie verteidige ich den Reus so, dass er gar nicht erst in Fahrt kommt und ich ihn zur Seite abdrängen kann.“ In der Praxis muss Ndjeng aber erst mal wieder hinten sein, wenn er gerade an einem Hertha-Angriff beteiligt war.

Letzter Test gegen Belgrad

Zur Not, verrät van den Bergh, muss die Hertha-Defensive bei einem gegnerischen Konter eine Seite komplett frei lassen und das ungläubige Raunen der Stadionbesucher ignorieren. „Weil das weniger gefährlich ist, als wenn die Innenverteidiger nach Außen rücken und damit die Mitte vor unserem Tor frei wäre.“ Der Ernstfall Bundesliga steht noch nicht an. Aber heute wird Hertha im neunten und letzten Vorbereitungsspiel an der Feinabstimmung feilen. Gespielt wird in Irdning gegen den serbischen Erstligisten RAD Belgrad (18.30 Uhr).