Hertha BSC

Der Mann für das gewisse Risiko

Änis Ben-Hatira will endlich seinen Wert für Hertha beweisen. Luhukay lobt positive Entwicklung

Im Tor brüllte Sascha Burchert, um Peter Pekarik zu helfen: „Links! Links!“ Doch es half nichts. Auf den rechten Außenverteidiger, ausgestattet mit der Erfahrung von 44 Länderspielen für die Slowakei, stürmte Änis Ben-Hatira zu. Den Ball eng am Fuß. Noch einmal brüllte Burchert: „Links!“ Ben-Hatira täuschte an, als ob er rechts nach innen wolle, um den Ball dann doch links am Verteidiger vorbei zu legen. Der Verteidiger strauchelte, Ben-Hatira flankte, in der Mitte köpfte Adrian Ramos den Ball ins Tor. Burchert schüttelte genervt den Kopf. Pekarik, der mittlerweile auf dem Hosenboden saß, hob entschuldigend die Schultern.

Zwei Stunden nach dieser Episode aus dem Trainingsspiel saß ein gut gelaunter Änis Ben Hatira (25) beim Medientermin im Schatten der mächtigen Burgmauern des Schlosshotels Pichlarn. „Ich liebe es, an einem Gegner vorbei zu ziehen. Das ist ein unvergleichliches Gefühl. Das war schon früher so, als wir auf dem Bolzplatz Fünf gegen Fünf gespielt haben.“

Käfig-Kicker aus Wedding

Ben-Hatira, der Käfig-Kicker aus dem Wedding, dieses Etikett haftet an ihm, seit er im Profifußball gelandet ist. Seite an Seite mit Kevin Boateng, Patrick Ebert und Ashkan Dejagah. Nur mit dem Unterschied, dass die Kumpels von einst in ihrer Karriere viel weiter sind. Bei Ben-Hatira, seit seinem 17. Lebensjahr Profi, stehen nur 45 Bundesliga-Einsätze in der Statistik. Ben-Hatira hat sich vorgenommen, das zu ändern. „Mit 25 Jahren gehöre ich nicht mehr zu den Jungen. Klar will ich viel mehr Spiele machen.“ Leute, die ihn täglich erleben, berichten, dass Ben-Hatira mittlerweile konzentrierter sei, erwachsener.

So hat er im Urlaub einen Privattrainer engagiert. Er glänzte mit Topwerten beim Laktattest. Die Ausdauereinheiten absolvierte Ben-Hatira als Tempomacher in der schnellsten Gruppe. Trainer Jos Luhukay ist angetan. „Ich bin beeindruckt von Änis. Er ist jetzt schon in einer Topverfassung.“ Und merkt beiläufig einen Punkt an, der nicht immer zu den Stärken von Ben-Hatira gehört hat. Luhukay: „Ich bin auch beeindruckt von seiner Bereitschaft, gegen den Ball zu arbeiten, da investiert er richtig viel.“

Dennoch fiel in den Vorbereitungsspielen auf, dass der Deutsch-Tunesier die eine oder andere Situation nach wie vor zu kompliziert spielt oder sich zu spät vom Ball trennt. Was manche Fans nervt, hat System.

Ben-Hatira erklärt es so: „80, 90 Prozent meiner Bälle sind einfache Pässe, schnelles, direktes Spiel. Aber in der Zone 30 Meter vor dem gegnerischen Tor, da fordert der Trainer, dass ich Eins gegen Eins gehe. Unberechenbar bin. Natürlich bleibt man da öfter mal hängen. Ich bin ein Risikospieler.“ Luhukay bestätigt das: „Änis steht für ein gewisses Risiko. Diese Qualität soll er in jedem Fall beibehalten.“

Eigentlich spricht Ben-Hatira nicht gern über sich. Ja, er wolle am ersten Spieltag in der Startelf stehen. Und ja, er wolle jedes Saisonspiel machen. Wichtiger ist ihm der Erfolg von Hertha BSC. Er lobt seinen Vorgesetzten. „Ich lerne brutal viel im Training, viel mehr als in den Testspielen.“ Der Schlüssel zum Erfolg sei das Konzept, genau gesagt, das Luhukay-Konzept. Wenn das aufgeht, „werden wir Erfolg haben. Davon profitiert jeder hier in dieser Gruppe.“

Ben-Hatira berichtet über seine schwierige Zeit beim Hamburger SV, wo er von 2006 bis 2011 war. Dort spielte er mit Stars wie Ze Roberto, Vincent Kompany oder Ruud van Nistelrooy. „Aber es gab im Verein viele Probleme. Das ist bei Hertha anders. Ich habe noch nie in einer so harmonischen Mannschaft gespielt wie hier.“

Wer die Übungseinheiten im Trainingslager in der Steiermark verfolgt, hat allerdings nicht den Eindruck von übertriebener Harmonie. Mit schneidender Stimme unterbricht Luhukay wieder und wieder. Er ist laut, direkt und streng. Er schimpft über langsame Passfolgen, über verkehrte Raumaufteilung oder schludrige Zuspiele. „Ich mag keine Gemütlichkeit“, sagte Luhukay, „Gemütlichkeit bedeutet Stillstand. Den können wir uns als Aufsteiger nicht leisten.“

Damit die Mission Klassenerhalt erfolgreich wird, braucht Hertha hungrige, einsatzbereite Spieler. Ben-Hatira ist so einer. Er will nichts wissen von dem Druck, nachdem der Verein zwei Mal abgestiegen ist. „Ich habe null Angst. Ich freue mich riesig.“ Er zähle jeden Tag bis zum Start. Die Antwort auf die Frage, wie viele Tage es sind bis zum 10. August, an dem es gegen Eintracht Frankfurt geht, kommt wie aus der Pistole geschossen: „20.“

Der Anführer der Jungen

Intern ist Ben-Hatira der Anführer in der Gruppe der Jungen um Nico Schulz, Fabian Holland oder Philip Sprint. Aber er will in dieser Saison beweisen, dass er gegen jeden bestehen kann. „Die Verteidiger in der Bundesliga sind besser. Cleverer, schneller. Die Stadien sind größer. Du hast mehr Zuschauer.“ Die gleiche Freude versprüht er, wenn es um die tunesische Nationalmannschaft geht. Wie viele Einsätze er hat, „weiß ich ehrlich gesagt nicht“. Es sind sechs. Wichtiger ist, dass Tunesien seine Qualifikationsgruppe anführt. Im Anschluss steht eine weitere Play-off-Runde aus. Die Sieger reisen zur WM 2014 in Brasilien. „Länderspiele sind das Sahnehäubchen obendrauf. Aber das Wichtigste ist die Bundesliga“, sagt Ben-Hatira. „Echt, von mir aus könnte es morgen los gehen.“