World Games

Wie aus Sport die große Liebe wurde

Für Sergey und Viktoria Tatarenko ist der Flug nach Cali eine Reise zu den Wurzeln ihres Sports.

Sie gehen im lateinamerikanischen Tanzen an den Start, das in der kolumbianischen Kultur einen ähnlichen Stellenwert hat wie der Fußball in Deutschland. In den Tanzschulen in den Armenvierteln bekommen Jungen und Mädchen schon früh die richtigen Schritte beigebracht. „Sie haben das Tanzen im Blut“, sagt Sergey Tatarenko. Für die Kolumbianer gehören diese Wettbewerbe deshalb zu den Höhepunkten der World Games. Viktoria Tatarenko ist das nur recht: „Wenn die Stimmung im Saal gut ist, ist die Leistung meist umso besser.“

Die 26-Jährige stammt aus Dnjpropetrowsk in der Ukraine, zog jedoch als Siebenjährige mit ihren Eltern nach Berlin, wo sie mit dem Tanzen begann. Mit 14 Jahren suchte sie im Internet nach einem russischen Tanzpartner, „weil die russischen Männer einfach gut tanzen können“. Sie fand den ein Jahr jüngeren Sergey, der zunächst von ihren Fähigkeiten nicht gerade angetan war. Das Video, das ihm Viktoria geschickt hatte, überzeugte ihn nicht. Der gebürtige Sankt Petersburger stand seit zehn Jahren auf der Tanzfläche – Viktoria erst seit vier. Trotzdem kam Sergey doch nach Berlin und zog bei ihrer Familie ein. Zwei Jahre später wurden die beiden auch privat ein Paar, 2008 heirateten sie. „Vor lauter Tanzen hätte ich sowieso keine Zeit für einen anderen Partner gehabt“, meint Viktoria Tatarenko lachend.

Das Tanzpaar startet für den Ahorn-Club, die Tanzsportabteilung des Polizei SV Berlin. Trainiert wird in der Polizeikantine in Ruhleben. „Tanzen ist definitiv Sport, man braucht Kraft und Kondition“, sagt Sergey Tatarenko. „Die Kunst ist es, athletisch zu sein und dabei doch grazil zu bleiben.“ Seine Frau ergänzt: „Die guten Paare schaffen es, ihre eigene Persönlichkeit auf die Tanzfläche zu bringen.“ Im vergangenen Herbst ist das den Tatarenkos gleich zweimal geglückt: Bei der Weltmeisterschaft der Profis gab es Silber im Lateinturnier – diese Disziplin steht auch bei den World Games auf dem Programm – und sogar Gold in der Kür.

Einige der Konkurrenten von damals sind bei den World Games nicht startberechtigt, weil die Tanzpartner aus unterschiedlichen Ländern stammen. Auch die Teilnahme der Tatarenkos hing am seidenen Faden: Während Viktoria seit 2005 einen deutschen Pass besitzt, traf das Dokument von Ehemann Sergey erst im Januar und damit eigentlich erst nach dem offiziellen Meldeschluss ein. „Zum Glück hatte uns aber der Deutsche Tanzsport-Verband schon unter Vorbehalt gemeldet“, berichtet er. Ziel in Cali ist nun zunächst der Einzug in das Finale der besten Sechs.

In der Vergangenheit war die Punktevergabe beim Tanzsport – ähnlich wie beim Eiskunstlauf – nicht immer nachvollziehbar. Bei den World Games soll ein neues System Abhilfe schaffen, erklärt Viktoria Tatarenko: „Bisher musste ein Kampfrichter in der Vorrunde in anderthalb Minuten gleich 16 Paare in fünf Kategorien bewerten. Für jedes Paar hatte er nur wenige Sekunden. Da ist es schon vorgekommen, dass jemand besser bewertet wurde, nur weil er sonst auch immer gut getanzt hat.“

In Kolumbien muss jeder Schiedsrichter nun nur noch ein Kriterium bewerten, etwa die Technik, die Musikalität oder wie beide Partner miteinander agieren. Zudem werden künftig bereits in der Vorrunde Punkte vergeben, anstatt wie bisher nur zwischen einer guten und einer schlechten Ausführung zu unterscheiden. „Das macht die Sache nachvollziehbarer“, findet Viktoria Tatarenko.