Bundesliga

Vorfreude auf eine Saison mit viel Pep

Warum die Fans in Deutschland dem Start der Fußball-Bundesliga entgegenfiebern

Am Sonnabend hat Katrin Müller-Hohenstein im ZDF-Sportstudio ein ebenso flexibles wie kompliziertes Abendprogramm für den kommenden Mittwoch bekannt gegeben. Man plane zweigleisig, verkündete die Moderatorin: Sollten die deutschen Mädels bei der EM nicht den Italienerinnen zum Opfer fallen, strahle man ihr Halbfinale dann am Mittwoch im Hauptprogramm aus – andernfalls rücke das für 18 Uhr terminierte Spiel des FC Bayern gegen den FC Barcelona kurzerhand auf 20.15 Uhr vor.

Auf gut Deutsch: Selbst wenn die Welt untergeht, gehört die beste Sendezeit ab sofort wieder den drei wirklich wichtigen Dingen des Lebens, Fußball, Fußball und Fußball. „Der Ball ist der springende Punkt“, wusste schon der alte Bayern-Guru Dettmar Cramer. Aber erst recht jetzt, mit dem neuen Bayern-Guru. Vorbei und verjährt sind die Zeiten, als Cramer den Bayern noch beibrachte, wie man den Europacup holt, oder als der Star des deutschen Fußballs noch der Pepita-Hut von Klaus „Schlappi“ Schlappner war. Heute ist es Pep.

„Noch 18 Tage bis Guardiola“ haben wir neulich irgendwo gelesen, vor dem Amtsantritt des Erwählten, und viele Fans schnibbelten am Maßband mit hektischer Ungeduld den nächsten Zentimeter ab. Die Zahl der Euphorisierten ist inzwischen weiter sprunghaft gewachsen, und nach glaubhaften Umfragen schlägt das Fußballgefühl mittlerweile alles, was man hierzulande diesbezüglich gewohnt war. Kurz: es kribbelt. Acht von zehn Deutschen bekommen bereits eine wohlige Gänsehaut, wenn sie an die neue Saison nur denken, und die restlichen zwei sind sogar so elektrisiert wie Wolfgang Niersbach: Der DFB-Präsident, mitgerissen von der Aufbruchstimmung im Land, möchte eher gestern als morgen mit Bundestrainer Jogi Löw schon einmal überstürzt den Vertrag verlängern, und sogar Silvia Neid hat er zuletzt rund um die Uhr den Rücken gestärkt und alle Stimmungstöter („Was macht diese Mutti eigentlich?“) beschwingt besänftigt: Mutti macht das schon.

Die Lust auf das Kommende schlägt vor Freude Purzelbäume. Am Wochenende hat die prickelnde Saison begonnen, zunächst noch zweit- und drittklassig und ohne Pep – aber falls Sie schon einmal wissen wollen, wie hoch die Ansprüche und Erwartungen sind, fragen Sie am besten Timo Horn. Der Torwart des 1. FC Köln hat in Dresden einen Rückpass mittels einer Slapstick-Einlage praktisch zu einem Eigentor verarbeitet – hätte aber nicht gedacht, dass sein lustiger Stockfehler Wellen schlägt, die höchstens noch vergleichbar sind mit La Ola, der neuen Welle der Fußballbegeisterung. Usain Bolt will sich angeblich fernmündlich bei Horn bedanken, dass er ihm einen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit abgenommen hat.

Das Leben ist zu kurz, um es wochenlang ohne Fußball zu vergeuden. Neulich musste die unerträgliche Tristesse der fußballlosen Zeit sogar tagelang überrückt werden mit einem öffentlichen Gelehrtenstreit über einen ZDF-Werbespot zur Frauen-EM, den ein paar völlig aus der Fassung gebrachte Gutmenschen für sexistisch hielten, mindestens aber für frauenfeindlich, weil eine aparte Grazie in kurzen Hosen den Fußball in Richtung Bullauge einer Waschmaschine pfefferte.

Schwamm drüber. Der schlüpfrige Vorfall wurde inzwischen spurlos weggeschwemmt von der Welle der Pep-Begeisterung: Der berühmteste Trainer der Welt krönt die Bayern, die beste Mannschaft der Welt, und in deren Nacken lauern als zweitbeste Mannschaft der Welt die Dortmunder – das ist fast eine Aufbruchstimmung wie 1954, als die Helden von Bern uns Nachkriegsdeutschen eintrichterten: Wir sind wieder wer.

Anstecken mit dem Fieber müssen wir jetzt nur noch ein paar letzte zaghafte Zauderer. Die nagen noch an den Tiefschlägen von neulich, dem EM-Scheitern der deutschen U 17, dem jähen Aus der U 19 und dem kalten K.o. der U 21. Hatten wir, nörgeln sie, nicht alle schon gedacht, dass uns dank unserer Talente demnächst die Welt gehört? „Quo vadis, Deutschland?“, fragte nach den kleinen Rückschlägen aufgeregt das Internetportal Sport 1, und andere Bedenkenträger belästigen Astrologen, anstatt es einfach mit Albert Einstein zu halten: Ich denke niemals an die Zukunft – sie kommt früh genug.

Schon diesen Mittwoch. Noch zweimal schlafen, dann schlagen die Bayern gegen Barcelona zu und zeigen den Spaniern gleich zum Auftakt der WM-Saison, dass sie die längste Zeit Weltmeister waren. Wir besiegen sie ab sofort mit ihrer eigenen Waffe – mit Pep. Er gibt uns den Kick, den wir brauchen. Die Saison kann losgehen. Es kribbelt.