Spielerauswahl

Elf aus 27

Hertha reiste mit großem Kader ins Trainingslager in die Steiermark. Dort beginnt der harte Kampf um die Stammplätze

Die Frage, ob sein Kader nicht zu groß sei, irritiert Jos Luhukay. Der Hertha-Trainer kann solche Überlegungen nicht nachvollziehen. Konsequent plant er mit allen 24 Feldspielern und drei Torhütern für die Bundesliga-Saison. Für ihn hat der verschärfte Konkurrenzkampf den angenehmen Nebeneffekt, dass es im österreichischen Trainingslager zu harten Duellen um die Positionen kommt. Zwar hat Hertha alle sieben Testspiele gewonnen. Doch Luhukay ließ sich dort kein Team einspielen. Er achtete vor allem auf eine immer intensiver werdende, gleichmäßige Belastung für alle Spieler. Erst jetzt im Trainingslager in der Marktgemeinde Irdning in der Steiermark geht es um Positionen, wird der Kampf um Plätze in der Startelf verschärft.

Torwart: Einen Vorsprung haben nur zwei Spieler. Thomas Kraft (24) ist der unumstrittene Stammkeeper. Hertha ist von ihm so überzeugt, dass Manager Michael Preetz trotz eines noch bis 2015 laufenden Vertrags mit dem 24-Jährigen verlängern möchte. Als Backup steht Sascha Burchert (23) bereit.

Sturm: Die zweite klare Personalie findet sich im Sturm, wo Jos Luhukay weiter an seinem Ein-Stürmer-System festhält. Dabei kämpfen dort vier Spieler um den einen Platz. „Adrian Ramos ist erst einmal die Nummer 1“, sagt der Trainer. Die Vorteile des kolumbianischen Stürmers sind seine Schnelligkeit und die Kopfballstärke. Eigenschaften, die in der Bundesliga gefragt sind.

Hinter Ramos liefern sich U21-Stürmer Pierre-Michel Lasogga (21) und Sandro Wagner (25) das Duell. Für Lasogga heißt die klare Bevorzugung von Ramos, dass er auf eine Eigenschaft zurückgreifen muss, die er nach überstandener Kreuzbandverletzung erst hart erlernen musste: Geduld. Statt wieder in die Startelf zu rutschen, musste er auf der Bank auf seine Chance warten. An der Situation hat sich nichts geändert. Sie kann sich noch verschlechtern, sollte er nicht den Vorzug vor Wagner erhalten. Dann droht Lasogga der Tribünenplatz. Denn der vierte Angreifer Sami Allagui ist neben dem Sturmzentrum auch auf Rechtsaußen einsetzbar. Kaum vorstellbar, dass Luhukay gleich drei mögliche Stürmer auf die Ersatzbank setzt.

Defensives Mittelfeld: Nirgendwo im Team ist der Kampf so eng wie hier. In der Zweiten Liga war Kapitän Peter Niemeyer (29) der klare Sechser. Doch so offensichtlich ist es nicht, dass das so bleibt. Der Japaner Hajime Hosogai (27) wurde für die Position verpflichtet, ist aber erst seit einer Woche im Training. Zusätzlich kehrt Fabian Lustenberger aus der Innenverteidigung auf seine Lieblingsposition zurück. Luhukay hat zwar gesagt, dass er sich vorstellen kann, den Schweizer mal in der Abwehr, mal im Mittelfeld einzusetzen. Doch dieses ständige Verschieben wird dem 25-Jährigen kaum gefallen.

Bei Niemeyer und Lustenberger hat es Luhukay zudem mit zwei Leistungsträgern seines Aufstiegsteams zu tun. Der Wunsch nach mehr Alternativen als im Vorjahr, als Niemeyer bei Verletzungen nur schwer als Persönlichkeit auf dem Platz zu ersetzen war, ist erfüllt. Gleichzeitig hat sich der Trainer damit eine Zwickmühle eingehandelt. Der Kapitän sah das zu Beginn der Vorbereitung noch entspannt, sagte: „Ich freue mich auf den Konkurrenzkampf.“ Vier Wochen später geht es nun in Österreich in die Auseinandersetzung um die Startelf.

„Es geht um die Abstimmung der Pärchen. Die Balance zwischen den Spielern muss stimmen“, nannte Luhukay als Ziel im Trainingslager. Entscheidend wird für die Kandidaten im defensiven Mittelfeld sein, mit welchem Kollegen sie ihre Stärken am besten ausspielen. Lustenberger wird die bessere Spieleröffnung zugeschrieben, während Niemeyer als harter Zweikämpfer bekannt ist.

Zentrales Mittelfeld: Neben Peer Kluge (32) und Ronny (27) ist noch Alexander Baumjohann (26) hinzugekommen, der bis jetzt eine starke Vorbereitung spielt. Mit dem Zugang aus Kaiserslautern hat der brasilianische Top-Scorer der vergangenen Saison einen Konkurrenten, der ihn auch bei Standardsituationen vertreten kann. Eine ungewohnte Situation für Ronny, der in der Zweiten Liga unersetzlich war. Peer Kluge hingegen ist für Luhukay aus anderem Grunde wichtig. Der Sachse läuft weite Wege und hält damit vor allem Ronny oft den Rücken frei. Sollte Baumjohann im Trainingslager weiter so präsent sein, dürfte Luhukay hier Entscheidungsschwierigkeiten bekommen. Wobei der Coach solche Fragen ebenso elegant wegmoderiert wie die nach der Kadergröße: „Das ist kein Problem. Ganz im Gegenteil ich freue mich, dass ich so viele Alternativen habe“, entgegnet der Niederländer dann häufig.

Außenpositionen: Hier hat Luhukay eine große Auswahl. Die Frage stellt sich allerdings, welcher der Kandidaten den Bundesliga-Ansprüchen in jeder Hinsicht genügt. Wenig befürchten muss der rechte Außenverteidiger Peter Pekarik (26), der vor allem durch konstante Leistungen auffällt. Doch davor suchen drei Spieler ihre Chance. Dabei ist mit Marcel Ndjeng (31) nur ein Spieler dabei, der auf dieser Position wirklich zu Hause ist. Sowohl der Israeli Ben Sahar (23) als auch Sami Allagui (27) sind eigentlich Stürmer, die aber aufgrund des starken Konkurrenzkampfes in der Spitze nach hinten gerückt sind. Was wie eine Notvariante aussieht, hält Ndjeng für einen Vorteil: „Wir sind dadurch viel flexibler, da wir vollkommen verschiedene Spielertypen sind.“

Sahar kann auch auf der linken Seite spielen. Dort hat aktuell Nico Schulz (20), der aus dem Hertha-Nachwuchs kommt, einen leichten Vorsprung vor Änis Ben-Hatira (25). Der Tunesier kommt nicht richtig in Fahrt, trennt sich häufig zu spät vom Ball und reibt sich in vermeidbaren Zweikämpfen auf. Schulz hingegen überzeugt durch sein Tempo. Die Testspiele gegen Palermo (Dienstag) und Belgrad (Freitag) werden zeigen, ob das nicht nur eine gute Frühform ist. Dahinter gibt es einen Zweikampf zwischen Zugang Johannes van den Bergh (26), der offensiv Akzente setzt, und dem eher defensiv agierenden Youngster Fabian Holland (23).

Innenverteidigung: Relativ klar scheint die Rollenverteilung dagegen in der Abwehrmitte. Hier überzeugt das Duo aus John Brooks (20) und Sebastian Langkamp (25). Konkurrent Maik Franz (31) ist für die ersten beiden Spiele gesperrt, und der Tscheche Roman Hubnik (29) musste wegen einer Innenbanddehnung die vergangene Woche etwas kürzer treten.

Jos Luhukay wird schon in Österreich viel reden müssen, um den Konkurrenzkampf zu moderieren. Dafür braucht er nicht erst das Pokalspiel beim VfR Neumünster abzuwarten, vor dem er sich erstmals für elf Spieler entscheiden muss. In der Zweiten Liga ist dem Coach das hervorragend gelungen. Auch weil Ausfälle immer wieder Chancen für die vermeintlichen Reservisten boten. Mit dieser Erfahrung im Hintergrund betont der Trainer: „Für den Klassenerhalt in der Bundesliga benötigen wir nicht elf, sondern alle 27 Spieler.“ Diese Mentalität im Trainingslager dem gesamten Team zu vermitteln, könnte seine größte Aufgabe werden.