World Games

Manchmal hängen während der Wettkämpfe Äste in der Flugbahn

Wenn Elena Richter während ihres Wettkampfes durch die Wälder streift, könnte man sie für eine ganz normale Spaziergängerin halten.

Sie trägt Wanderschuhe und auf dem Rücken einen Rucksack mit allem, was sie für den Tag benötigt: Wasser, Proviant, ein Fernglas und an sommerlichen Tagen ein Fläschchen Sonnencreme. Einzig der Bogen, der über ihrer Schulter baumelt, verrät die Berlinerin. Die 24-Jährige ist Feldbogenschützin und geht in dieser Disziplin auch bei den World Games in Kolumbien an den Start.

Die Teilnahme sei für sie die Krönung ihrer sportlichen Karriere, sagt Elena Richter. Das überrascht – schließlich war sie 2012 auch bei den Olympischen Spielen in London mit von der Partie, wo allerdings nicht im Feld, sondern auf der Anlage geschossen wurde. Trotzdem haben die World Games für Elena Richter einen größeren Stellenwert. Während sie dort bereits in der zweiten Runde ausschied, zählt die Sportlerin vom BSC BB Berlin in Cali zu den Favoriten. 2011 wurde Richter Europameisterin, im Jahr darauf sogar Weltmeisterin. Nun will der Schützling von Trainer Oliver Haidn seine Titelsammlung mit Gold bei den World Games vervollständigen.

Mal im Hellen, mal im Dunklen

Die Unterschiede zwischen dem olympischen und dem Feldbogenschießen sind groß. Zwar ist der Bogen in beiden Disziplinen derselbe, doch das ist auch fast schon die einzige Gemeinsamkeit. Bei Olympia schießen die Bogenschützen zweimal 36 Pfeile auf eine 70 Meter entfernte Scheibe mit einem Durchmesser von 122 Zentimetern. Die Schießanlagen sind alle gleich, man kann sich im Training also gut auf den Wettkampf vorbereiten. Anders beim Feldbogenschießen. Jede der 24 Scheiben steht in einer anderen Entfernung vom Schützen, mal im Hellen, mal im Dunklen. Sie sind unterschiedlich groß mit teilweise nur 20 Zentimeter Durchmesser, und manchmal hängen auch noch Äste in der Flugbahn des Pfeils. Hinzu kommt, dass die Abstände in der ersten Runde noch nicht bekannt sind. Mittels Dreisatz versuchen die Athleten, die Entfernungen zu berechnen, doch selbst Profis schießen mal daneben. „Man muss mit den Gegebenheiten arbeiten und viel flexibler sein“, sagt Elena Richter. Der Parcours im Feldbogenschießen führt über steile Pfade und unwegsames Gelände. Für manche ist es deshalb die ursprünglichere Variante dieses Sports. Ein bisschen wie damals bei Robin Hood. Richter mag diesen Vergleich nicht: „Ein Fechter fühlt sich auch nicht wie d’Artagnan.“.

2600 Pfeile pro Woche

Seit 2000 ist sie Bogenschützin, erst neun Jahre später nahm sie erstmals an einem Wettkampf im Feldbogenschießen teil. Bei strömendem Regen und in geliehenen Wanderschuhen, die zwei Nummern zu groß waren, bereitete die Premiere nur mäßig Freude. „Im ersten Moment dachte ich: Nie wieder“, erinnert sich Elena Richter. Doch sie versuchte es wieder und qualifizierte sich 2010 erstmals für die WM, wo sie auf Anhieb Vierte wurde und mit der Mannschaft sogar den Titel holte.

Trotz aller Erfolge bleibt das olympische Bogenschießen ihre Hauptdisziplin. „Das ist das, wofür ich bezahlt werde“, sagt die Sportsoldatin. Auch in dieser Saison hat Elena Richter vor den World Games lediglich zwei Wettkämpfe im Feld absolviert. Nicht nur deshalb wird sie in Cali hochkonzentriert zu Werke gehen müssen, um sich zunächst einmal für das Finale zu qualifizieren. Nur die ersten Vier erreichen dort die Medaillenrunde, während es sonst die besten 16 sind. „Das ist eine reizvolle Herausforderung“, findet die Berlinerin. Fünf Mal in der Woche trainiert sie in der kleinen Schießhalle im Sportforum Hohenschönhausen, jeweils drei bis fünf Stunden lang. In besonders intensiven Wochen verschießt sie 2600 Pfeile pro Woche. Am Ende werde aber nicht die Schusstechnik über Sieg und Niederlage entscheiden, glaubt Richter. „Gewinnen wird diejenige, die die beste Psyche hat.“