Wasserball

„Auf unseren Rücken hängen die dicksten Brocken“

Der Berliner Andreas Schlotterbeck über seinen Job als Wasserball-Center und die WM-Chancen der deutschen Mannschaft

Andreas Schlotterbeck war ein neunjähriger Steppke, konnte nicht einmal schwimmen, aber er wusste schon: Ich werde Wasserballer. Da ahnte noch niemand, dass er ein gestandener Nationalspieler in seiner Sportart werden würde. Fast 250 Länderspiele hat der Kaufmann für Bürokommunikation mittlerweile bestritten. Von diesem Montag an bestreitet Schlotterbeck in Barcelona seine fünfte Weltmeisterschaft mit dem Team des Deutschen Schwimm-Verbandes. Vor der Abreise sprach der 31-jährige, gebürtige Berliner mit Dietmar Wenck über seine Ziele mit der verjüngten Mannschaft und den Neuanfang bei den Wasserfreunden Spandau.

Berliner Morgenpost:

Herr Schlotterbeck, wie kommt ein Nichtschwimmer auf die Idee, Wasserballer zu werden?

Andreas Schlotterbeck:

Mein Cousin hat beim SC Wedding gespielt. Er hat mich mitgenommen, und dann bin ich da hängen geblieben. Der Trainer dort, Werner Kniep, sagte mir, ich sei ein Riesentalent.

Aber schwimmen konnten Sie nicht?

Naja, man lernt das ja in der Grundschule. Ich konnte mich über Wasser halten. Und über die Jahre lernt man es dann immer besser, notgedrungen. Ich bin immer noch nicht ein so toller Schwimmer wie die anderen, aber es ist ausreichend.

Sie haben kein Freischwimmer-Abzeichen?

Mann, Sie fragen mich ja was! Nein, ein Schwimm-Abzeichen habe ich nie gemacht.

Okay, es hat ja schließlich gereicht, um einer der besten deutschen Wasserballer zu werden. Vor Kurzem, beim letzten WM-Vorbereitungsturnier vor der WM in Ungarn, haben Sie ein Tor geworfen. So oft geschieht das aber nicht. Warum?

Meine Hauptaufgabe besteht eigentlich darin, Lücken für die Außenschützen zu schaffen. Oder Herausstellungen des Gegners zu erreichen, beispielsweise, weil sie mich gefoult haben. Dann haben wir mehr Überzahlspiele. Ich könnte schon ein oder manchmal auch zwei Tore pro Spiel werfen, doch wenn der Gegner die Räume so gut zustellt, dass ich nicht angespielt werden kann, dann ist es sehr schwierig.

Wasserball ist knochenhart, die Center werden gern als Kampfschweine im Wasser bezeichnet. Trifft die Beschreibung?

Wir müssen halt am meisten aushalten, eine Menge einstecken können. So wie Kreisläufer im Handball. Und auf unseren Rücken hängen immer die dicksten Brocken, die einem körperlich auch richtig zusetzen. Da zu bestehen, ist ziemlich schwierig. Man kämpft ums Überleben.

Das tut der deutsche Wasserball insgesamt im Moment, könnte man meinen. Wie sehen Sie die Aussichten bei der WM, was kann die deutsche Mannschaft erreichen?

Wir sind in einem Umbruch, eine junge Mannschaft. Viele Etablierte haben aufgehört. Da ist ein großes Loch gerissen worden, das müssen die Jungen kompensieren. Unser Minimalziel ist die Runde der letzten Acht. Das heißt: Nach der Gruppenphase das Achtelfinale überstehen. Wenn jeder sein Leistungspotenzial abruft, auch die Jüngeren, dann ist das machbar. Bis auf Serbien machen alle anderen Mannschaften jetzt einen Generationswechsel durch. Da sind die Chancen quasi in jedem Spiel fifty-fifty. Wer weiß, mit ein bisschen Glück holen wir ja vielleicht sogar eine Medaille.

Sie haben in Ihrer Karriere alle großen Gegner schon geschlagen. In letzter Zeit haben sich die Rückschläge gehäuft. Warum?

Man sollte Realist sein. Aber die jüngsten Ergebnisse spiegeln auch nicht immer wider, was wir wirklich drauf haben. Zum Beispiel zuletzt gegen Ungarn, da stand es nach drei Vierteln 1:3. Das letzte Viertel verlieren wir 2:6. Da fehlt es bei den Jüngeren einfach an internationaler Erfahrung.

Sie sind mit 31 Jahren der Älteste in der Mannschaft. Bundestrainer Nebojsa Novoselac hat Moritz Oeler zum Kapitän ernannt. Waren Sie enttäuscht, dass Sie es nicht geworden sind?

Es gab vorher Gespräche, und aus dem Nichts heraus sagt der Trainer: Moritz ist es. Klar, da war schon ein bisschen Enttäuschung dabei. Ich bin ja auch Aktivensprecher. Vielleicht war das eine politische Entscheidung, dass nicht eine Person zu viele Ämter bekleiden soll. Ich hätte es gern gemacht.

In der Vorrunde geht es Montagabend gegen Kasachstan, danach gegen Italien und Rumänien: Wie ist der Plan?

Erstens Kasachstan schlagen, dann möglichst Erster oder Zweiter werden. In der nächsten Runde drohen Serbien, Ungarn, Australien und China. Je besser wir in unserer Gruppe abschneiden, um so besser werden unsere Chancen im Achtelfinale. Serbien wäre sehr schwer, aber Ungarns Team ist auch verjüngt worden. Die sind nicht mehr vom anderen Stern.

Nicht nur in der Nationalmannschaft, auch bei Ihrem Stammverein Spandau 04 ist einiges in Bewegung. Sie haben in diesem Jahr keinen nationalen Titel gewonnen, sind vom ASC Duisburg abgelöst worden.

Das ist halt mal so. Die haben auch über die Jahre die Mannschaft zusammengehalten und gut gearbeitet. Das war schon verdient.

Jetzt bekommen Sie mit Andras Gyöngyösi einen neuen Trainer, einen neuen Torwart, andere Spieler. Der Patient wurde quasi am Herzen operiert. Was kommt jetzt?

Ich bin auch sehr gespannt, das habe ich so noch nicht mitgemacht in Spandau. Noch kennt niemand von uns den neuen Trainer. Er ist Ungar, und die ungarische Schule ist halt: Viel schießen, viel Beinarbeit. Und viel schwimmen (lacht), das ist nicht so schön. Ich bin mal gespannt.